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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

278. Freitagsbrief (vom April 2007).

Ukraine
Uss Michail Iwanowitsch.

[…] Ich werde kurz über meine Kriegsgefangenschaft berichten. Uns nahm die Division „Reich“ gefangen. Der Offizier stellte alle Kriegsgefangenen in eine Reihe und zwang uns, die Mützen abzunehmen. Wir mussten die Arme nach vorne strecken. Der Offizier wählte zwei Personen aus, mich und Sachar Bojko aus Donezk. Wir wurden als Küchenhelfer eingestellt. Wir mussten Holz sägen und Wasser transportieren. Auf den Schlitten stellte man sieben Behälter. Wir transportierten Wasser vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Ich bin diesem Offizier dankbar. Er rettete uns aus der Hölle. Danach pflegte ich Pferde. Später brachte man mich mit dem Wagen nach Bobrujsk. Dort transportierten wir Kohle und bereiteten Holzgas für Autos vor.

Beim Rückzug der deutschen Truppen verschleppte man uns nach Frankfurt/Oder. Später wurden wir weiter getrieben. Uns befreiten Amerikaner. Ich kann nicht genau sagen, wie die Ortschaft hieß. Man sagte Lubmin an der Ostsee. Das ist meine kurze Beschreibung. Ich bitte um Entschuldigung für die schlechte Schrift. Ich habe kaum Lesen und Schreiben gelernt.

Wie ging es mir nach der Rückkehr? Ich kehrte am 26. Oktober 1946 heim. Wir tauschten mit der Familie unsere schrecklichen Geschichten aus. Der ältere Bruder, Jahrgang 1921, kehrte vom Krieg nicht zurück. Beim Rückzug der deutschen Truppen hatten sie alles niedergebrannt. Alles wurde in den Flammen vernichtet: Häuser, Scheunen, Vieh- und Viehfutter, Holzvorräte für den Winter. In den Brunnen warf man Granaten, um das Wasser für die Brandlöschung unzugänglich zu machen. 1946 gab es bei uns eine Missernte. 1947 war eine Hungersnot.Ich arbeitete auf einem Traktor. Ich hatte wenigstens etwas zum Essen. Ich war trotzdem unterernährt. Am Abend schwollen die Beine und Arme an. Ich mietete eine Wohnung als Untermieter. 1947 kam meine Tochter auf die Welt, 1949 – der Sohn. 1950 baute ich eine eigene Unterkunft. Ich nahm etwa Lehm, Stroh und Holz. Mir half das ganze Dorf. Zum Jahreswechsel zogen wir in das neue Haus ein. Im Inneren waren die Wände der Bude nicht verputzt. Es gab keinen richtigen Schornstein, nur provisorisch gestellte Steine. Im Winter war das Zimmer vom Kohlendioxid voll. Es war zudem kalt. In der Nähe der Thälmann-Kolchose baute man eine neue Ziegelsteinfabrik. Die Entfernung betrug 10 km. Mir wurde ein Fuhrwerk mit zwei Ochsen geliehen. Auf dem Rückweg war die Last zu groß. Ein Ochse fiel um und wollte nicht mehr gehen. Ich erreichte irgendwie das Heimatdorf. Allein baute ich einen richtigen Schornstein.

Ich arbeitete viel, auch mit fremden Traktoren auf anderen Äckern in den anderen Bezirken. Man durfte mit dem fremden Traktor nicht außerhalb des Kolchosgeländes fahren. Ich musste zum Arbeitsort bis zu 30 km hin und zurück zu Fuß gehen. Die Arbeit erfolgte auch in der Nacht, oftmals an Festtagen und Wochenenden. Vom Monatslohn wurde das Geld für Bonds [*] abgezogen. So arbeiteten wir. Man musste das Zerstörte wieder aufbauen. Sowohl die Sowjetunion als auch Deutschland wurden stark beschädigt. Weder wir noch Euer Volk sind daran schuld. Die Mehrheit der heute lebenden Menschen sind nach dem Krieg geboren. Wir müssen friedlich zusammenleben.

Entschuldigen Sie mich bitte, vielleicht formuliere ich meine Erinnerungen falsch. Ich bemühe mich, kurz zu schreiben. Unsere Kolchose wurde also stärker und reicher. Noch ein Jahr lang musste ich doppelt arbeiten, sozusagen, für mich selbst und für einen der Jungen, der von der Front nicht zurückkehrte.

[…] Sie schlagen mir vor, einen Briefwechsel anzufangen. Kommunikation heißt besseres Kennenlernen. Das tue ich gerne. Meine Tochter, Wera Michajlowna Uss, wurde in Deutschland geboren und starb dort. Sie ist am 03.04.1945 geboren und starb am 28.04.1945. Sie wurde von einem Priester in Rostock bestattet.

Wenn Sie Möglichkeit haben, besuchen Sie mich. Meine Adresse ist …[…]

Michail Iwanowitsch Uss.

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[*] Bonds: Anleihe zum Wiederaufbau des Landes.

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