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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

284. Freitagsbrief (vom Mai 2006).

Ukraine
Gebiet Cherson
Ignat IgnatowitschPoltschenko.

Liebe Mitglieder des Vereins KONTAKTE, einfache Bürger Deutschlands, Kinder und Enkelkinder, guten Tag,

ich habe Ihren Brief und 300 Euro erhalten. Von ganzem Herzen bedanke ich mich bei Ihnen für Ihre Hilfe, Ihre Achtung und Ihr Gedenken. Ich stürzte auf die Knie vor den heiligen Ikonen nieder, verbeugte mich tief und küsste die Erde und Ihren Brief. Vielen Dank! Mögen Sie immer ein warmes Haus, gute Freunde, lieben Ehepartner, beste Gesundheit, warme Sonne, friedlichen Himmel und viel Glück haben!

Ich wohne mit dem Sohn Aleksej und der Schwiegertochter Wera zusammen. Meine Ehefrau Klawdia starb im Jahre 2000. Ich hatte zwei Enkelsöhne, Aleksej und Jurij. Jurij starb im Alter von 33 Jahren. Aleksej ist verheiratet. Seine Ehefrau heißt Tamara. Sie haben zwei Töchter, Olga und Wita, und zwei Söhne, Jurij und Artemij. Meine weitere Urenkelin Alina lebt mit ihrer Mutter.

Im September 1941 wurde ich in die Rote Armee einberufen. Ich diente im 555. Zug einer Pionierkompanie. Am 7. Juli 1942 wurde ich bei der Stadt Kortojak gefangen genommen. Bis November 1942 hielt ich mich auf dem besetzten Gebiet auf. Wir leisteten sehr schwere Arbeit: gruben Schützengräben, beseitigten die alten Bahngleise und bauten eine neue Bahnlinie. Manche waren barfuß. Wir waren schmutzig und hungrig. Später wurde ich nach Deutschland verschleppt. Einen Teil der Strecke legten wir zu Fuß zurück. Wir schliefen direkt im Regen. Es war sehr schwer. Wir waren bereit, für ein Stück Brot alles zu geben und alle Befehle zu erfüllen. Viele Gefangene starben unterwegs. Es war unbeschreibbar schrecklich für mich, diese Bilder zu sehen. Im Lager Nr. 318 [Lamsdorf Oberschlesien] befand ich mich vom November 1942 bis Februar 1943.

Vom Februar 1943 bis zum 23. April 1945 arbeitete ich im Bergwerk „Bokena“ in der Stadt Ruca [Rützen? Oberschlesien]. Die Arbeit war einfach höllisch. Der Arbeitstag dauerte bis zur Nacht. Die ganze Arbeit erfolgte manuell. Wir gewannen Kohle und transportieren sie mit Loren oder auf den Schultern. Die Nahrung war sehr schlecht. Das Essen wurde in kleinste Stücke geteilt. Die völlig erschöpften Menschen schliefen im Gehen ein. Einige Menschen starben direkt im Schacht.

Im April 1945 wurden wir befreit und in die Heimat geschickt. […] Als ich an die Front ging, war meine Ehefrau schwanger. Mein zweiter Sohn kam Ende 1941 in die Welt und starb ein Jahr später. Ich habe ihn nie gesehen. Aleksej hat überlebt. Heute leben wir zusammen. Meine Schwiegertochter Wera wuchs als Waise auf. Sie ist am 26. September 1941 geboren. Zu dieser Zeit fiel ihr Vater im Kampf. Er erfuhr nicht, dass er bereits eine Tochter hatte. Er hatte seine Frau gebeten, ein Mädchen unbedingt Wera zu nennen.

Nach der Heimkehr lebte ich auf dem Lande. Die Kolchosen wurden wieder aufgebaut. Der Boden wurde wieder beackert. Die Arbeit war körperlich sehr schwer. Alles war während des Krieges zerstört worden. Wir arbeiteten voller Energie. Man musste weiterleben, die eigene Familie ernähren und Kinder großziehen. Es gab wenig landwirtschaftliche Geräte. Mit der Zeit haben wir etwas mehr Geräte gehabt. Die Arbeit ist leichter geworden. Dafür brauchte man aber mehrere Jahre. 1959 zogen wir in ein anderes Dorf. In diesem Dorf lebe ich heute. Hier arbeitete ich auch in einer Kolchose. Ich leistete unterschiedliche Arbeit: brachte die Ernte auf dem Feld ein und anderes. Ich beschäftigte mich in jedem Arbeitsbereich, der in einer Kolchose existierte. Ich wurde mit Medaillen und Auszeichnungen für gute Arbeit gewürdigt. 1979 ging ich in Rente. Die Rente war sehr klein, 65 Rubel. Mit der Zeit wurde ein bisschen mehr gezahlt. Als Rentner hatte ich keine Nebenbeschäftigung. Meine Gesundheit ließ es nicht zu. Ich hatte einen kleinen Bauernhof mit Hühnern und Ziegen. Das reichte fürs Leben. Wir lebten wie alle einfache Menschen. Ich lebte nie im Reichtum. Das wäre für mich ungewöhnlich.

Heute beträgt meine Rente 700 Griwna. Das reicht für das Leben. Ich fühle mich wohl, mit dem Sohn zusammenzuwohnen. Ich habe ein separates Zimmer. Ich habe gute Kleidung und Nahrung. Ich bin gut gepflegt. Das einzige Problem ist meine schlechte Gesundheit. Meine Enkel und Urenkel sind arbeitslos. Die Dörfer sind verwüstet. Die Arbeit ist sehr wichtig. Wir haben unsere Kinder im Sinne der guten Werte wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit und Arbeitswilligkeit großgezogen. Anbei schicke ich zwei Fotos. Auf einem Foto bin ich mit meiner Urenkelin Alina abgebildet. Auf dem zweiten Foto sind ich, mein Enkelsohn Jurij, seine Frau Larisa und ihre Kinder Artemij und Alina zu sehen.

Ich wünsche allen viel Freude, Liebe, Frieden und Freundschaft.

Möge der Herr Sie behüten!

Mit Hochachtung und tiefer Vorbeugung

Ignat Ignatowitsch.

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