Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

265. Freitagsbrief (per Email angekommen am 17. Oktober 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

.

Sehr geehrte […] und Mitglieder Ihres Vereins, es schreibt Ihnen der Urenkel des ehemaligen Kriegsgefangenen Nikolai Dmitrijewitsch Tarakanow, Maslow Artjom, Schüler der 8. Klasse.

Zunächst möchte ich mich für Ihre Aufmerksamkeit und Ihre Arbeit bedanken! Alten Menschen ist es immer wichtig zu sehen und zu wissen, dass man sie nicht vergessen hat, das heißt ihr Leben war nicht nutzlos! Ich habe dieses Material zur Feier des 65. Jahrestages des Sieges vorbereitet, weil ich von Ihnen Ihren Brief mit der Bitte erhielt über das Leben meines Urgroßvaters zu berichten, so beschloss ich das erarbeitete Material zu verschicken.

Das Leben meines Urgroßvaters Nikolaj Dmitrijewitsch Tarakanow, Einwohner des Dorfes Katschulki Rayon Karatusowo, war dramatisch. Für ihn, den einfachen, fleißigen Dorfjungen aus einem Taigadorf, begann der Krieg in der Armee, in die er am 19. April 1941 eingezogen wurde. Den Dienst absolvierte er in der Stadt Shitomir in der Westukraine. Am 18. Juni wählte man die kräftigsten Soldaten aus und schickte sie in die Stadt Luzk, wo die Gruppe am 21. Juni 1941 eintraf. An der Haltestelle Luzk begrüßte die 7 Soldaten ein Hauptfeldwebel und führte sie ins Waffendepot, wo ihre Einheit lag. Um 4 Uhr morgens wachten alle von Geräuschen und Bombenexplosionen auf. Luzk und der Flugplatz wurden bombardiert.

Einkesselung

Alles rannte durcheinander, die neu eingezogenen standen verdutzt, es eilte ein Offizier herbei und sie eilten hinterher. Im Kiefernwald waren Munitionslager und Kanonen, sie bekamen Ausrüstungen und ab in den Kampf. Drei Tage hielten sie die Attacken des Feindes bei Luzk auf, aber die Kräfte waren ungleich, und es kam der Befehl zurück nach Luzk zu gehen (das Wort Rückzug wurde nicht verwendet, weil es Schande war) Aus der Einkesselung gab es nur einen Weg, durch die Sümpfe von Pinsk. Achtundzwanzig Tage liefen sie durch die Sümpfe, endlich kamen sie heraus und schlossen sich ihren Einheiten an und wieder in den Kampf. Sie setzten über die Desna, die Flakeinheit, in der Nikolaj Richtschütze war, erhielt den Auftrag die Eisenbahnbrücke über den Pripjat zu schützen, über die unsere Truppen sich zurückzogen. Auf die Flakbatterie flogen die Deutschen 8 Angriffe pro Tag, bombardierten von 6 Uhr früh bis 10 Uhr abends. Aber die Flakschützen hielten stand, verteidigten die Position. Der letzte Kampf war schwer. Es gab große Verluste. Der Kommandeur sagte: „Entweder überleben wir als Helden, oder wir kommen alle um.“ Die Pioniere erhielten den Befehl, die Brücke zu verminen. Sie mussten sich zurückziehen. Dann wurde die Brücke gesprengt. Nach diesem Kampf verlas der Kommandeur einen Befehl über die Auszeichnung aller, aber die Auszeichnung kam nicht bis zum Adressaten, weil das Archiv nicht mehr vorhanden war.

