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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

264. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Valerie Engler).

Kolesnitschenko Michail Pantelejewitsch
Russland
Kreis Krasnodar.

Ich möchte Ihnen einen ausführlichen Brief über mich schreiben.

Ich, Michail Pantelejewitsch Kolesnitschenko, wurde am 14.9.1921 in Anapa im Kreis Krasnodar geboren. 1938 habe ich eine Ausbildung an der Infanterieschule in Krasnodar begonnen, 1940 habe ich die Ausbildung als Leutnant der Sowjetischen Armee abgeschlossen.

Von 1940 bis Mai 1941 diente ich in Sotschi in der Roten Armee. Am 20. Mai 1941 wurden alle militärischen Einheiten unserer 28. Gardeschützendivision in Gefechtsbereitschaft versetzt und mit mehreren Transporten per Zug nach Smela in der Ukraine gebracht. Dort bekamen wir andere Uniformen und erfuhren vom Beginn des Krieges, vom plötzlichen Überfall der deutschen Streitkräfte auf die Sowjetunion. Unser 235. Gardeschützenregiment marschierte bis nach Kiew, dann setzten wir über den Dnjepr und etwa 80 km westlich des Flusses begann ein ungleicher Kampf gegen die deutschen Nazi-Truppen.

Die Kräfte waren ungleich verteilt, die deutschen Truppen waren bestens mit Infanteriewaffen und Kampftechnik ausgestattet.

Unsere Einheiten zogen sich unter Gefechten bis nach Kiew zurück und nahmen in Kiew Verteidigungsstellung ein. Als es den deutschen Truppen nach schweren und langwierigen Gefechten nicht gelungen war, Kiew einzunehmen, beschloss die deutsche Heeresführung, Kiew von Norden und Süden zu umgehen und die sowjetischen Truppen einzukesseln. So gerieten 600 000 Soldaten der Roten Armee in einen Kessel. Am 18.9. erging der Befehl an fünf Armeen, den Kessel zu verlassen, aber unsere Munition ging zu Ende, unsere Technik mussten wir stehenlassen, da es keinen Treibstoff gab. So wurden die eingekesselten Armeeeinheiten zerschlagen. Manche versuchten, auf eigene Faust aus dem Kessel herauszukommen, aber es gelang ihnen nicht. Ich wurde beim Versuch, den Kessel zu verlassen, am Bein verletzt, ich konnte mich nur noch mit Mühe vorwärts bewegen. Am 25. September versteckte ich mich zusammen mit einem Kameraden in einem Keller. Ein deutscher Soldat, der vom Hausbesitzer erfahren hatte, dass in seinem Keller zwei sowjetische Offiziere waren, öffnete die Luke zum Keller und rief „Raus, raus“ So gerieten wir an der Station Beresan etwa 80 km von Kiew entfernt in deutsche Gefangenschaft. Als wir aus dem Keller kamen, erblickten wir auf der Straße eine ganze Kolonne unserer Soldaten und Offiziere. Nun waren wir also Gefangene.

Auf den von den deutschen Truppen besetzten sowjetischen Gebieten wurden Lager für sowjetische Kriegsgefangene errichtet, es gab ein Lager in Schepetowka [Stalag 301] bei Kiew mit 80 000 Gefangenen, eins in Rowno [Stalag 360] mit 100 000 Gefangenen und eins in Wlodzimierz-Wolynski [Stalag 365] mit 100 000 Gefangenen.

Angst und Hunger quälten uns die ganze Zeit. Im Lager Schepetowka und im Lager Rowno kam es zu Kannibalismus, aber das wurde von den deutschen Wachen streng geahndet. Das Lager in Wlodzimierz-Wolynski war ein Lager nur für Offiziere, ich hatte dort die Nummer 55554. In diesem Lager gab es einen ukrainischen Lagerbereich, der zweite Bereich war für die russischen Offiziere und in Bereich drei und vier waren Offiziere unterschiedlicher Nationalität. Der erste Lagerbereich war das sogenannte „Lazarett“. In den Unterkünften wimmelte es nur so vor Läusen, wir waren ausgehungert und froren und viele, darunter auch ich, bekamen Fleckfieber. Im Lager Wlodzimierz-Wolynskiwog ich, Sie werden es kaum glauben, 42 kg. Aber da ich als Offizier abgehärtet, also körperlich trainiert war, konnte ich diese Qualen irgendwie durchstehen. Von Wlodzimierz-Wolynski aus wurden alle Offiziere dann nach Deutschland gebracht, in ein riesiges Lager für Offiziere in Hammelburg [Oflag XIIIB].

Im Lager Hammelburg gab es auch einige Generäle, die in Gefangenschaft geraten waren, unter ihnen waren auch der Generalleutnant und Held der Sowjetunion Karbyschew sowie Major Gawrilow, Held der Sowjetunion beim Kampf um die Brester Festung.

