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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

285. Freitagsbrief (vom Mai 2008, aus dem Russischen von Gesine Reinwarth).

Russland
Kreis Perm
Michail DmitrijewitschWeresnikow.

[…] Ihnen schreibt Nina Michailowna Kowal, die Tochter des ehemaligen Kriegsgefangenen Michail Dmitrijewitsch Weresnikow. Wir erhielten Ihren Brief, antworten aber mit großer Verspätung. […] Mein Vater wurde am 2. November 2007 87 Jahre alt, und er hört und sieht schlecht, deshalb schreibe ich für ihn. Ihr Brief und Ihre Hilfe riefen viele widerstreitende Gefühle hervor, die man erst durchleben und überdenken musste.

Vier Jahre in deutscher Kriegsgefangenschaft gingen nicht ohne Folgen vorbei und hatten Einfluss auf sein ganzes späteres Leben. Wenn auch mehr als 60 Jahre vergangen sind, sitzt der Schmerz noch wie damals in seiner Seele. Wie oft entrang sich seiner Kehle das Bedauern darüber, dass er am Leben blieb! Er sagte: „Wäre ich doch bei einem Bombardement umgekommen anstatt mit diesem Makel zu leben und die ständigen Vorwürfe und Erniedrigungen durch die eigenen Leute zu erleben!“ Die hiesige Bevölkerung hielt alle Heimkehrer aus der Gefangenschaft für Verräter und „Drückeberger“, während andere ihr Blut vergossen. So dachten auch die Frontsoldaten selbst, natürlich nicht alle, aber doch etliche. Eltern verboten ihren Töchtern, solche zu heiraten. Jedoch der Vater meiner Mutter, der nicht nur einen Krieg erlebt hatte, sagte zu ihr, dass es Krieg ohne Gefangenschaft nicht gäbe und riet ihr, meinen Vater zu heiraten. Das war 1946, ein Jahr nach der Befreiung, fern von seiner Heimat, denn er durfte ein bestimmtes Gebiet nicht verlassen. Mein Vater ging nicht zu den Feierlichkeiten am Tag des Sieges. Er hielt sich nicht für einen der Sieger und bemühte sich auch, niemanden zu besuchen, weil er fürchtete, sich schiefen Blicken und Vorwürfen auszusetzen; zu Hause feierten meine Eltern jedoch im Kreise der Familie von ganzem Herzen diesen Tag und erhoben die Gläser zum Andenken an die an der Front Gefallenen und die in Gefangenschaft Umgekommenen. Oft kamen Freunde, Nachbarn, Bekannte, um ihm zum Feiertag zu gratulieren.

Mein Vater, Michail Dmitriejwitsch Weresnikow, geboren im Jahre 1920, wurde am 9.10.1940 zur Armee eingezogen (zu den Grenztruppen). Er kam in einen besonderen westlichen Militärbezirk in Belorussland. Die Armee wurde von General Pawlow kommandiert. Eine Woche vor Beginn des Krieges wurden sie in ein Feldlager in Richtung polnische Grenze verlegt. In der Nacht vor Kriegsbeginn gingen sie spät schlafen. Sie erwachten von Flugzeuggetöse und fürchterlichem Lärm irgendwo in der Nähe. Ein Aufklärungsflugzeug überflog ihr Zeltlager so tief, dass es fast die Baumwipfel streifte. Vom Schlaf benommen, konnten sie nichts begreifen. Die Kommandeure waren nicht da, und vom Kriegsbeginn erfuhren sie erst ein paar Stunden später, als die Kommandeure dann kamen. Zu diesem Zeitpunkt befanden sie sich schon tief im Hinterland des Feindes. Acht Tage zogen sie sich zurück ohne Essen und mit Waffen ohne Patronen und versuchten, aus der Umklammerung zu entkommen. Jedoch die Deutschen gingen zielstrebig vor und bewegten sich von zwei Seiten auf Białystok zu. Dort wurde ihr Armeebestand eingekesselt. Die Kommandeure befahlen, sich in kleinen Gruppen selbst zu den eigenen Truppen durchzuschlagen. Viele kamen bei diesem Marsch aus dem Kessel um. Mein Vater und noch zwei Kameraden versuchten auch, sich zu Unseren durchzuschlagen. Am zehnten Tag, ausgelaugt und hungrig, kamen sie zu einem belorussischen Vorwerk und baten den Bauern in einem Häuschen am Rand um etwas zu essen. Doch der lehnte ab. Da gingen sie in ein anderes Haus und baten den Bauern, ihnen etwas zu geben. Der lehnte nicht ab, ließ sie ins Haus, stellte Brot und dicke Milch auf den Tisch und ging hinaus. Sie hatten nicht mal aufgegessen, da war das Haus schon von deutschen Maschinenpistolenschützen umringt, die riefen: „Russen, kommt raus!“ Der Bauer hatte sie verraten. So kam er in Gefangenschaft. Das war am 1. Juli 1941.

