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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

283. Freitagsbrief (vom März 2007).

Ukraine
Gebiet Winniza
Michail Aleksejewitsch Juchimtschuk.

An den gemeinnützigen Verein, der den NS-Opfern hilft.

Ich habe über Ihren Verein dank einer Veröffentlichung in der Zeitung „Podillja“ erst vor kurzem erfahren. Ich habe Mut gefasst, über meinen Aufenthalt in Kriegsgefangenschaft vom Oktober 1942 bis Mai 1945 zu schreiben.

Ich sage von vornherein: Ich habe keine Dokumente. Ich hatte jedoch einen Zeugen. Wir besuchten zusammen die Schule und hielten uns im Gebiet Woroschilowgrad auf. Schließlich wurden wir zusammen gefangen genommen. Der Mann lebt aber nicht mehr. Welche Unterlagen kann ich dann haben?In deutscher Kriegsgefangenschaft hatte jeder eigene Nummer am Hals und die gemalten Buchstaben SU auf dem Rücken. Jede Prüfung wurde nach Nummern durchgeführt …

Ich, Michail Aleksejewitsch Juchimtschuk, bin im Dorf Ternowka im Gebiet Winniza geboren. Mein Jahrgang ist 1926. Als der Krieg begann, als also uns die Faschisten überraschend angriffen, wurden die Jugendlichen ins Hinterland gebracht. Mein Jahrgang wurde nicht evakuiert. Ich ging jedoch mit einer Gruppe von Jungs zum Militärkommissariat von Dshulinskij und fälschte mein Geburtsdatum … Auf diese Weise wollte ich auch mit den anderen evakuiert werden, um nicht im besetzten Gebiet zu bleiben. So gelangten wir ins Dort Krasnoje im Gebiet Woroschilowgrad. Unsere Gruppen bestand aus 37 Personen. Wir brachten Ernte ein und gruben Panzergräben zwischen den Dörfern Krasnoje und der Bahnstation Simejkino. Zudem bauten wir Befestigungsstellen für Maschinengewehre und weitere Anlagen. Wir waren nicht allein im Einsatz. Fast die ganze Bevölkerung aus dem Bezirk Nowoswetlowskij nahm daran teil. Im Sommer 1942 erreichte uns die Nachricht vom Militärkommissariat. Die Deutschen haben die Front durchbrochen. Die Jugendlichen mussten weiter ins Hinterland Richtung Stalingrad evakuierst werden. Die ganze Gruppe fuhr in Begleitung eines Leiters nach Rostow. Bei der Stadt Kamensk sahen wir eine große Menschenmenge. Das waren unsere Truppen, die den Fluss Donez überquerten. Später wurde den Truppen befohlen, sich zurückzuziehen, weil die Deutschen die Straße unter Kontrolle brachten und sich fünf km vorder Stadt befanden. Die faschistischen Flugzeuge griffen ständig an. Am Himmel waren zahlreiche Explosionsspuren sowjetischer Geschosse zu sehen, aber die feindlichen Flugzeuge wurden nicht getroffen.

