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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

267. Freitagsbrief (vom Mai 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Nikolaj Wasiljewitsch Spiridonow
Ukraine
Gorliwka
Gebiet Donezk.

Es schreibt die Tochter Ljudmila Nikolajewna Kowaltschuk.

[…] Mein Vater und ich danken Ihnen herzlich für die Unterstützung mit Medikamenten. Vater ist sehr krank, kann sich kaum in der Wohnung fortbewegen und ist fast ganz erblindet. Er hat mich gebeten, Ihnen von den wichtigsten Ereignissen in seinem Leben zu schreiben, falls das für Sie interessant ist. Vater denkt nicht gerne an den Krieg zurück und sieht sich niemals Filme über den Krieg an. Er sagt, dass er in vier Jahren Gefangenschaft genug gesehen hat, das reicht ihm für das ganze Leben.

Am 5. Mai ist er 90 Jahre alt geworden, da können Sie sich sicher vorstellen, dass er mehr Krankheiten und Wehwehchen hat, als man an beiden Händen abzählen kann. Deshalb hat uns die Unterstützung Ihrer humanitären Organisation sehr geholfen, besonders jetzt im Frühjahr, da sich sein Zustand verschlimmert hat.

Mein Vater wurde in Pustoschka im Gebiet Leningrad geboren, als Sohn eines einfachen Bauern. Von Kind an lernte er anzupacken. Er konnte im Haushalt alles selbst machen, weil seine Mutter starb, als er zehn Jahre alt war. Damit war seine Kindheit zu Ende, er wurde schnell selbstständig, da es vier Kinder in der Familie gab. Er ging nur fünf Jahre zur Schule, dann begann er zu arbeiten. Er arbeitete an der Bahnlinie in Luga als Weichensteller. Im September 1940 wurde er von dort zum Dienst in der Armee einberufen und kam zu den Grenzeinheiten des NKWD. Dann kam er zu einer Sicherungseinheit und diente nach der Ausbildung im Wehrbezirk Sakarpatje in Lebuchora, Bezirk Dragobytsch, im 91. Grenztrupp.

Dort begann für ihn auch der Krieg. Seine Einheit rückte unter Kämpfen von der Grenze bis an den Dnjepr zurück. Er geriet in einen Kessel und wurde bei Saporoshje gefangen genommen, war verwundet. Damit begann sein Leidensweg durch die Lager. Die Menschen wurden wie Vieh ausgesondert; dann wurden die jungen und gesunden Gefangenen, die arbeitsfähig waren, in einer Kolonne nach Deutschland getrieben. Vater kam zuerst ins KZ Nr. 326 [Stalag Stukenbrock]. Dort wurden die Menschen erneut ausgesondert und wenn Arbeitskräfte gebraucht wurden, schickte man sie zur Arbeit in verschiedene Betriebe, je nachdem, wie viele Arbeitskräfte die Betriebsdirektoren anforderten. Vater arbeitete in der Gießerei Kranz, das war ein Gießerei-Betrieb oder ein Werk. Es war in der Nähe von Hannover, in Brackwede [bei Bielefeld?], wenn ich ihn richtig verstanden habe. Die Arbeit war schwer und kräftezehrend, zwölf Stunden am Tag; die Verpflegung war ein wenig besser als im Lager, damit sie arbeiten konnten. In diesem Werk zog er sich eine Verletzung am Bein zu – das Bein schmerzt ihn bis heute und den Fuß kann er nicht richtig benutzen. Es gab einen Unfall im Werk, in Folge dessen ihm das heiße Metall aufs Bein floss und er schwere Verbrennungen erlitt. Im Werk wurde die Verbrennung schlecht behandelt, sie eiterte und er hätte das Bein verlieren können. Er arbeitete also weiter mit dem verletzten Bein.

Als die Gefangenen davon erfuhren, dass die amerikanischen Streitkräfte näher rücken, freuten sie sich sehr und bekamen wieder Hoffnung. Um sie herum waren Gefechte in Gange. Dann holte man sie in der Nacht aus den Betten und trieb alle Gefangenen in einer Kolonne tiefer nach Deutschland hinein – aber wohin es ging, das wusste niemand. Einige junge Männer, unter ihnen mein Vater, flohen in der Nacht aus der Kolonne und versteckten sich im Wald. Als es Tag wurde, kamen sie zu Dritt zu einer Straße, auf der bereits amerikanische Panzer unterwegs waren.

Ein riesiger Schwarzer kam auf sie zu, begutachtete sie, und als er begriff, dass sie Russen waren, zeigte er ihnen den Weg zu einem Frauenlager. So kamen sie zu den eigenen Leuten. In diesem Lager bekam Vater Essen und sein Bein wurde behandelt. […]

Die Amerikaner boten ihnen an, nach Amerika zu fahren, wollten junge Soldaten zur Arbeit anwerben, aber er wollte nach Hause, in die Heimat, so lehnte er ab und marschierte mit anderen befreiten Gefangenen in einer Kolonne bis nach Brest-Litowsk. Bis nach Hause kam er aber nicht, an der Grenze wurden sie in Züge verfrachtet und zur Arbeit ins Donezbecken gefahren, wo sie beim Wiederaufbau der Bergwerke arbeiten mussten. So kam er nach Gorlowka, […]

Er hat fast 33 Jahre am Stück im Bergwerk gearbeitet und sich dort eine Menge Krankheiten eingefangen, weshalb er jetzt ständig Medikamente nehmen muss. Ich möchte noch Folgendes sagen: So schwer sein Leben auch war, er hegt keinen Groll gegen die Menschen. Er hat mir immer gesagt, dass es überall gute und schlechte Menschen gibt, unabhängig welcher Nation. Und er hat seinen Kindern beigebracht, Menschen jeder Nationalität zu schätzen.

[…] Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei Ihrer so wichtigen Arbeit.

Mit den besten Grüßen,

Ljudmila Nikolajewna Kowaltschuk.

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