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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

274. Freitagsbrief (vom November 2008, aus dem Ukrainischen von Sibylle Albrecht, und Briefzitat vom Dezember 2011).

Ukraine 38200
Gebiet Poltawa
Bezirk Semenowowskij
Dmitrij Antonowitsch Gorpinjak.

[…] Wie viele andere auch geriet ich in Gefangenschaft, als die Deutschen die ganze Front abgeriegelt hatten. Wir hatten die Wahl – entweder ins Meer oder in Gefangenschaft, denn das war in Sewastopol geschehen. Uns Gefangene jagte man von Sewastopol über Simferopol zu Fuß nach Dshankoj [Dulag 123], unter Bewachung, bei großer Hitze. An der Straße gab es kein Wasser, die Leute wurden krank, fielen um und dann gaben die Deutschen ihnen den Todesstoß.Im Lager Dshankoj wählte man die Kräftigsten aus und trieb sie zur Arbeit, Straßen instand setzen. Mit Tragen musste Erde rangeschafft werden, um Löcher in der Straße zuzuschütten. Als Verpflegung gab es einmal am Tag eine Kelle trüben Wassers. An jedem Tag wurden im Lager die Gesündesten ausgesucht für die Gruben von Kriwij Rig / Kriwoi Rog im Gebiet Dnipropetrowsk. Dort wurde Eisenerz abgebaut, unter Tage. Auch ich kam zur Grubenarbeit, förderte Manganeisen(erz). Dieser ganze wertvolle Rohstoff wurde nach Deutschland gebracht. In der Grube war es feucht, wie ständiger Regen. Das war in Maksimowka.

Dann hatten die sowjetischen Truppen den Ring um die deutschen Truppen bei Stalingrad geschlossen, das Oberkommando mit General und 38 Divisionen zerschlagen und gefangen genommen.

Uns verlegte man in Begleitung von Wachmannschaften aus den Gruben der Ukraine vom Gebiet Dnipropetrowsk in das Gebiet Nikolajew, nach Perwomajsk [Stalag 305Z]. Im Fußmarsch, mit Holzpantinen, sowas trugen wir anstelle von Schuhen. Eine weite Strecke, über 600 km. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde noch an der Straße von den Wachmannschaften umgebracht. In Perwomajsk verlud man uns in Waggons, vernagelte Türen und Fenster und brachte uns fort. Sehen konnten wir nichts und wir wussten nicht, wohin es ging. Dann kamen wir nachts in einem Ort an, die Türen wurden geöffnet und aus den Waggons jagte man uns in Holzbauten. Wir erfuhren, dass wir uns in Amstetten [?] befanden. Auch hier gab es nur warmes Wasser, Kohlsuppe, eine Kelle. Als dann Schnee gefallen war, 10 cm, gingen „Polizaj“ durch die Baracken, kontrollierten. Es kam das Kommando Ausziehen, bis auf die Haut. Kleidung auf einen Haufen legen. Dann wurde man unter Peitschenhieben in eine andere Baracke geschickt, zum Rasieren. Dann wieder zurück mit Peitschenhieben, nackend, im Laufschritt, durch den Schnee zur Baracke. Dort in der Schlange stehen, 10 Minuten, nur einzeln eintreten. Drinnen musste man sich mit der Brust an einen Apparat stellen, auf dessen anderer Seite ein Deutscher saß und schaute und zu dem „Polizaj“ was sagte. Der zeigte dann, wohin man gehen muss, auch mit Peitschenschlägen. Dort kriegte dann jeder Bekleidung, wie es gerade kam – Hosen, Hemd, und noch so etwas wie eine Jacke. Unter lauten Rufen erfolgte die Einteilung in die Baracken, die wir nicht verlassen durften. Die Baracken waren nummeriert und wen man außerhalb seiner Baracke antraf, der erhielt Schläge. Im Frühjahr, es war schon warm, da wurden wir aus der Baracke geholt, mussten uns aufstellen zu je 50 Mann und wurden dann zu einer anderen Baracke gebracht. Die Türen waren von „Polizaj“ bewacht, so ging das 3 Tage. Dann hieß es raustreten, antreten. Auf uns warteten schon 4 Soldaten, blasse, junge Deutsche. Sie führten uns zu den Waggons, unterhielten sich und dann sagte einer zu uns „Kamerad, Hitler kaputt. Stalingrad, Hitler kaputt“. Dann zeigte er auf sich „Lazarett“. Ich zeigte ihm mein(e) rechte(s) Bein/Hand mit der Splitterverwundung, er zeigte mir seine rechte Brust.

Wir wurden verladen in 4 Waggons, aber ohne die Türen zu vernageln. 3//Stunden ging die Fahrt. Irgendwo inmitten einer Einöde ließ man uns aus den Waggons. Frauen standen dort, alte Frauen. Sie kamen auf uns zu, aber zivile „Polizaj“ hielt sie zurück. Einer von der „Polizaj“ wählte 20 Mann von uns aus und brachte uns in ein Lager, wo schon nicht wenige Gefangene waren, die in Gruben arbeiteten. Man gab uns Kohlrabi zu essen, morgens, mittags, abends. Dann erfuhren wir, dass auch wir im Bergwerk arbeiten werden, aber nicht unter Tage, sondern über Tage, Braunkohle machen. In einer offenen Grube arbeiteten wir, zusammen mit Deutschen, die schon an die 60–70 Jahre alt waren. Ich war an einer Seilwinde eingesetzt, die befand sich in einem Tunnel. Mit ihrer Hilfe wurden die Loren nach oben gezogen. Der Tagebau war in … Kleinzell [?]/,/ aber den Ort selbst habe ich nie gesehen. Die Grube zog sich lang hin an einer Straße.

Befreit wurden wir von den Amerikanern. Wir haben uns dann auf den Weg gemacht um unsere Armee zu finden. Dort habe ich dann noch bis 1947 gedient, war stationiert in Deutschland, Österreich, Tschechien. Meiner Jugend war ich beraubt, wie alle meiner Altersgefährten. Nun bleibt das bittere Los des Alters, 86 Jahre alt bin ich. Die Beine schmerzen, besonders die Knie. Ich gehe auf Krücken. Mehrmals schon hat man mich bestohlen. Meine Frau lebt nicht mehr, am 26.7.2008 ist sie gestorben.

Meine lieben Kollegen schreiben Sie mir bitte, auch in Deutsch. Nur, möglichst so, dass jeder Buchstabe lesbar ist.

Ich grüße sie herzlich,

Dmitrij Antonowitsch Gorpinjak, ehemaliger Kriegsgefangener in Deutschland.

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"Polizaj": einheimische Wachleute, Kollaborateure im Dienst der Wehrmacht.

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Aktuelle Nachricht von Galina Dmitrijewna, Tochter von Herrn Gorpinjak: […] Ich betreue meinen Vater bei seiner stationären Behandlung im Bezirkskrankenhaus. Als Kriegsveteran und Behinderter der 1. Kategorie hat er gesetzlichen Anspruch auf kostenlose Behandlung. Ich legte im Krankenhaus die nötigen Papiere vor. Mir wurde gesagt, dass ich nicht alle Tassen im Schrank habe."Geh in die Apotheke und tausch deine Papiere gegen Medikamente!" – war die Aussage. Ich musste selbst Verbandsmittel bezahlen. Dafür habe ich 3000 Hriwna (ca. 300 Euro) ausgegeben.(Übersetzung: Dmitri Stratievski).

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(Herr Gorpinjak wird mit KOHTAKTbI-Spenden unterstützt).

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