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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

282. Freitagsbrief (vom 6. März 2005).

Ukraine Gebiet Wollynien
Nowowolynsk
Tit Iosipowitsch Gerasimow.

[…], vielen Dank für Ihr Gedenken und die Sorge um den einfachen Soldaten des unvergesslichen und schrecklichen Krieges 1941-1945 Gerasimow Tit Iosipowitsch. Diese 300 Euro, die Sie mir schickten, haben mir sehr geholfen. Doch das Wesentlichste an dem Ganzen ist, dass ich von Ihrer Erinnerung an mich, den Werktätigen der Front, der sowohl psychisch als auch physisch einiges erlebt hat, wirklich gerührt war. Gegenwärtig bin ich ein alter, kranker Mann, bei dem im Kopf das Heutige und das Vergangene durcheinander kommt, doch an den Krieg kann ich mich aus irgend einem Grund auch jetzt noch ganz klar erinnern.

Selber bin ich belorussischer Abstammung. Zur Wehrpflicht wurde ich durch das Kommissariat vom Bezirk Buda-Koscheljowskij, Gebiet Gomel, im November 1939 einberufen und kehrte erst 1947 nach Hause zurück. Im Laufe dieses Zeitabschnittes ist viel Wasser geflossen und sind schreckliche Eindrücke entstanden. Aber irgendwie habe ich es geschafft, diesen Überlebenskampf zu bestehen. Vielleicht dank meiner Willensstärke oder meiner Gesundheit, möglicherweise ließ Gott mein Sterben nicht zu, oder aber dank meines starken Glaubens daran, dass dieser Siegestag „mit Tränen in den Augen“ doch noch kommen wird. Mein Militärdienst verlief in der Stadt Grodno bis 1941, als ich schon kurz vor der Entlassung stand. Doch im Juni brach der Krieg aus. Ich habe es heute noch vor Augen: Es war im Morgengrauen des schrecklichen Morgens vom Kriegsbeginn, als unerwartet die Luftwaffe angegriffen hat, und uns halbnackt überraschte und in den Irrsinn trieb. Überall schlugen die Bomben ein, während wir nur in Unterwäsche aus unseren Kasernen heraus liefen, ohne auch nur die leiseste Ahnung davon zu haben, was denn nun Sachewar. Dies war am schrecklichsten. Viele meiner Regimentskameraden und Freunde kamen an diesem frühen Sommermorgen ums Leben, ohne bis zu ihrem letzten Augenblick zu begreifen, was denn eigentlich geschah.

Gedient habe ich im 239. Jägerregiment der 27. Division, im 2. Bataillon. Ab diesem Moment begann die schreckliche Zählung der Minuten, Stunden, Tage meines Schicksals. Nur einer ganz kleinen Zahl der Soldaten gelang es, am Leben zu bleiben. Und obwohl die Russen sehr weise, mutige, tapfere und entschlossene Kämpfer sind und wir uns deshalb noch einmal neu organisieren konnten, war unsere Gegenwehr doch nur von kurzer Dauer. Schon im nächsten Kampf wurde ich am Kopf verwundet. Die Wunde war so groß, dass sich die Maden, begünstigt durch warme Sommertemperaturen, schnell daran zu schaffen machten. Die Rettung schien fast unmöglich. Doch unser Regimentsarzt, der später mit uns zusammen in die Gefangenschaft geriet, hat mich gerettet. Ich wurde nach Grodno in das Hospital gebracht, das kurz darauf in die Hände des Feindes fiel. Es war am 7. August 1941. Bis zum 15. September 1941 hielt ich mich dort auf. Vom 15. September bis zum 15. Dezember 1941 befand ich mich im Lager 1X-D in Deutschland[Wietzendorf] und habe als Aushilfsarbeiter gearbeitet. Für die Zeit vom 15. Dezember bis zum 15. April 1942 wurde ich ins Krankenhaus eingewiesen.

Doch die längste Periode der sogenannten Kriegsjahre vom 15. April 1942 bis Mai 1945 stand erst noch bevor. Als ich aus dem Hospital wieder in das Lager X D in Wietzendorf zurückkehrte, war ich sehr geschwächt und landete im sogenannten Ghetto. Das heißt, dass solche wie ich von den anderen getrennt und dem hoffnungslosen Warten auf den eigenen Tod überlassen wurden. Wieder einmal schien die Rettung unmöglich. Doch anscheinend benötigten die deutschen Bauern ganz dringend Aushilfskräfte, und so wurden wir ihnen dafür angeboten. Ich kam in das Dorf Nordei[?] zum Bauer Axel H. [*] Auf diese Weise geschah es, dass ich dank diesem Bauer, dank dem wesentlich besseren Essen, mit dem er mich ernährte, doch überleben konnte.