Uns wurde gesagt, dass wir nach Rostow könnten. Da gäbe es noch eine „Schleuse“, acht km breit. Als wir die Stadt Nowoschachtinsk erreichten, waren dort keine „Schleusen“ mehr. Uns wurde berichtet, dass die Deutschen unsere Truppen eingekesselt hätten. Auf diese Weise wurden wir auch eingekesselt. Die Leitung und unser Begleiter verschwanden. Wie waren allein, wie Waisen. Es brach Panik aus. Niemand wusste, was wir tun sollten. Die Gruppe wurde schnell kleiner. Die Menschen gingen in verschiedene Richtungen. Mein Kamerad und ich hatten keine Chance. Wo liegt Winniza und wo liegt Nowoschachtinsk? Sehr weit voneinander. Wir gingen zurück nach Krasnoje. Dort waren bereits die Deutschen. Sie raubten die einheimische Bevölkerung völlig aus. Sie nahmen alles weg, was sie sahen: Eier, Milch, Butter, Kleidung. Die Einwohner rieten uns, sich zu verstecken, weil sich Gerüchte über möglichen Abtransport der Jugendlichen nach Deutschland verbreiteten. Ein paar Tage lebten wir im Versteck. Danach sagte uns jemand: „Geht nach Hause! Ihr seid noch Kinder!“ Sie gaben uns genug Essen zum Mitnehmen. Wir gingen weg. Wir marschierten hauptsächlich durch die Felder. Nur selten besuchten wir Dörfer, um Essen zu besorgen. In der Nähe der Station Sinelnikowo bemerkten uns deutsche Soldaten. Sie forderten unsere Ausweispapiere oder einen Passierschein. Wir sagten, wir haben keine Dokumente. Einer von den Deutschen sagte: „Partisan! Partisan!“ Wir antworteten: „Nix Partisan! Nein Partisan!“ Auf uns wurde aber das Gewehr angelegt. Unter Bewachung gingen wir zu einer Sammelstelle … Da waren sehr viele Jugendliche, Kinder wie wir. Eine Gruppe, darunter wir, wurde anschließend in ein Lager auf offenem Feld gebracht. Erst später erfuhren wir, dass es ein Kriegsgefangenenlager war. So wurde ich Kriegsgefangener im Jahre 1942, im Alter von 16 Jahren.

Ich kann alle Erniedrigungen nicht beschrieben, die ich selbst erlebte oder beobachtete. Darüber muss man ein Buch schreiben. Ich werde nur kurz berichten, woran ich mich noch erinnern kann. Ich habe manches vergessen. Ich kann aber nicht vergessen, dass ich im Alter von 18 Jahren alle Zähne verloren habe. Der Rest ist wie ein Alptraum.

Im „Feldlager“ war ich ein Neuer. Ich merkte sofort, wie die Deutschen die Kriegsgefangene erniedrigten. Sie schlugen uns brutal zusammen und jagten Hunde auf uns. Selbst die Essenvergabe war eine Erniedrigung. Wir erhielten kein Brot und keine Suppe. Die Menschen liefen herum wie Gespenster. Sie baten um Hilfe und starben. Bei der Essenvergabe musste man richtig aufpassen. Es kam ein Fuhrwerk mit Speiseresten wie Kartoffel- und Rübenresten. Das Fuhrwerk kam nicht ins Lager. Der Kutscher stand auf und warf diesen Abfall über den Stacheldraht. Er wurde von zwei deutschen Soldaten mit Maschinenpistolen begleitet. Die Flinken konnten etwas auf dem Boden finden. Sie waren Glückspilze. Die Schwachen krochen zum Zaun und wurden von ihren Kameraden im Kampf ums Essen angegriffen. Nach der Beendigung der Essenvergabe lagen ringsum Dutzende Leichen. Danach wurden die Toten geborgen. Die Leichen wurden gestapelt und in unbekannte Richtung weggebracht.

