Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

275. Freitagbrief (vom November 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandra Jemeljanowna Kurtowa
Ukraine
Gebiet Saporoshje.

[…] Ich wurde am 14.12.1921 in Terpenje im Bezirk Melitopol, Gebiet Saporoshje, in einer kinderreichen Bauernfamilie geboren.

1940 habe ich eine Ausbildung als Sanitäterin und Hebamme abgeschlossen und bekam eine Arbeit in der Westukraine zugeteilt, in Golyschew im Bezirk Shurawskij, Gebiet Drogobytsch, wo ich das Krankenrevier leiten sollte. Dort war ich auch, als der Krieg begann. Als Sanitätspersonal wurde ich gleich am ersten Tag des Krieges in die Armee eingezogen und wurde der 142. Selbstständigen Marinebrigade zugeteilt, die zur Verteidigung Sewastopols abkommandiert wurde.

Am 4. Juli 1942 geriet ich in Gefangenschaft. Wir hatten uns etwa zwei Wochen lang in Felshöhlen versteckt, da wir hofften, noch evakuiert werden zu können, aber es kamen keine Schiffe mehr durch. Deutsche Boote legten bei uns an und nahmen uns gänzlich Entkräftete gefangen. Unsere Kommandeure und Polit-Offiziere wurden an Ort und Stelle erschossen; die Deutschen zwangen sie, sich ihr eigenes Grab zu schaufeln, dann erschossen sie sie neben den Gräbern – manche waren tödlich getroffen, manche nur verletzt. Dann schaufelten sie das Grab zu; die Erde schien zu atmen. Die restlichen Gefangenen wurden nach Sewastopol ins Gefängnis getrieben, es war ein Marsch ohne Wasser oder Essen, bei dem jeder, der nicht mehr weiter konnte, sofort erschossen wurde.

Im November 1942 brachten sie mich nach Deutschland. Im Durchgangslager Soest [Stalag VI E] erklärte man uns, dass wir in Rüstungsbetrieben arbeiten würden. Wir alle – und wir waren mehr als 500 Sanitäterinnen und Ärztinnen – erklärten geschlossen, dass wir Kriegsgefangene seien und man kein Recht habe, uns dazu zu zwingen, Waffen für deutsche Soldaten herzustellen. Für unsere Weigerung, im Rüstungsbetrieb zu arbeiten, bekamen wir zwei Tage Strafarrest, dann wurden wir ins Frauen-KZ Ravensbrück überführt. Dort mussten wir uns in der Kälte nackt ausziehen, dann nahmen uns die Nazis die Kleidung fort und schoren uns die Köpfe kahl; schließlich nahmen sie uns auch die Namen weg und ersetzten sie durch Nummern. Meine Nummer war 17475.

Wir kamen in eine Baracke für politische Häftlinge. Hier lebten deutsche Kommunistinnen, die auf den sicheren Tod warteten, und Häftlinge, an denen man Experimente durchführte (Transplantationen von Haut, Muskeln oder Knochen). Alle diese Operationen wurden in einem Bunker durchgeführt, ohne Beachtung von Hygienestandards, ohne Narkose bei vollem Bewusstsein. Viele Häftlinge starben auf dem Operationstisch, die anderen waren für ihr ganzes Leben gezeichnet.

Einmal im Monat wurden die Schwachen und Kranken, die nicht mehr arbeiten konnten, ausgesondert und kamen in die Gaskammern von Auschwitz oder Lublin in Polen – das waren die sogenannten „Schwarzen Transporte“.

Es gab auch in Ravensbrück ein Krematorium, aber dort konnten nicht einmal alle Leichen der im Lager zu Tode Gemarterten verbrannt werden; die Deutschen nannten es ein Krematorium von „niedriger Kapazität“.

Das Lager war von einem Elektrozaun umgeben, für das geringste Vergehen oder auch einfach nur zum Spaß wurden Häftlinge zu Tode geprügelt oder man hetzte die Schäferhunde auf sie.

Jeden Morgen wurden wir um vier Uhr von einer Sirene geweckt. Zweimal am Tag, manchmal auch öfter, mussten wir zum „Appell“ antreten, bei dem wir durchgezählt wurden. Unsere Arbeitstage waren unterschiedlich, dauerten aber nie weniger als zwölf Stunden. Die Ärzte unter den Kriegsgefangenen wurden zu Erdarbeiten eingesetzt, alle anderen mussten in der Fabrik Kleidung für die Häftlinge nähen. Die Häftlinge sabotierten die Arbeit und erfüllten absichtlich nicht die Arbeitsvorgaben, wofür sie schrecklich verprügelt wurden; dennoch ging die Sabotage weiter.

Im Lager gab es einen speziellen Strafblock, das war eine einfache Baracke mit verschlossenen Fenstern, vor der immer ein Posten Wache hielt. Den Häftlingen des Strafblocks war es streng verboten, in den Hof hinauszugehen und die im Lager übliche Hungerration wurde für sie um die Hälfte reduziert. Die Strafmaßnahme bestand aus 25 Schlägen mit einem Gummiknüppel. Manche Häftlinge starben an den Schlägen, kamen nicht wieder zu sich. Die Häftlinge bekamen ein bis zwei Tage kein Essen, mussten einen ganzen Tag lang nackt bleiben und durften sich nicht einmal hinsetzen.

Wer sich im Strafblock etwas hatte zuschulden kommen lassen, der wurde in den Bunker überführt. Das war ein Ziegelsteingebäude, in dem es Einzelzellen mit Steinfußboden gab. Dort bekam man 25 Knüppelschläge. Die Strafe konnte von 25 bis zu 100 Schläge betragen und wurde zu je 25 Schlägen ausgeführt, mit einer Woche Pause dazwischen. Außerdem wurden die Häftlinge im Bunker als Folter mit kaltem Wasser übergossen.

Trotz aller Schikanen und Demütigungen verloren wir nicht den Mut und lebten in der Hoffnung auf unseren Sieg. Am 1. Mai 1945 wurden wir von sowjetischen Truppen befreit.

Ich habe Ihnen bei weitem nicht von allen abscheulichen Demütigungen geschrieben, die die Nazi-Unmenschen den Gefangenen zugefügt haben. Sogar der Gedanke daran fällt mir schwer, aber wir müssen uns und die anderen daran erinnern, damit alle erfahren, was Faschismus bedeutet.

Ich danke Ihnen für die Anteilnahme und die Unterstützung!

Mit freundlichen Grüßen,

Aleksandra Jemeljanowna Kurtowa.

****

Frau Kurtowa erhielt keine „Entschädigung“ aus Deutschland, lediglich von KOHTAKTbI 300 Euro als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts. Auf Nachfrage senden wir den Folgebrief von Frau Kurtowa.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.