Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

276. Freitagsbrief (vom Dezember 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Der Brief wurde uns vom russischen Verein „Sostradanje“ per Email zugestellt. Der Verein ermittelt in unserem Auftrag landesweit ehemalige Kriegsgefangene, schickt uns deren Dokumente zur Prüfung und zahlt die von uns überwiesenen Geldspenden aus. Dieser Bericht ist das Protokoll einer mündlichen Befragung in Moskau. (Sibylle Suchan-Floß)

Wasilij Nikolajewitsch Denisow
Russland.

Wasilij Nikolajewitsch Denisow, geb. 1923. Wurde in Woronesh an die Front eingezogen und kam an den Don zur Regimentsschule in Ternowaja. Im März 1942 wurde er in die Nähe von Moskau verlegt, nach Kolomna, wo die Truppe einen Monat blieb, dann verlegte man sie nach Charkow. Ende Juni wurden sie von den Deutschen eingekesselt und gerieten in Gefangenschaft. Man brachte sie in ein Lager in Jusowka, von wo aus er mit zwei weiteren Kameraden fliehen konnte. Sie versuchten, sich zu den eigenen Truppen durchzuschlagen. In der Gegend von Woroschilowgrad stießen sie auf eine Kolonne mit Kriegsgefangenen. „Dann begann ein Bombenangriff und die Gefangenen rannten in alle Richtungen davon … als der Angriff vorüber war, gingen die Deutschen daran, die Gefangenen wieder einzufangen. Auch wir wurden auf diese Weise aufgegriffen und kamen in ein Lager in Schachty. Dort wurden wir zu Aufräumarbeiten im Bergwerk eingesetzt. Später brachten sie uns nach Nikolajew, wo wir nur kurz blieben, dann kamen wir nach Österreich in ein Lager in der Nähe von Graz, wo ein Steinbruch war. Im Mai 1945 wurden wir befreit und ich wurde der 74. Division zugeteilt.

Ich kam schon 1944 nach Österreich, nach Graz. Unser Lager wurde in erster Linie von alten Männern bewacht, deshalb hätten wir fliehen können. Aber wohin? Alle, die wegliefen, wurden später wieder aufgegriffen und so verprügelt, dass uns anderen der Gedanke an eine Flucht verging. Jeden Morgen kam jemand ins Lager und wählte zwei bis drei Männer für verschiedene Arbeiten aus – mal mussten wir Gräben ausheben, mal die Toiletten saubermachen, oder wir wurden in der Landwirtschaft eingesetzt, zur Rübenernte; letztere Arbeit „liebte“ ich, da gab es etwas zu essen. Die schwerste Arbeit aber war, wenn sie uns zum Steinbruch brachten, wo wir Felsbrocken zerkleinern mussten, damit die Steine als Baumaterial verwendet werden konnten.

Insgesamt wurden wir dort menschlicher behandelt und nicht so viel geschlagen. Außer uns Russen gab es noch Franzosen im Lager. Die Verpflegung war erträglich. Nicht so wie in den anderen Lagern, wo man oft nur eine Handvoll Getreide am Tag bekam, und wenn sie dann plötzlich 200g verteilten, dann aßen die halbverhungerten Gefangenen alles auf einmal auf und gingen daran zugrunde …

Wir wurden von sowjetischen Truppen befreit, danach wurde ich zehn Tage lang medizinisch behandelt und anschließend der 74. Division zugeteilt.“

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.