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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

263. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Valerie Engler).

Semjon Panfilowitsch Makarow
Russland
Magnitogorsk
Gebiet Tscheljabinsk.

Brief von Semjon P. Makarow an unbekannte Empfängerin, vom 23.5.2006.

Man kann sagen, dass die Repressalien begannen, kaum hatte ich die finnisch-sowjetische Grenze übertreten. Wir ehemaligen Gefangenen aus Schweden kamen sofort hinter Stacheldraht, in Kalinin (heute Twer). Unter Bewachung wurden wir zur Arbeit geführt. Aber in Kalinin war ich nicht lange. Alle Offiziere wurden ausgesondert und nach Scherbinka bei Moskau gebracht. Das war im Herbst 1944. Ich kam zusammen mit Aleksej Borisow dorthin, und wir blieben auch bis zum Ende des Krieges zusammen.

In Scherbinka wurden wir vom NKWD überprüft. Junge Leutnants stellten uns heimtückische Fragen, auf die wir antworten mussten. Sie wollten unbedingt von mir hören, dass ich mich freiwillig in Gefangenschaft begeben hätte. Wir waren etwa zwei Wochen in Scherbinka. Dann erklärten sie mir, dass ich zum einfachen Soldaten degradiert sei und als MP-Schütze nach Podolsk zum 26. Selbstständigen Sturmbataillon käme.

Ende November 1944 brachten sie mich zu diesem Bataillon. Einen Monat lang wurde das Bataillon zusammengestellt. Es bestand aus 1000 Mann, alle waren degradierte Offiziere vom Unterleutnant bis zum Oberst. Anfang Januar 1945 wurde unser 26. Selbstständiges Sturmbataillon dann nach Kurland gebracht, wo sich noch einige eingekesselte Nazi-Truppen befanden. Vor dem Kampf stattete der Oberkommandierende General Jeremenko unserem Bataillon einen Besuch ab und sagte uns, dass wir mit unserem Blut unsere Schuld gegenüber der Heimat reinwaschen müssten. Die Heimat würde uns verzeihen, wenn wir verwundet oder getötet würden oder aber bis zur Auflösung des Bataillons am Leben bleiben würden. Zu meinem Glück wurde ich gleich während der ersten Attacke am 27.1.1945 verwundet. Ich weiß nicht, wie viele Verwundete es gegeben hat, aber am Leben geblieben sind nur wenige.

Ich war in Riga im Lazarett. Nach Lazarett und Überprüfung wurde ich wieder in den Rang eines Oberleutnants erhoben und einem Regiment zugeteilt. Dann wurde mir vom Bataillonsstab des 26. Selbstständigen Sturmbataillons eine Bescheinigung darüber ausgehändigt, dass ich mich mit meinem Blut von der Schande der Gefangenschaft reingewaschen habe. Man sagte mir: „Diese Bescheinigung musst du hüten wie deinen Augapfel, gib sie niemals in fremde Hände.“ Ich habe diese Bescheinigung bis heute und sie war mir in meinem Leben mehrmals von großem Nutzen.

Bei Ende des Krieges war ich bei einem Panzerregiment in Lettland. 1946 wurden unser Kontingent auf Anweisung des Generalstabes in die Reserve entlassen. Auch das gehörte zu den Repressalien.

Ich kehrte in meine Heimat zurück. Im Dorf wollte ich nicht leben, deshalb suchte ich mir eine Arbeit in Magnitogorsk. Ich fand eine Arbeit beim Kraftfuhrpark „Baschsoloto“, wo ich erst bei der Wartung arbeitete, später als Normenbearbeiter. 1948 habe ich Anna geheiratet. „Baschsoloto“ wurde 1949 dem NKWD unterstellt und ich wurde entlassen, ein Jahr später wurde auch meine Frau entlassen und mein Schwiegervater degradiert – und alles nur weil ich in Gefangenschaft gewesen war. Bis Stalins Tod wurde ich jedes Jahr vom NKWD vorgeladen, wo ich ihnen mein ganzes Leben schildern musste, und im Besonderen die Kriegszeit. In den 50er Jahren habe ich bei der Metallverarbeitung gearbeitet. Als ich die Arbeiter bei ihren Forderungen nach mehr Gehalt unterstützte, wurde ich eine Woche später ohne Angabe von Gründen entlassen. Weder die Gewerkschaft noch das Parteikomitee unterstützten mich bei meinen berechtigten Forderungen.

1956 fand ich eine Arbeit als Arbeiter in einem Betrieb für Kalibriertechnik, wo ich an der Maschine Schraubenmuttern hergestellt habe. Nach einem Jahr wurde ich Vorarbeiter. Schon in den 60er Jahren habe ich mich auf den betrieblichen Arbeiterversammlungen immer auf die Seite der Arbeiter gestellt. Daraufhin erinnerte man mich daran, dass ich in der Gefangenschaft gewesen war. Ich habe 25 Jahre lang im Werk gearbeitet. Ich bin mit den Arbeitern und überhaupt mit allen Leuten immer gut ausgekommen. Ich habe bis heute viele Freunde vom Betrieb und andere.

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