Zuerst wurden sie in der Schule im Nachbardorf eingeschlossen, wo die Deutschen standen. Dann wurden sie aber noch am selben Tag in das Gefängnis nach Białystok gebracht, in dem schon fast ihre ganze Abteilung zusammen mit der örtlichen Bevölkerung, vor allem der Jugend, saß. Am nächsten Tag wurden sie nach Grodno gebracht. Dort blieben sie einige Tage, dann gab es einen Laib Brot für vier Mann, und sie wurden in Waggons verladen und am 10. Juli nach Deutschland gebracht. Die Familien der Offiziere mit den kleinen Kindern und den Eltern mussten alle mitfahren. Zuerst kam mein Vater in ein Auffanglager mit Tausend Gefangenen aller Nationalitäten. Das Lager befand sich unter freiem Himmel in einem Wald und war mit Stacheldraht umgeben [Stalag 310 Wietzendorf]. Dort hielt man ihn bis September 1941 fest. Anfang September suchten die Deutschen 27 Leute für ein Arbeitskommando aus, zu denen auch mein Vater gehörte und brachten sie in ein anderes Lager in der Nähe von Pansdorf [Holstein]. Sie wurden sofort in Arbeitskleidung gesteckt. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten sie sich nicht einmal waschen können, alle waren verlaust. Später erfuhr er, dass in dem Auffanglager eine Bauch- und Flecktyphusepidemie ausgebrochen war, an der viele Gefangenen gestorben waren. Das und auch Frontnachrichten erfuhr er von den Deutschen, die mit ihnen zusammen arbeiteten. Unter ihnen waren auch Kommunisten. Aus diesem Lager wurden sie zur Arbeit bei der Eisenbahn nach Lübeck gebracht. Das ging so bis Oktober 1944. Danach wurde das Lager aufgelöst und sie in ein anderes Lager nach Lübeck gebracht. Einige Zeit lebten sie auf der Bark „Amsterdam“, zusammen mit 200 anderen Gefangenen. Dann wurden sie in das Lager „Konstinplatz“ am Ufer des Flusses gebracht, an dem Lübeck liegt. Sie lebten dort in Bretterbaracken. Dort war er bis zur Befreiung. Neben ihrem Lager befanden sich ein Frauenlager, das Arbeitsamt und der deutsche Offiziersklub. In der Stadt Lübeck gab es viele Lager für Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter aus aller Welt, die bei den schwersten und dreckigsten Arbeiten eingesetzt wurden. Sehr viele starben an Entkräftung und schwerer Arbeit. Es gab irgendeine Brühe, in der drei Kartoffeln und eine Kohlrübe schwammen. Man konnte sich kaum auf den Beinen halten. Anfangs behandelten die Deutschen ihn schlecht, verhöhnten und verprügelten ihn, bis bei Stalingrad auch die Armee von Feldmarschall Paulus in Gefangenschaft geriet. Danach wurde er anders behandelt. Einmal warf ein Deutscher ihnen einen Kater über den Stacheldrahtzaun, den die Lagerinsassen dann aufaßen. Alle diese Jahre lebte er hinter Stacheldraht und arbeitete unter Bewachung. Manchmal kamen an Sonntagen deutsche Bauern und holten im Konvoi Gefangene ab, um sie auf ihren Wirtschaften arbeiten zu lassen.

Am 5. Mai 1945 wurde er durch englische Truppen befreit, die die Stadt ohne einen Schuss von Seiten der Deutschen einnahmen. Sie waren schon erwartet worden, weil sie sich vor den herannahenden Russen fürchteten. Ein englischer Panzer kam an das Lagertor. Die Engländer ließen die Wachen antreten und entwaffneten sie. Dann gaben sie den Gefangenen die Gewehre und sagten: „Erschießt die, die euch schlecht behandelt haben!“ Aus den Reihen der Gefangenen tat das niemand, weil sie begriffen, dass das genau solche einfachen Soldaten waren wie sie selbst und dass die Schuldigen längs geflohen waren. Das Kriegsende wurde sogar gemeinsam mit den Deutschen, ihren ehemaligen Wachen, gefeiert. Sie brachten Wein aus zerschossenen Läden und Lagern und begrüßten mit den Gefangenen gemeinsam das Kriegsende, einer legte sich sogar bei ihnen hin.