1945 wurde ich von den verbündeten Amerikanern befreit. Zurück nach Hause ging es jedoch erst 1947. Zwei Jahre lang beteiligte ich mich an den Aufbauarbeiten. Wieder daheim angekommen, war ich dennoch gezwungen, zu verheimlichen, dass ich in der Gefangenschaft gewesen bin. Aus irgendeinem Grund galten Kriegsgefangene bei der Sowjetmacht als Verräter. Dies war während Stalins Diktatur und kurz danach. Aber auch bis in die heutige Zeit währt die Benachteiligung. Als meine Tochter Krektscha Ljudmila Titowna in meinem Namen die Entschädigung für die Kriegsjahre anzustrengen begann, gab es vom zuständigen Fonds „Verständigung und Aussöhnung“ immer nur eine Antwort: steht Ihnen nicht zu. Nämlich deshalb, weil ich „nur“ Kriegsgefangener bin, obwohl in jedem Bescheid stets folgende Formulierung geschrieben stand: „… der Anspruch auf Entschädigung für Kriegsgefangene besteht nicht. [**] Mit Ausnahme der Personen, die sich in Konzentrationslagern aufgehalten haben und dies mit entsprechenden Nachweisen belegen können, aus denen die Lagerbezeichnung, das Aufenthaltsland und die persönliche Nummer des Häftlings ersichtlich sind“. Gilt denn etwa nicht in diesem Fall der Auszug aus dem weißrussischen KGB-Archiv vom 16. Februar 2000 Nr.: 10/7079 als Bestätigungsdokument, aus dem eindeutig hervorgeht, dass ich mich im Dritten Reich im KZ-Lager XD in Wietzendorf aufgehalten habe und dort unter Nummer 1568 registriert gewesen bin? Auf meine Anfragen, die Lager anzugeben, deren Häftlinge anspruchsberechtigt sind, ist übrigens nie geantwortet worden. Nichts wurde also zu Kenntnis genommen, während die Auszahlung der Entschädigungen im Gange war, bis Ihr Verein „Kontakte“ in mein Leben getreten ist.

Mittlerweile bin ich sehr alt, aber auch jetzt musste ich Schmerz und Leiden über mich ergehen lassen, als am 28.12.2004 die Adenoma Prostata operiert wurde. So kann man mich nun ruhig zu den Invaliden hinzurechnen. Gepflegt werde ich von meiner Tochter, die kürzlich nach der Tätigkeit als Russischlehrerin in die Frührente gegangen ist und die jetzt diesen Brief nach meinen Worten niedergeschrieben hat. Meine Frau starb vor fünf Jahren. Der Sohn ist mit seiner Familie nach Deutschland ausgewandert, kann mir aber nicht helfen, weil er und seine Frau auf Grund des hohen Alters (55 Jahre) keine Arbeit finden und deshalb auf Sozialhilfe angewiesen sind.

Ich lebe von der Rente – 340 Hriwna – umgerechnet nur 48 Euro. Doch beim Erwerb der Medikamente anlässlich der OP gab es keinerlei Nachlässe, denn unentgeltlich behandelt werden bei uns nur die Kriegsinvaliden. Das ist natürlich sehr beleidigend. Allerdings genieße ich Vergünstigungen bei Gas-, Strom- und Wasserzahlungen.

Ja, den Tag des Sieges würde ich so gerne erleben, um noch einmal gedanklich alles durchzugehen, mich zu erinnern. Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, bis zu diesem herrlichen Tag durchzuhalten. Ich denke schon. Ich muss es mir nur ganz stark wünschen und all die anderen in Erinnerung rufen, die ihn nicht erleben konnten, sich aber so sehr danach gesehnt haben – nach dem Siegestag! Und hoffentlich bleibe ich zu ihren Ehren solange am Leben, zu Ehren meiner Freunde, Regimentskameraden und all derer, die so gerne am Leben geblieben wären, um diesen Tag zu erleben.

Noch einmal vielen Dank an Sie für Ihre Erinnerung an mich und all die anderen, die überlebt haben und auf diesen Tag warten – den Tag des Sieges!

Hochachtungsvoll

Der einfache ehemalige Soldat Tit Iosipowitsch Gerasimow.

****

[*] Der im Originalbrief ungekürzte Name des Bauern veranlasste uns zur Suche nach dessen Familie – leider vergebens.

[**] Der Bundestagsbeschluss über die „Zwangsarbeiterentschädigung“ sah als Ausnahmebestimmung die Höchstbegünstigung auch für Kriegsgefangene vor, die nachweislich in einem KZ oder einer Haftstätte mit vergleichbar unmenschlichen Haftbedingungen waren. Es bleibt bis heute unberücksichtigt, dass in den „Russenlagern“ für sowjetische Kriegsgefangene mindestens genauso unmenschliche Zustände herrschten. (E. Radczuweit).

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