Ende 1941 wurden die Kriegsgefangenen aus dem Lager Hammelburg in großen Gruppen auf verschiedene deutsche Städte verteilt. Irgendwann kam auch in eine solche Gruppe und man brachte uns nach Regensburg. Hier war ein spezielles KZ [Stalag] mit verschärfter Bewachung und Wachhunden errichtet worden, es lag neben der Flugzeugfabrik Messerschmitt. In dieser Fabrik habe ich von 1942 bis 1944 als Kriegsgefangener an verschiedenen Arbeitsstellen gearbeitet. Ende 1944 wurde die Fabrik Messerschmitt zerbombt und wir wurden in kleinen Gruppen auf andere KZs [Stalags] verteilt. Ich kam ins Lager Nr. 306 [Arbeitskommando] , in einer Gruppe von 120 Mann. Wir hatten eine Baracke mit sechs Zimmern, in jedem Zimmer waren 20 Mann. Meine Gruppe von 20 Mann kam zu einem Arbeitgeber mit dem Familiennamen H. [in Lappersdorf bei Regensburg?], in seinem Betrieb wurden Rahmen, Bretter, Türen und Fenster für die Baracken angefertigt, in denen die Kriegsgefangenen lebten. Wir wurden unter Bewachung zur Arbeit geführt, der Name des Wachsoldaten war Pickelmaier, er holte uns auch von der Arbeit wieder ab.

Der Firmeneigentümer H. war schon ein älterer Mann, so dass sein Sohn die Werksleitung hatte, er lebte mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter neben der Werkstatt. Sie gaben uns etwas zusätzliches Essen, damit wir wenigstens einigermaßen beieinander waren.

Wohin die fertigen Bauteile gebracht wurden, das wussten wir nicht. Es kamen Züge an, in die wir alle Teile einladen mussten, dann fuhren sie ab.

Also unter Bewachung zur Arbeit, unter Bewachung von der Arbeit wieder zurück – so ging es fast bis zur Befreiung. Als die alliierten Truppen sich von Westen her näherten und die sowjetischen von Osten her anrückten, da begannen die Deutschen, die spürten, dass es bald zu Ende war, die Stadt Regensburg von KZs zu säubern. Sie trieben alle Kriegsgefangenen auf eine große Straße und trieben sie wie die Schafe Richtung Süden nach München zur Vernichtung. Wenn einer nicht mehr laufen konnte, dann stützten wir uns gegenseitig, aber wenn jemand überhaupt keine Kraft mehr zum Weitergehen hatte, dann erschossen ihn die Wachen und warfen ihn in den Straßengraben. Als wir etwa 70–80 km von Regensburg entfernt waren, stießen die alliierten Truppen auf diese riesige Kolonne Kriegsgefangener, die so entkräftet waren, dass sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnten. Die Wachen liefen mit ihren Hunden in alle Richtungen davon. Das war am 25. April 1945. Wir konnten es gar nicht glauben, dass wir von den alliierten Streitkräften befreit worden waren, und alle, die diese Wanderschaft überlebt hatten, atmeten auf und weinten vor Freude darüber, dass das Leid nun ein Ende hatte.

In den Lagern gab es Verräter, die Polizai, die nicht bewaffnet waren, aber die Gefangenen schlimmer schikanierten als die Deutschen. Aber niemand konnte sich der Verantwortung entziehen, die Polizai und die Soldaten der ROA [Russische Befreiungsarmee], der Wlassow-Armee, bekamen, was sie verdient hatten.

Alles zusammen war ich drei Jahre und sieben Monate in Nazi-Gefangenschaft und KZ-Häftling. In der ganzen Zeit habe ich meine Heimat und meine Freunde niemals verraten und bin stolz, ehemaliger Offizier der Roten Armee zu sein. Am 11.12.1945 wurde ich in die Reserve entlassen.

Damit möchte ich meinen Brief beenden. Die Zeit, die ich Ihnen beschrieben habe, war damit zu Ende, das Hungern, all die Qualen und Demütigungen, und ich kann selbst nicht glauben, dass ich am Leben geblieben bin. Die Überprüfung des KGB habe ich in České Budějovice in der Tschechoslowakei durchlaufen, in Wien in Österreich und Wyschnij Wolotschek in Russland. Nachdem ich vor die Kommission gekommen war, bekam ich meine Papiere und konnte gesund und munter nach Hause fahren.

Nun wissen Sie, verehrte Herren, alle Einzelheiten über meine Zeit in der Gefangenschaft, wo ich war und was ich gemacht habe. Ich danke Ihnen für die erste Unterstützung in Höhe von 300 Euro, die ich bekommen habe. Davon habe ich Ihnen schon im letzten Brief geschrieben.

Kolesnitschenko Michail Pantelejewitsch

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