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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

272. Freitagsbrief vom November 2005.

222310 Belarus Gebiet Minsk
Molodetschno
Soja Wiktorowna Jablokowa.

[…] 61 Jahre sind schon seit dem Kriegsende vergangen, aber ich kann immer noch nicht die schreckliche Zeit der deutschen Kriegsgefangenschaft vergessen. Gefangengenommen wurde ich und meine Kameraden im Februar 1942 bei Rshew. An diesem Tag schneite es so, dass wir gar nicht merkten, wie wir die feindliche Verteidigungslinie im Wald erreichten. Wir gerieten unter Beschuss. Ich wurde am Bein verwundet und gefangengenommen. Im ersten Ort nahm man mir meine Filzstiefel weg und gab mir stattdessen ein Stück Sackleinen, das ich um meine Füße wickelte. Der Winter 1942 war sehr streng, die Temperatur erreichte –40°, und es glich einem Wunder, dass ich mir keine Erfrierungen an den Füßen zugezogen hatte. Zuerst waren wir in einer Schule im Dorf Manuilowo untergebracht. Die Verhöre dauerten pausenlos Tag und Nacht, wir wurden geschlagen. Nach einigen Tagen brachte man uns ins Kriegslazarett nach Rshew [Dulag 240], das sich im Bahnhofsgebäude befand. Russische Ärzte entfernten mir einen Splitter aus dem Bein, aber nach einigen Tagen erkrankte ich an Flecktyphus. Die Lebensbedingungen von Kriegsgefangenen waren schrecklich. Wir schliefen auf Pritschen, wo es von Läusen wimmelte, zu essen gab es verschimmeltes oder verbranntes Brot, das überhaupt nicht reichte. Ich war sehr schwach und bekam keinerlei ärztliche Behandlung. Ich habe nur deshalb überlebt, weil ich jung war und unbedingt leben wollte. Die Gefangenen starben täglich dutzendweise. Vor dem Lazarett wurde ein Graben ausgehoben, und zwar von allen Seiten des Gebäudes entlang seiner Wände. Dieser Graben war voll erfrorener nackter Leichen. Am Anfang dachte ich, es seien Skulpturen aus der ganzen Stadt, die man hierher gebracht hatte. Später begriff ich, dass das tote Kriegsgefangene waren. Als ich mich von meiner Krankheit ein bisschen erholte und wieder gehen konnte, verlegte man mich in ein Lager nach Rshew. Die Lebensbedingungen waren hier nicht besser. Wir wohnten in einer Holzbaracke und schliefen auf nackten Pritschen. Zu essen gab es eine dünne Suppe mit ein paar ungeschälten Kartoffeln und Tee aus Nadeln, und das nur einmal pro Tag. Wir Frauen mussten manchmal verschimmeltes Brot und gefrorene Kartoffeln sortieren. So hatten wir Gelegenheit, von diesen Lebensmitteln etwas mitzunehmen, aber das war selten. Alle Gefangenen waren erschöpft und entkräftet, viele starben. Obwohl sehr schwach, mussten wir trotzdem arbeiten, z.B. Trümmer beseitigen oder Sachen getöteter Juden sortieren. Auf dem Weg zur Arbeit und zurück suchten wir in allen Gruben, die wir nur sahen, nach Kartoffelschalen und anderen essbaren Abfällen. Aus dem Lager in Rshew wurden wir nach Wjasma [Dulag 230] verlegt. Wir wohnten in einem unbeheizten zerstörten Gebäude. Auf Anzeige des Verräters Nikita Danilkin wurde ich in den Karzer geworfen und viel geschlagen. Die Deutschen zwangen mich zu bestätigen, Aufklärerin gewesen zu sein. Während des letzten Verhörs sagte man zu mir, wenn ich alles weiterhin verneinen würde, würde man mich erschießen. Normalerweise weinte ich nie während der Verhöre, aber diesmal hielt ich es nicht aus. Als ich alleine im Karzer blieb, fing ich an zu heulen. Ich fand es zum Verzweifeln, dass ich sterben musste, ohne etwas für meine Heimat getan zu haben. Bis heute kann ich nicht verstehen, warum ich damals nicht erschossen wurde. Anscheinend haben sie mir und nicht den Verrätern geglaubt. Sie behaupteten, ich sei im Januar mit dem Fallschirm vom Flugzeug gesprungen. Ich wurde ja Ende Februar an der Frontlinie gefangengenommen. Aus Wjasma kam ich ins Gefängnis nach Smolensk, danach ins Lager in Granki, Gebiet Smolensk. Ich arbeitete hier bei der Torfgewinnung, von hier aus gelang mir die Flucht zu den Partisanen und ich konnte gegen die Faschisten kämpfen. Für meine Verdienste im Krieg wurde ich mehrmals von der Regierung ausgezeichnet. Unser Smolensker Partisanenregiment erreichte den Kreis Wileika Gebiet Minsk. Nach der Auflösung des Regiments blieb ich in Wileika. 15 Jahre arbeitete ich in der Abteilung für soziale Sicherheit des Wileikaer Kreisvollzugskomitees, das später in das Molodetschnoer Kreisvollzugskomitee umbenannt wurde, danach war ich in der Partei und in Gewerkschaften tätig. Jetzt bin ich Rentnerin. Eigentlich bin ich Russin, geboren im Gebiet Kalinin, aber Weißrussland ist für mich die zweite Heimat geworden, in der ich schon mehr als 60 Jahre lebe. Ich liebe meine zweite Heimat sehr. Die Regierung Weißrusslands kümmert sich sehr um die Veteranen. Wir bekommen eine anständige Rente, genießen viele Vergünstigungen und verfügen über alle Voraussetzungen, um ein ruhiges und wohlhabendes Leben zu führen.* Aber die Veteranen sind trotzdem besorgt. Uns beunruhigt die heutige Lage in der Welt, […] aber wir Veteranen, die die Gräuel des Krieges überlebt haben, sehnen uns nach Frieden, menschlicher Wärme und Ruhe, denn das haben wir doch verdient.

Jablokowa S.W.

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* Die soziale Lage alter Menschen in Belarus veränderte sich seither. Seit Beginn 2011 stiegen die Lebenshaltungskosten bis zu 300%. Auf Nachfrage schicken wir den ungekürzten Brief.

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