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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

273. Freitagsbrief (vom August 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Russland 433314
Gebiet Ul´janowsk
Bezirk Ul´janowskij
Pjotr Ignatjewitsch Kusin.

[Es schreibt die Tochter Nina Petrowna]

Guten Tag!

Diesen Brief schreibt Ihnen Nina Petrowna, die Tochter des ehemaligen Kriegsgefangenen Pjotr Ignatjewitsch Kusin. Bitte entschuldigen Sie, dass wir nicht früher auf Ihren Brief geantwortet haben. Heute können wir Ihnen antworten und Ihnen für die finanzielle Unterstützung in Höhe von 300 Euro danken. Wir haben das Geld sinnvoll verwendet: Wir haben Vater zu seinem hundertjährigen Jubiläum ein Bad mit warmem Wasser einbauen lassen. Am 24. Juni haben wir Vaters runden Geburtstag gefeiert. Er hat viele Glückwünsche bekommen und hat sich sehr gefreut. Wenn man das Alter bedenkt, geht es ihm gesundheitlich nicht schlecht, und sein Gedächtnis ist einfach phänomenal. Er kann sich an solche Einzelheiten erinnern, dass man sich darüber nur wundern kann. Wir danken Ihnen also sehr für das Geld. Als wir es Vater übergeben haben, da hat er sogar geweint, so sehr hat er sich gefreut. Wir wünschen Ihnen allerbeste Gesundheit und viel Glück Auf Wiedersehen.

Zeitungsartikel „NADO SHIT'“ [Man muss leben] vom 7.7.2011 [Zusammenfassung].

Pjotr Ignatjewitsch Kusin wird hundert Jahre alt. Er hat die Revolution erlebt und die Hungerzeit, den Krieg und die Perestroika. Er war in Nazi-Gefangenschaft und in sowjetischen Lagern. Er ist der letzte Veteran in Novyj Uren. […]

Pjotr Kusin wurde mit zwei Kameraden im April 1943 von Deutschen aufgegriffen. Man trieb sie nach Litauen, unterwegs bekamen sie weder Wasser noch Essen. Aus Litauen wurden sie auf einem von sechs Schiffen mit Gefangenen nach Danzig gebracht, von dort kamen sie in ein Lager bei Pillau. Die Deutschen brauchten kostenlose Arbeitskräfte, vor allem Ende 1944, als die Front immer näher rückte. Die Arbeitskommandos aus Gefangenen mussten Gräben ausheben, Holz schleppen, Fässer transportieren sowie Unterstände und Bunker errichten.

Am Abend des 8. Mai kam irgendein Vorgesetzter zu ihnen ins Lager und erklärte ihnen mit Hilfe eines Dolmetschers, dass Deutschland in dieser Nacht kapitulieren würde. Er riet ihnen, sich vor den Bombenangriffen von deutscher wie russischer Seite in Sicherheit zu bringen.

2.

Die Gefangenen versteckten sich auf einem nah gelegenen Fabrikgelände, hängten überall weiße Laken auf, um zu signalisieren, dass sich dort Kriegsgefangene befanden. Wer am Leben geblieben war, machte sich auf den Weg zu den sowjetischen Truppen. Als sie dort angelangt waren, sperrte man sie sogleich wieder hinter Stacheldraht. In einem Lager bei Elblag [Elbing Ostpreußen] wurden sie zwei Monate lang überprüft. Dann brachte man sie in die UdSSR, in ein Lager in Orechowo-Sujewo bei Moskau, in dem Pjotr Kusin noch anderthalb weitere Jahre ausharren musste. Kusin wurde zur Zwangsansiedlung in der Arktis verurteilt. Am 6.11.1946 wurde er nach Kandalakscha abtransportiert, wo er im Bergwerk arbeiten musste. Die freien Arbeiter – sie lebten nicht unter Bewachung und bekamen einen Arbeitslohn – lebten in Baracken zu 18 Personen. Bunt zusammengewürfelt: Deutsche, Polen, Russen. Die Baracken waren sauber und geheizt, alle zehn Tage ging es ins Waschhaus, danach bekamen alle frische Wäsche. Zu Essen gab es 600g Brot, zweimal am Tag Suppe und als Mittagessen Fischköpfe. […] Nach zehn Monaten wurde Kusin entlassen, zu dem Zeitpunkt war er bereits Brigadeführer und bekam 900g Brot. Was für eine freudige Überraschung, als man ihn eines Tages zum Kommandeur bestellte und mitteilte, er sei entlassen und könne nach Hause. Von den 180 Rubel, die man ihm auszahlte, konnte er sich Brot und Zucker für unterwegs kaufen, dann musste er warten, bis seine Mutter ihm Geld für die Fahrt schickte. Das Geld von der Mutter reichte nur bis nach Moskau, den Rest des Weges fuhr er „schwarz“ – zwischen den Zugwaggons, wo er sich mit dem Gürtel festband. Als er zu Hause ankam, erfuhr er, dass seine Frau gestorben war. […]

Später lernte er seine zweite Frau Katja kennen, auch sie war Kriegswitwe. Sie bekamen drei Kinder, 1961 baute Pjotr Kusin für die Familie das Haus aus. Seine Frau und er arbeiteten beide in der Kolchose, führten ein gutes Leben. […] Pjotr Kusin arbeitete bis über 70 in der Kolchose. 2007 verstarb Pjotr Kusins Frau, seitdem lebt er alleine mit seiner Tochter Nina, die aus der Stadt zu ihm gezogen ist, um ihm zur Seite zu stehen. Zu Festen und Feiertagen kommt die Familie zusammen, und die ist nicht klein, insgesamt zehn Enkel und Urenkel gibt es schon.

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