Ich war etwa eine Woche lang in diesem Lager. Ich beteiligte mich am Kampf ums Essen. Ich war noch fit. Ungefähr eine Woche später wurden wir am Leben gebliebenen in Hundertschaften aufgeteilt und weggeführt. Endlich erreichten wir eine Bahnstation. Hier stiegen wir in den Zug. Nach zwei Tagen stiegen wir am Dnepropetrowsker Güterbahnhof aus. Die Waggons wurden von Gestorbenen „gereinigt“. Wir wurden erneut nach Hundertschaften aufgestellt und zu einem Gefängnisgebäude getrieben. Hier war ein Kriegsgefangenenlager [Dulag 202]. Die Menschen kannten dieses Gefängnis und nannten es „Jekaterinowskaja-Gefängnis“. Wir wurden in Hundertschaften reingelassen und noch einmal gezählt. Wir wurden wie Vieh behandelt. Ich merkte schnell, dass das Gefängnis in Blöcke geteilt wurde: A, B, C, D uns so weiter. Zuerst kümmerte sich niemand um uns. Wir wollten aber essen. Die Polizisten waren aus Kriegsgefangenen [Kollaborateuren] rekrutiert. Jemand von uns bat: „Herr Polizist, geben Sie uns bitte Essen!“ Sie schwiegen oder schimpften manchmal, schlugen uns aber nicht. Am Abend gab es einen Appell. Danach trieben uns die Polizisten ins Zentrum des Gefängnisses. Dort war die Küche. Hier holte jeder einen halben Liter Balanda ab. Der Koch verteilte diese Flüssigkeit mit Speiseresten. Jeder Kriegsgefangene musste eigenes Geschirr mitbringen: Dose, Kessel, Feldmütze oder wenigstens die Hände. Einmal hatte der Koch schlechte Laune. Er goss die Balanda direkt auf den Kopf eines Kriegsgefangenen, der schon die Feldmütze für das Essen vorbereitet hatte. So wurden wir ernährt: zweimal täglich Balanda, jedes Mal 0,5 Liter und einmal am Tag 250 g Brot. Die früher angekommenen Kriegsgefangenen hatten bereits alle Zellen belegt. Der Rest, das war die Mehrheit, lief im Gefängnishof herum. Ich verbrachte meinen Aufenthalt in diesem Gefängnis hauptsächlich im Gang, aber nur tagsüber. Dieser Platz galt als gut, jedenfalls besser als der Hof. Hier bekamen die Gefangenen Holzschuhe. Auf den Rücken wurden die Buchstaben SU, also Sowjetunion, gemalt. Zusätzlich bekam jeder eine Nummer auf dem Blechschild. Das Schild war mit Strichen in zwei Teile geteilt. Ich weiß nicht, warum so gemacht wurde. Meine Nummer kenne ich nicht mehr. Hier lebten wir bis März 1943. Ich schlief im Hof direkt auf dem Asphalt. Wir schliefen in der Gruppe, so war es wärmer.

Die Deutschen demütigten die Juden sehr brutal. Sie mussten die Aborte wegbringen. Die Juden wurden nackt zusammen mit ihren Kindern durch den Gefängnishof getrieben. Viele wurden getötet, auch in Anwesenheit der Kriegsgefangenen. Selbst wir konnten jederzeit als angebliche Juden oder Kommissare erschossen werden, wenn zum Beispiel bei jemandem die Nase jüdisch aussah. Diese Kriegsgefangenen wurden aussortiert und sorgfältig überprüft.

Mir fehlt die Gesundheit, um alles genau zu beschreiben. Ich habe aber gegen das deutsche Volk nichts Böses. Das ganze Volk kann nicht schuldig sein. […]