Was die Soldaten beim Rückzug sahen, war schrecklich. Menschen, Fahrzeuge, Pferde, Fuhrwerke alles vermischt mit Erde nach den faschistischen Bombenangriffen. Bei Tschernigow gerieten sie wieder in eine Einkesselung, aber die Hoffnung, sich wieder ihren Einheiten anzuschließen, wurde nicht aufgegeben. Sie durchbrachen die Einkesselung und kamen wieder zu ihren Einheiten. Am 16. September 1941 wurde ihre gesamte Flakeinheit vernichtet. In diesem Kampf wurde Nikolaj Tarakanow schwer verwundet am Bein, an der Hand und am Kopf. Als er aufwachte, stützte ihn sein Freund Michajl. Starke Schmerzen im Kopf, Lärm, Klingeln in den Ohren, die Nase in Fetzen, im Mund der Geschmack frischen Blutes. Sie fuhren bis zum nächsten Dorf und hielten ein Sanitätsfahrzeug an. So kam er in ein Partisanenlazarett. Der Arzt, der die Nase nähte, beruhigte ihn: „Alles wird gut, die Mädchen werden dir noch hinterherlaufen.“

Gefangenschaft und Flucht

Die Herbsttage waren trübe, der Feind griff weiter an, die Verwundeten wurden zur Evakuierung vorbereitet, aber man schaffte es nicht. Am 18. September wurde die Stadt von den Deutschen besetzt (Kessel von Charkow). So geriet Nikolaj in Gefangenschaft. Die Verwundeten und das medizinische Personal rührten die Deutschen nicht an, gaben ihnen die Möglichkeit zur Genesung. Die Ärzte bemühten sich, sie möglichst lange als Genesende zu behalten, aber im Januar 1942 wurden alle, die laufen konnten, nach Westen gejagt. Die Wachmannschaft war beritten und hatte Hunde. Übernachtet wurde in Scheunen, morgens gab es 70 g Brot und gekochtes Wasser. Wer nicht mehr laufen konnte, wurde erschossen.

Einmal fassten 7 Gefangene den Beschluss zu fliehen. Nachdem alle in die Scheune zum Nachtlager gejagt worden waren, legten sich die Deutschen schlafen und nahmen ihre Hunde mit. Als alles ruhig wurde, schoben die Gefangenen schnell die Scheunenbretter auseinander und rannten davon. Am Morgen erreichten sie das nächste Dorf, wo sie in Erfahrung brachten, dass dort keine Deutschen sind. Sie nahmen ein wenig Verpflegung bei den Einwohnern und liefen weiter entlang eines toten Eisenbahngleises, wo sie eine ältere Frau versteckte.

Nach zwei Wochen holte sie die Polizai (jemand hatte sie verraten) und jagte sie in die Kommandantur, wo sich schon 40 Mann befanden. 5 wurden beim Versuch zu fliehen erschossen. Zwei, dazu Nikolaj, wurden fortgeführt und in den Keller gesperrt. In der selben Nacht ist er mit beiden Kameraden wieder geflohen, wurden aber wieder eingefangen. (Jedes Mal bei der Flucht wurden sie von Deutschen eines anderen Rayons gefangen genommen, wenn sie von denen gefangen genommen worden wären, vor denen sie geflohen waren, hätte man sie sofort erschossen.) Am nächsten Morgen wurden alle in Autos gesetzt und in die Stadt Chorol gebracht.

Konzentrationslager

Im November 1942 wurden sie in Polen in den kleinen Ort Sedlizy [Stalag 316 Siedlce] gejagt. Im KZ bekam Nikolaj die Nummer 6824 um den Hals gehängt, sie blieb bis zum Kriegsende sein Familienname, Vorname und Vatersname.

Für die geringsten Kleinigkeiten wurden Gefangene getötet. Sieben Mann konnten aus dem Lager durch ein Abwasserrohr fliehen, aber sie wurden eingefangen und vor aller Augen erschossen. Ukrainer, Belorussen und Russen konnten ihren Kameraden nicht helfen, standen nur schweigend, die Zähne fest aufeinander gepresst.

Sie wohnten zu 20 in Erdhütten, schliefen auf Pritschen, die Kleidung stark abgetragen, keine Möglichkeit zum waschen. Die Läuse fraßen sie bei lebendigem Leibe. Manchmal, wenn sie die Unterwäsche auszogen, kratzten sie mit den Nägeln die Nissen und die Läuse aus den Nähten. Ständig hatten sie Hunger. Viele starben vor Hunger. Aber in der Seele eines jeden Überlebenden blieb auch die Hoffnung, dass sie von der eigenen Armee befreit werden. Als Verräter der Heimat betrachteten sie sich nicht, fühlten aber eine Schuld, dass sie gefangen genommen wurden.