Nach der Befreiung gaben die Engländer allen zu essen, dann wurden sie versammelt und in die amerikanische Zone gebracht. Im Verlauf von zwei Wochen hielten uns die Amerikaner auf dem Flugplatz fest, mästeten uns und verhandelten über unsere Überführung auf die russische Seite. Doch der Wunsch, die Angehörigen wieder zu sehen, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen, war gewaltig. Unter den Gefangenen waren Mechaniker, die das Ende der Verhandlungen nicht abwarten wollten, die reparierten ein zerschossenes Auto, einen russischen Halbtonner der Marke SIS-5, in den so viele einstiegen, wie nur hineingingen, und fuhren über die Grenze. Die Russen nahmen die Ankömmlinge ruhig auf, brachten sie in die Feldküche und verpflegten sie. Dann wurden alle befreiten Kriegsgefangenen zusammen genommen, sie erhielten eine Feldküche und wurden zu Fuß quer durch Ostpreußen, Polen bis nach Wolkowysk in Belorussland gebracht. Während des Marsches konnten sie sich andere neue Sachen besorgen, sich umkleiden. So waren sie den ganzen Sommer unterwegs. In Wolkowysk wurden sie in Waggons verladen und in ihre Bestimmungsorte zur Überprüfung geschickt. Mein Vater wurde auf der Station Mendelejewo ausgeladen, wo schon Autos warteten. So kam er in den Gemeindebezirk von Kotschowo im Gebiet Perm. Das war im Oktober 1945. Vom Kreiszentrum bis in ihren Bestimmungsort gingen sie wieder zu Fuß (25 km). Für sie waren im Wald Baracken, Badehäuser und Kantinen aufgebaut. Sie erhielten warme Kleidung, sie durften ein wenig ausruhen und wurden dann zur Waldarbeit geschickt. Sie durften nicht wegfahren über die Grenzen des zugewiesenen Gebiets hinaus. Mein Vater ist doch aus dem Gebiet Kirow. Dort lebten seine Eltern. Erst Ende 1947 sah er sie wieder.

Ich haben in den Jahren von 2002–2005 seine Erinnerungen aufgeschrieben. In meinem Text können möglicherweise Fehler beim Aufschreiben der Namen der Lager sein, weil ich sie nach seinen Worten und nach Gehör aufgeschrieben habe. Dafür bitte ich im Voraus um Verzeihung. Früher hatte er nie auf unsere Bitten gehört und abgewinkt. Er mochte nicht über den Krieg sprechen, wollte ihn vergessen. In der Presse und den Massenmedien wurde damals über die erste Zeit des Krieges vieles entstellt berichtet. Die Regierung wollte ihre eigenen Fehler nicht zugeben, deshalb schwieg er. Er sagte aber oft, dass das, was geschrieben und erzählt wurde, Lügen seien. Ich erinnere mich aus der Kindheit, wie er mit seine Kameraden über die Zeit in der Gefangenschaft sprach. Seine Psyche war zerstört. Er war dann nervös, jähzornig. Er rauchte auch viel, war aber eigentlich Nichtraucher. Erst nach der Perestroika, das war in den 90er Jahren, rief er aus, wenn er die Zeitungen „Argumente und Fakten“ oder „Sowjetskaja Rossija“ las: „Endlich wird die Wahrheit geschrieben!“ Er begann, die Artikel zu sammeln, um uns allen noch einmal zu beweisen, warum er keine Schuld daran trüge, dass er in Gefangenschaft geraten war, dass sich Millionen Menschen in der selben Lage wie er befunden hatten. Schuldgefühle hat er nun nicht mehr. Man behandelt ihn nun etwas anders. Er wurde mit den Teilnehmern des Großen Vaterländischen Krieges gleichgestellt und erhält alle Vergünstigungen wie sie. Im Kreis sind das jetzt nur noch weniger als zehn Menschen.

Zusammen mit seiner Frau zog er fünf Kinder (zwei Töchter, drei Söhne) groß, hat sieben Enkel und drei Urenkel. Wir sind ihm dankbar dafür, dass er uns alle auf die Beine gestellt hat, sein Gesicht nie verloren hat, nicht verbittert ist, seine Menschlichkeit und sein gutes Verhältnis zu seiner Umgebung bewahrt hat. Er ist immer bereit, leidenden Menschen zu helfen, das Brot zu teilen. Dort, wo er lebt, wird er geachtet, bemüht man sich, ihm zu helfen.

Noch etwas über mich. Ich bin 56 Jahre alt, von Beruf Lehrerin und arbeite als Methodikerin in unserem gemeinsamen schulischen Methodikzentrum. Ich möchte die Lebensgeschichte meiner Eltern für die Nachkommen aufbewahren und Vaters alten Traum erfüllen – die Orte seiner Gefangenschaft aufsuchen.

Mit Hochachtung

N. M. Kowal.

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