Etwa Mitte März 1943 wurden die Kriegsgefangenen eilig mit dem Zug wegtransportiert. Niemand wusste die Endstation dieses Transportes. Den sowjetischen Truppen gelang ein Durchbruch der Front bei Kursk. Die Deutschen zogen sich rasch zurück. Nach ein paar Tagen wurde auch meine Gruppe abtransportiert. Wir wurden gezählt. Die Wächter führten uns zur Bahnstation. Danach ging es mit dem Zug los. Für die Fahrt bekam jeder 500 g Brot. Einige aßen das Brot sofort auf. Im Waggon befanden sich 100 Menschen. Es fehlte frische Luft. Einige starben. Ich schlief auf Menschenleichen. Am dritten oder vierten Fahrtag stiegen wir in Winniza aus. Das neue Lager befand ich in den Kasernen. Hier waren auch Pferdeställe, wo die sowjetische Kavallerie stationiert gewesen war. Unsere Gruppe war nicht allzu groß, 200–300 Mann. Man sagte, dieses Lager hieß Stalag 329. Wir wurden unter Bewachung und hinter verschlossenen Türen untergebracht. Wir warteten geduldig auf unser Essen. Endlich wurde die Stalltür aufgemacht und wir wurden zur Essensausgabe geführt. Der Polizist gab 1 Kilo Brot für vier Personen. Das war Roggenbrot. In Kessel oder Feldmütze wurde Balanda gegossen. Wenn jemand um zusätzliches Essen bat, bekam er einen Schlag mit der Eisenkelle. Die Köche waren Kriegsgefangene. Ich verbrachte im Stalag 329 etwa drei Wochen. Ich werde das Lagerleben nicht ausführlich beschrieben. Es war immer das Gleiche: Hunger, Demütigungen und Tod … Nach drei Wochen wurden wir mit dem Zug, 90–100 Mann pro Waggon, weggebracht. Für unterwegs gab es 1 Kilo Brot. Vor der Abfahrt sagte der Dolmetscher: „Ihr fahrt nach Deutschland! Dort ist das Leben sehr gut!“ Viele aßen das Brot sofort auf. Ich konnte auch nicht widerstehen. In Warschau machten wir Halt. In jedem Waggon gab es schon zu viele Leichen. Nach der Leerung der Wagen wurden noch zusätzlich 200 g Brot pro Mann verteilt. Danach fuhren wir weiter. Dann sagte jemand, wir sind schon in Deutschland. Das war die Bahnstation Höwelhof [bei Paderborn]. Wir wurden ins Lager getrieben, etwa 7 km durch den Wald. Nach der schweren Fahrt konnten viele Menschen nicht schnell genug marschieren. Einige wurden erschossen. Als wir den Wald verließen, trafen wir entlang der Straße Deutsche … Die Deutschen guckten uns an. Vielleicht dachten sie, dass diese Kommunisten Hörner hätten.

Endlich standen wir vorm Tor des bekannten Stalags-326 [Senne/Stukenbrock]. Das war ein Todeslager. Uns traf ein Ober-Polizist, ein Verräter. Er hatte eine Pistole und eine Maschinenpistole hinten am Rücken. Ein Kriegsgefangener fragte: „Herr, wann kommt Balanda?“ Er schimpfte hart und antwortete: „Wir haben keine Balanda. Wir haben Suppe!“ Das war in der Tat ein „Suppe“: Möhren- und Rübenreste. Das Essen wurde folgendermaßen verteilt: 30 Behälter pro Block. In jedem Block gab es 3 Baracken. In jeder Baracke – 3 Abteilungen, also 360 Personen pro Baracke und 120 Menschen in jeder Abteilung. Die Prischen hatten 3 Etagen. Jede Etage war für 20 Personen vorgesehen. Der Mensch fühlte sich wie eine Ölsardine, konnte sich nicht umdrehen. In der Nacht wurden die Fenster mit Holz gesichert. Wir konnten kaum atmen. Wir sagten untereinander: „An der Front ginge es uns besser!“ Am Morgen öffnete der Polizist die Tür und brüllte auf Deutsch: „Raus!“ Er war aber ein Russe. Er schlug uns wahllos mit dem Gummistock. Viele Menschen starben in der Nacht. Der Polizist kam in die Baracke und schlug eine Leiche, weil er dachte, dass der Mensch noch schläft. Dann begriff er, dass der bereits tot war.

Über das Lager-326 kann man unendlich erzählen. Das ist aber überflüssig, weil Sie bestimmt schon viel wissen. Ich habe im Gedächtnis noch einige Episoden, wie zum Beispiel das Waschhaus. Im Waschhaus bastelte jemand eine Laus aus Gips. Sie galt als Zeichen unseres Lebens. Dort wurden wir rasiert und gewaschen. Dieses Verfahren war die Hölle.

