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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

281. Freitagsbrief (vom Oktober 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Hasan Gumerowitsch Gumerow
Russland
Kasan
Republik Tatarstan.

Guten Tag, liebe Freunde vom Verein „Kontakte“!

Ich war natürlich sehr überrascht, als ich Ihren Brief bekam, für den ich Ihnen sehr danke, und wie überrascht war ich erst, als ich die humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro bekommen habe. Ich danke Ihnen für all das Gute, und ich danke allen Freunden, die an der Aktion teilgenommen haben.

Ich bin schon alt und krank, in den letzten Jahren hatte ich zwei Schlaganfälle, aber obwohl schon 92 Jahre alt, bin ich noch bei klarem Verstand und mit Unterstützung meiner Kinder und Enkel kann ich mich noch selbst fortbewegen. Ich kann mich noch an alles erinnern: vor dem Krieg habe ich drei Jahre in der sowjetischen Armee gedient, wir sollten nach Hause. Aber dann begann der Krieg, wir mussten unser Vaterland verteidigen. Krieg, Gefangenschaft, Lager, dann Deportation nach Deutschland, wo wir für Bauern arbeiten mussten – was sollten wir machen, wir wollten leben. Ja, so verliefen meine jungen Jahre – denn als der Krieg begann, war ich erst 21 Jahre alt. Es war ein fünf Jahre währender Alptraum, bis heute sehe ich ihn im Schlaf, jeden Tag erinnere ich mich an etwas von damals.

Bitte entschuldigen Sie, Sie baten mich, von der Zeit nach dem Krieg zu schreiben, aber ich möchte nicht daran zurückdenken. Ich sage nur eins, es war sehr schwer. Das Land musste wieder auf die Beine gestellt werden, ein ganzes Land musste in den Nachkriegsjahren versorgt werden. Aber wenigstens waren wir nun zu Hause, und wir waren als Sieger heimgekehrt. Der Sieg – dieses Wort hat uns beflügelt und so konnten wir alle Schwierigkeiten meistern.

Acht Jahre hatten meine Familie und meine Frau auf mich gewartet, ich galt als vermisst.

Gott sei Dank war es mir beschieden, lebend nach Hause zurückzukehren. Meine Frau und ich haben 58 glückliche gemeinsame Jahre verbracht und haben drei Söhne und zwei Töchter bekommen und großgezogen. Nun ist es schon sechzehn Jahre her, dass meine Frau von uns gegangen ist. Da ich nicht mehr alleine leben kann, wohne ich bei meiner jüngeren Tochter und ihrer Familie, bei ihr leben also ihr Mann und zwei Söhne, und ich, der 92jährige kranke Vater. Gott gebe meiner Tochter und ihrer Familie Gesundheit und Geduld. Ich bin ihnen für alles sehr dankbar.

Auch unserem Staat bin ich dankbar, denn ich bekomme eine gute Rente und erhielt über das Veteranenprogramm eine Wohnung. Was brauche ich schon – ich bin ein sehr glücklicher Mensch, jetzt erfreue ich mich an unseren fünf Kindern und ihren Familien, ich habe zehn Enkel und sieben Urenkel, so Gott will, kommt bald der achte Urenkel zur Welt.

Heute ist der 1. Oktober, der internationale Tag der älteren Menschen.

Unter Ihnen gibt es sicher auch ältere Menschen, denen wünsche ich an diesem Tag Gesundheit und alles Gute für sie und ihre Familien.

Als ich in der Gefangenschaft war, habe ich unterschiedliche Deutsche gesehen: Manche steckten uns Essen zu, andere taten so, als würden sie nichts bemerken, wieder andere taten so, als würden sie uns schlagen. Und unter ihnen gab es auch Nazis, die uns demütigten und beleidigten. Wegen Hitlers Eitelkeit sind so viele Menschen umgekommen, man fragt sich – wofür?

Den jungen Menschen im heutigen Deutschland würde ich sagen: Achtet euch selbst, achtet und liebt alle Menschen auf der Erde. Wenn Ihr irgendeiner Ideologie anhängt, dann denkt daran, dass Ihr mit Eurem Handeln den anderen Menschen, Eurer Familie und Eurem Land keinen Kummer und kein Leid zufügt.

Für uns liegt das Leben schon hinter uns, jetzt ist alles in Euren Händen. Ich wünsche Euch ein würdiges Leben ohne Krieg. Mögen alle Menschen auf der Welt in Frieden leben.

H. G. Gumerow.

Guten Tag, sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“,

Ich, Ramsija Hasanowna, die jüngere Tochter von Hasan Gumerowitsch, möchte Ihnen meinen Dank aussprechen für die Freude, die Sie unserem Vater bereitet haben. Ich sah, wie seine Augen glänzten und seine Hände zitterten, als wir ihm Ihren Brief und die Geldüberweisung gebracht haben. Er hat sich gefreut wie ein kleines Kind, als hätte sich ein lang gehegter Traum erfüllt. Mein Vater braucht das Geld nicht dringend, er freute sich einfach über die Aufmerksamkeit, das Interesse aus Deutschland. Ich bin jetzt 53 Jahre alt, und solange ich mich erinnern kann, wurde zu Hause immer vom Krieg gesprochen. Vater erzählte, wie die fünf Kriegsjahre verlaufen sind und was ihm in der Gefangenschaft passiert ist. Manchmal, wenn er uns irgendeinen Vorfall von damals schilderte, dann hassten wir die Nazis, und wenn er uns davon erzählte, wie manche deutsche Soldaten ihnen halfen und ihnen heimlich Essen zusteckten, dann hatten wir große Achtung vor diesen Deutschen.

Unser Vater hat immer gesagt, dass es bei allen Völkern gute und schlechte Menschen gibt und dass man niemals über alle gleich urteilen darf. Außerdem hat er uns schon als wir klein waren oft voller Begeisterung von Ihrem Land erzählt.

Nun träume ich davon, eine Reise zu machen und mir die Orte anzusehen, an denen Vater in den fünf Jahren war. Aber das ist nur ein Wunschtraum.

Vielen Dank von uns allen. Wir wünschen Ihnen Gesundheit, Glück, Frieden und alles, alles Gute für Sie und Ihre Nächsten.

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(Wer Ramsija Hasanowna einladen will, möge sich bei uns melden. E. Radczuweit).

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