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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

269. Freitagsbrief (vom September 2011, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Ida Genrichowna Grinberg
Moskau.

Ich wurde 1921 in Dnjepopetrowsk – während des Bürgerkriegs geboren … Meine Mutter war gezwungen mit mir, einem 9 Monate altem Kind, zu fliehen, weil es Pogrome gab, die Armee Machnos wütete. Wir flohen nach Russland in die Stadt Karatschow, Gebiet Brjansk. So wuchs ich bei der Großmutter bis zum 7. Lebensjahr auf. Danach zog die Familie nach Moskau um, wo ich zur Schule ging, nach deren Abschluss trat ich ins Institut für Stomatologie ein. 1937 erhielt ich das Diplom und wurde an die Perower Kinderklinik geschickt, wo ich bis zum Beginn des Krieges arbeitete.

14. August 41 wurde ich eingezogen und mit dem Feldlazarett an die Leningrader Front geschickt. 1942 bei der Verteidigung von Leningrad und dem Versuch der Vereinigung mit der Wolchow-Front geriet unsere Armee in die Einkesselung. Einen ganzen Monat arbeiteten wir, versorgten die Verwundeten unter außergewöhnlich schwierigen Bedingungen. Dann wurde befohlen, dass jeder wie er kann die Einkreisung durchbrechen soll. So versuchten wir in Gruppen durch die Wälder laufend die Einkreisung zu durchbrechen. Zwei Wochen lang liefen wir hungrig und erschöpft, bis wir in der Nacht zum 2??? 1942 auf eine deutsche Patrouille stießen, die uns gefangen nahm. So begannen unsere Qualen. Danach wurden wir von einem Lager ins andere geschickt. Viele von uns erkrankten an Fleckfieber. Hungrig und entkräftet schickte man uns in ein Krankenhaus für Kriegsgefangene, wo wir Frauen die kranken Soldaten pflegten. Jeden Morgen gingen wir durch die Zimmer, um tote Soldaten einzusammeln. Sie starben vor Schwäche, Mangel an Medikamenten und fehlender chirurgischer Hilfe.

In dem Maße, wie die Rote Armee angriff, gerieten wir immer weiter ins Hinterland. Anfang 1944 in der Stadt Chelm [Stalag 319], in Polen, wurden alle Frauen für Züge formiert, um sie nach Deutschland für zivile Arbeiten zu transportieren. Aber wir verstanden, was das für eine „Freiheit“ würde und 43 Frauen weigerten sich, als Zivilisten zu fahren, sondern wollten lieber Kriegsgefangene bis zum Ende des Krieges bleiben. So wurden wir alle 43 in das KZ Majdanek gebracht.

Es ist schwer und auch die Zeit reicht nicht, um von all den Schrecken zu berichten, die wir dort gesehen haben. Aber wir hielten auch weiterhin zusammen und unterstützten uns gegenseitig. Wenn jemand krank wurde, haben wir für ihn gearbeitet und bemühten uns mit allen Kräften, ihn auf die Beine zu bringen. Wir sahen, wie jeden Morgen beim Appell Leute ausgesondert wurden, Kranke, Alte, Kinder und alle ins Krematorium. Wir erwarteten jeden Tag den Tod. Wir mussten vom Morgen bis zum späten Abend in der Wäscherei arbeiten und die Kleidung der Toten sortieren. Von Majdanek kamen wir nach Ravensbrück. Im Unterschied zu allen anderen Gefangenen trugen wir auf der gleichen gestreiften Kleidung das Zeichen SU.

Vor der Befreiung … Wir wurden in eine Scheune gesperrt und alles zum Anzünden vorbereitet, bevor unsere Truppen kommen. Die Kanonade war schon zu hören und jeden Tag nahmen wir Abschied vom Leben, dachten an den Tod. Aber wir meuterten, brachen die Tür auf und sahen, dass uns nur ein SS-Mann bewachte. Er erklärte uns, dass er den Befehl nicht ausgeführt habe, die Scheune anzustecken. Wir wurden von einer Aufklärungsabteilung befreit und an Sammelpunkte für Kriegsgefangene zur Überprüfung und zum Transport in die Heimat gebracht. Ich traf zufällig einen Offizier aus dem Krankenhaus, der mich erkannte und in das Repatriierungslager Mühlberg an der Elbe schickte. Dort begann ich ab 27. April 1945 als Chefin des medizinischen Dienstes des Repatriierungslagers zu arbeiten, das alle Leute durchlaufen mussten, die nach Deutschland zur Arbeit gebracht worden waren und ehemalige Gefangene. Ende 1945 kehrte ich nach Moskau zurück.

Dienstliche Beurteilung:

Für die Leiterin des Medizinischen Dienstes und Ärztin des SPP Nr. 205 der Abteilung zur Repatriierung bei der 8. Gardearmee Genossin Frinberg Iraida Genrichowna, Jahrgang 1921, Jüdin, kein Parteimitglied.

Sie arbeitet ab 27. April im medizinischen Dienst, sie führte die von Kommandeuren gegebenen Befehle exakt aus.

Seit Beginn der Tätigkeit des Lagers erwies sie sich unter schwierigsten Bedingungen als guter Organisator, konnte schnell eine gute medizinische Betreuung des gesamten Kontingents sichern, sowohl der Repatriierten als auch der Armeeangehörigen. In der gesamten Zeit ihrer Tätigkeit im SPP gab es keine epidemischen Erkrankungen, ungeachtet der großen Anzahl von Repatriierten, die das Lager durchliefen (12 000 Mann).

Feinfühlig und fürsorglich verhielt sie sich zu den Kranken. Vermittelte ihr Wissen an ihre Untergebenen. Nimmt aktiv am gesellschaftlich – politischen Leben des SPP teil. Ihr Sachverstand wird vom Personal des SPP geschätzt. Moralisch stabil, ideologisch gefestigt. Hat den Anforderungen an den Posten des Leiters des Medizinischen Dienstes des SPP vollständig entsprochen.

Stellv. des Politleiters des SPP Nr. 205 Gardeoberleutnant [Unterschrift]

21. August 1945

Mühlberg

[Unterschrift Dienstsiegel]

Beglaubigt

1.8.45

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