Im Lager verbreiten sich Gerüchte, es kämen Gaswagen und Kriegsgefangene würden durch Abgase getötet. Die Kriegsgefangenen wurden gruppenweise regelmäßig weggeführt. Niemand wusste, was mit den Menschen passierte. [Tatsächlich Überführung in Arbeitskommandos]Eines Tages wurde ich in eine Gruppe von 200 Personen aufgenommen. Ich hatte furchtbare Angst, weil ich an diese Erzählungen über Gaswagen glaubte. Unterwegs verabschiedeten wir uns voneinander. Wir wurden in die Stadt Minden gebracht. In Minden brachte man uns unter Bewachung in einem Restaurantsaal unter. Dort waren Pritschen mit zwei Etagen aufgebaut. Alle 200 Menschen sollten hier übernachten. Der Restaurantbesitzer, er hießRichter, begann uns zu verteilen. Unsere Kameraden hatten verschiedene Einsätze: in der Kljasfabrik [Glasfabrik], im Gemüsegarten oder auf dem Bau, also überall, wo Hilfskräfte benötigt wurden. Wir, 42 Mann, arbeiteten an einer Anlegestelle am Ufer der Weser. Oben war ein Kanal. Wir entluden Frachtkähne. Hier war das Leben deutlich besser. Man konnte immer etwas heimlich in den Mund tun: Zucker, Mehl … Man musste aber schnell genug sein. Wenn jemand erwischt würde, wäre er zurückgeschickt worden. Der Hunger war aber stärker als das Bewusstsein.

Endlich überlegte Richter offenbar, dass das tägliche Führen unserer Gruppe zur und von der Arbeit für ihn nicht rentabel sei. Er ließ für uns eine Baracke für 50 Personen direkt an der Anlegestelle bauen. Im zweiten Raum übernachteten die Wächter. Nachts wurden die Fenster mit Holzlatten gesichert.

Ich träumte von der Freiheit. Einmal griffen amerikanische Flugzeuge die Anlegestelle an. Mir gelang die Flucht. Was aber weiter tun? Ich erreichte das Nebengebäude eines Bauernhofs. Das war im Dorf unweit von Minden. Ich versteckte mich im Dachgeschoss. Es gab ein bisschen Stroh und eine kleine Steinmühle. Der Bauer bereitete damit vielleicht Futter für das Vieh. Unten war eine Küche. Dort kochte man Kartoffeln, vielleicht für die Schweine. In der Nacht nahm ich ein paar Kartoffeln und kletterte leise nach oben zurück. Einmal wurde ich vom Hausbesitzer doch erwischt. Ich schlief gerade im Stroh. Der Mann machte die Lampe an und sagte: „Komm her, komm!“ Ich hatte Angst. Ich denke, ich schnarchte im Schlaf. Der Mann hat das gehört. Was tun? Ich kam aus dem Versteck. Er schimpfte: „Verflokte Mensch, komm!“ Er zog mich mit Gewalt nach unten. Er zeigte mich seiner Familie und schrie etwas auf Deutsch. Ich verstand sofort ein Wort: Gestapo. Er wollte mich also der Gestapo übergeben. Ich versuchte um Mitleid zu bitten. Vergeblich. Ich wurde abgeholt. Nach dem Verhör wurde ich mit einer Gruppe anderer Kriegsgefangener, auch Geflohene, mit dem Zug nach Ibenbrücken[Ibbenbüren] gebracht. Dort gehörte ich zum Strafkommando-446. Wir arbeiteten im Bergwerk. Das war eine echte Hölle.

Das Bergwerk befand sich etwa 3–4 km vom Ort entfernt. Der Tag sah so aus: Morgens gab es 250 g Brot und 0,5 Liter Rübenbalanda. Danach Appell und los zum Bergwerk. Die Arbeit war unerträglich. Viele starben, vielleicht genauso viele Menschen wie im Lager. Die Toten wurden weggebracht. Nachschub, Neue gab es immer. Abends gab es 0,5 Liter Balanda und eine Tasse Tee mit Ersatzzucker. Um 7 Uhr abends gab es den Abendappell. Wir übernachteten in Baracken. Das Lager wurde gut bewacht, zwei Wachtürme mit Maschinengewehren an den Ecken. Bei kaltem Wetter kamen die Wächter nach unten und liefen hin und zurück durch das Lagergelände.