Ende Juni kamen Ärzte, die die Gefangenen untersuchten und die 100 Gesündesten und Kräftigsten auswählten. Sie wurden an einen anderen Ort gebracht, erhielten frische Kleidung, besser verpflegt wurden sie jedoch nicht. Sie wurden zum Transport in faschistische Lager in Norwegen vorbereitet. Im Oktober 1943 wurden sie in die Stadt Bodö gebracht, wieder ein Lager, aber ein Arbeitslager. Eine fremde Umgebung, nackte Felsufer, ringsum Wasser, zur Flucht keine Chance.

Sie bauten Flugplätze, Feuernester, schlugen von Hand das Gestein aus den Felsen, schütteten es und gossen Beton darüber. Sie befestigten die Grenze zum Meer. Die Technik wurde von Norwegern bedient, für die Gefangenen waren die Hauptarbeitsmittel Hacke und Schaufel. Die russischen Kriegsgefangenen konnte man aus der Ferne gut erkennen: an den dunkelblauen Jacken und grünen Hosen, an den nackten Füßen Holzschuhe, auf dem Rücken prangten drei große Buchstaben RWP (russischer Kriegsgefangener) [? üblich war SU].

Einmal in der Woche wurden sie in einen Klub gebracht, man führte mit ihnen Gespräche,agitierten sie in die Wlassow - Armee einzutreten. Es gab auch welche, die einverstanden waren, für die Deutschen zu arbeiten.

Einmal glückte es zwei Gefangenen zu fliehen, aber sie wurden an der Grenze zu Schweden eingefangen, ins Lager zurück gebracht und vor allen erschossen und am Tor abgelegt. Bei Annäherung an diesen Ort mussten alle die Köpfe dorthin drehen und auf die Leichen schauen. Wer diesen Befehl nicht ausführte, wurde mit Knüppeln verprügelt.

Später wurde Nikolaj mit einem anderen Gefangenen in die Schusterwerkstatt zur Arbeit geschickt. In dieser Zeit ging das Gerücht über den Angriff der Roten Armee um. Die Deutschen begannen eine aktive Agitation. Es wurden Freiwillige für die Russische Befreiungsarmee und die deutsche Armee gesucht. Die Agitatoren waren Russen in deutscher Uniform.

In der Nacht zum 7. Mai 1945 kamen zusammen mit den Engländern norwegische Truppenteile. Der Kommandant des Lagers rannte mit 5 Mann mit automatischen Waffen auf den Platz und schrie etwas auf deutsch. Zu diesem Zeitpunkt kam ein LKW mit norwegischen Soldaten, die sie entwaffneten. Später erfuhren die Gefangenen, dass sie am Morgen vergiftete Speisen bekommen sollten. Vorher wurde ihnen ein Tag lang nichts zu essen gegeben. Nach der Befreiung Norwegens verbesserten sich die Bedingungen im Lager.

Zur Heimfahrt aus Norwegen vorbereitet, wurde über das Lagerradio ständig verkündet: „Fahrt nach Hause! Auf euch warten Eltern, Frauen, Kinder! Es ist nicht eure Schuld! Es ist euer Unglück!“

Verhöre durch die eigenen Leute

Die Abfahrt wurde vorher bekannt gegeben. Alle erhielten Verpflegung für drei Tage und wurden in die Stadt Narvik gebracht. Von dort kamen sie in die Schweiz. In der Schweiz [?? d.Ü.]wurden sie sehr gut aufgenommen. Es gab ein Brot und 0,5 kg Butter für jeden. Sie wurden auf Schiffe verladen und nach Vyborg gebracht, weiter in Güterwaggons in ein Lager in der Republik Marij [El]. Unterwegs hielt der Zug und sie wurden von Soldaten heraus geführt und verpflegt. Immer wurde dabei geschrien „Gefangene! Faschisten!“ Das war sehr kränkend.

