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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

279. Freitagsbrief (vom Februar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Konstantin Prokofjewitsch Fanailow
Russland
Chasaut-Gretscheskoje
Republik Karatschajewo-Tscherkessien.

Ich,Konstantin Prokofjewitsch Fanailow, wundere mich, woher Sie meinen Namen kennen und dass Sie mir einen Brief geschrieben haben! Ich möchte Ihnen von ganzem Herzen dafür danken. Es ist sehr traurig und schmerzt, ein dunkles Kapitel. Ich hatte viele Kameraden, viele Kommandeure, die umgekommen und in der Gefangenschaft bei den Deutschen gestorben sind. Nur wenige haben überlebt. Auch mein Bruder Georgij Prokofjewitsch, Jahrgang 1921, ist umgekommen, er hatte studiert, war Mathematiker und Physiker.

Ich möchte Ihnen vom Leid in der Gefangenschaft bei den deutschen Nazis berichten. Die ersten Tage in der Gefangenschaft waren wir in Russland, in Kirowograd. Von Kirowograd brachten sie uns nach Chełm (Cholm) [Stalag 319] in Polen. Es gab dort drei Lager: Lager A, Lager B und Lager C. In jedem Lager waren 20 000 Kriegsgefangene. In unserem Lager A gab es Griechen, Bulgaren und Türken aus Aserbaidschan. Die Verpflegung war schlecht. Wir zerrieben Kastanien und kochten sie, ohne Salz, es schmeckte sehr bitter. Am Morgen bekamen wir eine kleine Tasse Tee mit Zucker und 300 g Schwarzbrot mit Sägespänen – das war alles. Ich war sehr entkräftet, mir wurde schwarz vor den Augen und ich fiel zu Boden; die Kräftigeren zogen mich auf meine Pritsche. Ich konnte mich kaum noch bewegen. Semjon Panatajew sei Dank, er brachte mir Kastaniensuppe und ich blieb am Leben.

Wir waren drei Monate in Chełm, dann brachten sie uns nach Ludwigsburg [Stalag V] in Deutschland. In den Eisenbahnwaggons starben viele Gefangene; der Zug wurde angehalten, die Toten wurden hinausgeworfen und dann fuhren wir weiter.

Sie trieben uns Richtung Westen in eine Schlucht, wo das Gefängnis war. Dort herrschten Gestank und Enge, es gab kaum Luft zum Atmen. Drei Monate lang hausten wir in Gestank und Dreck. Viele Gefangene starben am Hunger, die Toten wurden in offene Müllkippen geworfen. Wir bekamen Marken, auf denen unsere Nummer und „Russische Kriegsgefangene“ stand. Sie nahmen unsere Fingerabdrücke, auf den Rücken schrieben sie SU, was bedeutete: Gefangene aus der Sowjetunion. Die Marken hatten wir um den Hals hängen. Dann brachten sie uns von Ludwigsburg in ein Lager, das einen elektrischen Lagerzaun hatte. Es war wie ein Konzentrationslager. Wir aßen dort drei Monate lang Kohlrabi und Rüben. Morgens bekamen wir 300 g Schwarzbrot mit Sägespänen, zum Mittagessen gab es Kohlrabi ohne Brot und das war alles. Dann kam ein „Käufer“ ins Lager und nahm Kriegsgefangene zur Arbeit mit. Wir und einige Griechen, zusammen 21 Mann, wurden nach Leutkirch gebracht im Landkreis Stuttgart, wo wir zu einem Arbeitskommando kamen. Ich arbeitete zusammen mit Jurij Tschelekidi und Iwan Tschankly in der Küche. Später nahm ich mir Fjodor Tusanow und Walentin Ksenofontow als Gehilfen. Fjodor Tusanow kam später ins Straflager. Walentin und er sind beide gestorben, der Herr sei mit ihnen.

Als die Russen bei Stalingrad die Paulus-Armee zerschlugen und zum Angriff übergingen, da traten die Nazis den Rückzug an. Amerika, England und General de Gaulle griffen Deutschland von Westen aus an.

General Paulus wurde mit 330 000 Soldaten [Original mit der 330 000 Armee] gefangen genommen. Ich war mit 40–50 Mann im Arbeitskommando in Leutkirch, die Deutschen trieben uns von dort Richtung Schweiz. Am ersten Tag erreichten wir eine Stelle 17 km von der Stadt Isny entfernt. Am nächsten Morgen nach dem Frühstück verteilten die Wachen Waffen an junge Soldaten, ihr Kommandeur war ein älterer Deutscher. Fünf andere Gefangene und ich beschlossen, am Abend die Flucht zu versuchen, das waren: Nikolaj Kuprin, Sascha Oserow, Stepa Tanzjur, Nikolaj Sidorow, Jura Scherwarly und ich. Wir marschierten zwei Tage und erreichten die „De-Gaulle-Zone“. De Gaulle versorgte uns ausgezeichnet. Der Herr sei mit ihm. Er übergab uns dann an die Amerikaner.

[… Längerer Bericht über eine Episode nach der Befreiung …]

Nach dieser ganzen Geschichte kehrten wir zurück zur „de-Gaulle-Armee“, die uns dann an die Amerikaner übergab. Die Amerikaner grenzten an die russische Zone, sie übergaben uns wiederum an die Russen. Zwei Oberleutnants holten uns ab und brachten uns nach Chemnitz bei Berlin, in die 140. Gardedivision unter Tolbuchin. Ich wurde nicht aus dem Armeedienst entlassen. Ich war dort Koch, bildete junge Soldaten zum Koch aus. Am 25.10.1945 feierten wir unseren Abschied und fuhren wir nach Hause. […] Wir waren einen ganzen Monat unterwegs, bis wir zu Hause ankamen. In der Heimat wurde mir ein herzlicher Empfang bereitet. Wir feierten einen ganzen Monat lang unsere Heimkehr.

Nach dem Krieg habe ich 42 Jahre lang in der Schule von Chasaut-Gretscheskij gearbeitet. Vor dem Krieg hatte ich schon drei Jahre gearbeitet, so habe ich alles zusammen 45 Jahre lang als Lehrer gearbeitet. Ich lebe jetzt allein, meine Frau ist 1994 verstorben.

Sehr traurig, ich würde Sie so gerne sehen! Und mit ihnen ganz offen über unser Leben sprechen. Ich […] wünsche Ihnen viel Glück!!! Ich bin Jahrgang 1913. Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Leben ohne Kummer. Meine Lieben, ich wünsche Ihnen, dass Sie niemals solche Gräuel erleben müssen, wie wir sie durchlebt haben! Ja, die Nazi-Gefangenschaft war für die Russen die Hölle.

Das Geld, das Sie mir geschickt haben, habe ich in vollem Umfang erhalten. Ich danke Ihnen dafür von ganzem Herzen. Ich wünsche Ihnen ein langes Leben und dass Sie nie so einen Krieg erleben müssen. Und die, die von uns gegangen sind – Gott habe sie selig.

Mit den besten Grüßen,

K. P. Fanailow.

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