Im Bergwerk arbeiteten neben uns die Deutschen und unsere Ostarbeiter. Wir hatten an der Lampe rote Markierungen, die Ostarbeiter gelbe. Die Deutschen hatten Lampen ohne Markierung. Wie ich oben sagte, sind viele Deutsche gute Menschen. Die Bestien waren eher die Ausnahme. Die deutschen Steiger wussten, dass sie die ganze Schicht mit sowjetischen Kriegsgefangenen arbeiten werden, denn jeder bekam einen Hilfsarbeiter aus unseren Reihen. Die meisten Deutschen brachten Brot mit und unterstützen uns. Ich bin diesen Menschen noch heute dankbar. Ich lebe doch immer noch. Manchmal war ich völlig verzweifelt und wollte nicht mehr leben. Ich wollte beim Fußmarsch einfach zur Seite springen. Dann würde ich erschossen. Ich tat das nicht. Denn der Wunsch nach Leben gewann.

Wir bereiteten aber die Flucht vor. Am 7. Februar 1945 merkten wir, vier Männer, dass kurz vor dem Appell die Lagerwächter etwas unaufmerksam wurden. Wir machten den Stacheldrahtzaun an einer Stelle kaputt und flüchteten. Wir gingen sofort in verschiedene Richtungen. Ich sah diese Kameraden nie wieder. Mit einem Güterwaggon kam ich per Eisenbahn zurück nach Minden. Hier hatte ich gute Beziehungen zu Ostarbeitern. Die Kameraden gaben mir Zivilkleidung mit dem Aufnäher OST. Ich schloss mich einer anderen Gruppe von Geflohenen an. Wir 13 Personen versteckten uns auf dem Friedhofsgelände, in den Grüften. 6 von uns waren Ostarbeiter. Sie beschafften Lebensmittel für die ganze Gruppe, weil für die Ostarbeiter das Verlassen des Verstecks und auch die mögliche Festnahme nicht so gefährlich war wie für Kriegsgefangene.

Am 1. April 1945 wurden wir von amerikanischen Truppen befreit. Wir lebten drei Monate lang in einem Lager. Wir Russen wurden sehr gut behandelt. Danach kam eine Militärmission aus Moskau. Wir kehrten über Filterlager in Goldberg und Stettin in die Sowjetunion zurück. Ich arbeitete zuerst in Nowgorod und anschließend an der Bahnstation Sarubino im Gebiet Leningrad. Dort gewannen wir feuerresistente Sorten von Ton. 1946 durfte ich wegen Verschlechterung der Gesundheit heimkehren.

Ich mache Schluss. Ich habe keine Kräfte mehr. Ich habe aber nur einen Bruchteil meiner Erlebnisse beschrieben.

Meine Lieben, ich bitte um Entschuldigung für die schlechte Schrift und grammatische Fehler. Ich bin nicht allzu hoch gebildet, ein einfacher Bauer. Die Hand wird schnell müde. Meine Sehkraft ist schlecht. Letztens Ende bin ich 82 Jahre alt. Ich habe schon versucht, meine Erinnerungen erneut niederzuschreiben. Das schaffe ich aber nicht. Ich hoffe, Sie kommen mit diesem Text klar.

Ich möchte hier ein Lied platzieren, dass Kriegsgefangene im Lager sangen.

Ich wollte meine Beschreibung kurz machen. Das klappte nicht. Ich habe die ganze Woche lang geschrieben, weil ich einfach das Bedürfnis hatte alles aufzuschreiben.

In der Armee habe ich nie gedient. Ich habe seit 30 Jahren kein Soldbuch mehr. Im Soldbuch stand aber „Keinen Wehrdienst geleistet“. Ich habe wirklich keine Papiere, die meinen Kriegsgefangenenstatus belegen.

Hochachtungsvoll

Juchimtschuk.

(Unterschrift).

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