Hier im Lager wurden sie von den eigenen Leuten mit ständigen Verhören gequält: Mit jedem führten sieben Mann der Sonderabteilung Gespräche. Nach diesen Gesprächen wurden die Gefangenen sortiert: Wer den Deutschen geholfen hatte, wurde verurteilt, die übrigen wurden zur Arbeit geschickt. Nach den Überprüfungen bekam jeder eine Bescheinigung als repatriierter ehemaliger Gefangener, Zivilbeschäftigter und am 20. Oktober 1945 wurde ein Baubataillon zusammengestellt und unter dem Kommando eines Armeeoffiziers nach Dnjepopetrowsk zum Bau eines Autoreparaturwerkes geschickt. Zum ersten Mal nach einigen Jahren wurden sie nicht bewacht.

Heimkehr

Nach Hause hat er nicht geschrieben, er fürchtete für das Wohlergehen seiner Lieben. Erst 1946 hat er seiner Mutter einen Brief geschrieben und erhielt Antwort mit der Geburtsurkunde. Er las ihn einige Male. Es zeigte sich, dass man daheim einen „schrecklichen“ Brief erhalten hatte, in dem mitgeteilt wurde, dass Tarakanow Nikolaj verschollen ist. Alle Verwandte baten ihn, nach Hause zurück zu kommen.

Im Frühjahr 1947 kehrte er nach Katschulkizurück. Aber die viehischen Foltern und Entbehrungen, die er hatte ertragen müssen, verletzten ihn nicht so schmerzlich, wie die Zweifel seiner Landsleute. Die Dorfbewohner sahen den ehemaligen Kriegsgefangenen schief an, viele waren der Meinung, dass er gar nicht gekämpft hat, sagten: „Vor Angst zitternd hat er unterm Strauch gehockt, die Nase hat ihm ein Hund zerfetzt.“ Es kam auch vor, dass man ihm ins Gesicht sagte: „Käuflicher Hund, hast für die Deutschen gearbeitet, da hast du gut gelebt.“ Es war schwer, alle diese Widerworte zu ertragen, aber er konnte nichts entgegnen, es gab keinerlei Beweise, dass er am Kampf teilgenommen hat: Er wurde ins Lager eingezogen – das waren alle Angaben. Dreimal hat er über das Wehrkreiskommando Eingaben gemacht, aber ohne Ergebnis.

Nikolaj igelte sich ein, bemühte sich, nichts über den Krieg zu erzählen. In der Seele des alten Soldaten war es unruhig, besonders am Tag des Sieges. 1987 beschloss er, sich wieder ans Wehrkreiskommando zu wenden, um eine Anfrage zu machen. 1988 kam eine positive Antwort. Das war der glücklichste Tag für Tarakanow Nikolaj Dmitrijewitsch. Als ob er erst an diesem Tag die Schnur zerriss, die mit der Nummer 6824 um seinen Hals hing und ihn jahrelang würgte. Meine Mutter erinnert sich an diesen Tag, wie alle fröhlich waren, dass man Großvater als Teilnehmer am Gr. Vat. Krieg anerkannt hatte. Er war den Mitarbeitern des Wehrkreiskommandos von Karatusowo dankbar, die alle Archive, Dokumente durchsuchten, die seine Teilnahme an den Kämpfen bestätigten und mein Urgroßvater erhielt die Bescheinigung als Teilnehmer des G V K.

Mein Urgroßvater ist jetzt 89 Jahre alt. Er arbeitet noch viel im Haus. Er hat drei Enkel, eine davon ist meine Mutter, zwei Urenkel und zwei Urenkelinnen. Mit Schmerzen im Herz denkt er an alle, die nicht mehr leben, die mit der schweren Schuld gestorben sind, dass sie in Gefangenschaft waren. Für viele von ihnen wird man nie ein Grab finden. Alle wurden Opfer des schrecklichsten aller Kriege.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.