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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

262. Freitagsbrief (vom Januar 2006, aus dem Russischen übersetzt von Klaus Jansen und Valerie Engler).

Jewgenij Andrejewtisch Brunelewskij
Russland
Orjol
[Es schreibt die Ehefrau Raisa Michajlowna].

Sehr geehrter Herr Eberhard Radczuweit!

Ich schreibe diesen Brief mit schmerzendem Herzen und zitternder Hand nach den Worten meines Mannes. Der Krieg hat nicht nur unsere Familie getroffen und die Menschen in unserem Staat, auch Ihr Volk hat sehr gelitten.

Jewgenij Bruneleskij wurde 1940, nachdem er die neunte Klasse der Volksschule abgeschlossen hatte, mit seiner Familie nach Orenburg im Ural evakuiert. Sechs Personen hatten weder ein Dach über dem Kopf noch jegliche Mittel. Die Familie hatte drei Kinder, Jewgenij war der Älteste. Er fand eine Stelle als Lehrling in einem Holzschlagbetrieb, dann kam er zur Artillerieschule und zwei Monate später an die Front. Er, der am 16.2.1924 geboren wurde, leistete im September 1942 den Fahneneid … er war erst achtzehn Jahre alt.

Am 22.3.1943 wurde er an beiden Armen verwundet, seine Einheit war zerschlagen und er blieb bewusstlos auf dem Kampffeld zurück, auf heimatlichem Boden in Orjol – so geriet er in Gefangenschaft.

Seine Familie bekam eine Benachrichtigung, er sei gefallen. Der Vater ist an der Front gefallen. Von März bis Juli 1943 war er im Lager Brjansk [Dulag 142], seine Lagernummer war 12946. Von dort wurden sie in geschlossenen Güterzügen nach Deutschland transportiert. Zuerst war er in verschiedenen Lagern, von denen eines wohl das Lager Nr. 326 [Schloss Holte/Stukenbrock] war. Ein anderes ist ihm deshalb in Erinnerung geblieben, weil es riesig war und mehrere tausend Gefangene beherbergte. Später kam er in ein KZ in der Nähe von Bocholt [Stalag VIF] (an der deutsch-holländischen Grenze), dann nach Hamm in Nordrhein-Westfalen, wo er 18 Monate lang, von September 1943 bis März 1945, als Zwangsarbeiter im Kohlebergwerk gearbeitet hat. Seine Lagernummer war 4867.

Ende März 1945 führte die amerikanische Luftwaffe verstärkte Bombenangriffe in dieser Region, wieder wurde er von Bombensplittern verwundet und erlitt Verbrennungen. Die am Leben gebliebenen Gefangenen wurden aus dem Lager getrieben und mussten die Straße entlang marschieren, bis sie von amerikanischen Panzern eingeholt wurden. Die Amerikaner brachten sie in einem deutschen KZ in der Nähe von Aachen unter, und dann wurden sie in Magdeburg an die russischen Truppen übergeben. Nach der Überprüfung wurde er dem 338. Pionierbataillon westlich von Berlin zugeteilt, wo er zunächst Soldat war, später Sergeant. 1946 wurde er aus dem Armeedienst entlassen. Das war also seine Kriegszeit.

Vor dem Krieg hatte die Familie gut gelebt, Jewgenijs Vater Andrej war Ingenieur und arbeitete im Beschaffungswesen der Betriebsvereinigung „Obltrestselstroj“. Jewgenijs Mutter arbeitete nicht, zog drei Söhne groß, die 1924, 1925 und 1927 geboren waren. Nach dem Krieg hatte sie keine Wohnung, keine Kleidung, die Söhne waren erwachsen. Sie arbeiteten, bauten ein Haus und am Abend gingen sie in die Berufsschule.

Jewgenij wurden überall Steine in den Weg gelegt, weil er in der Gefangenschaft gewesen war. Er schrieb sich für ein Fernstudium am Moskauer Institut für Luftfahrt ein, bekam dann aber einen Ablehnungsbescheid. So begann er als Erzieher im Tuberkulosesanatorium für Kinder zu arbeiten, ein Jahr später nahm er ein Studium am Pädagogischen Institut an der Fakultät für Mathematik und Physik auf (dort haben wir uns kennengelernt, waren zusammen in einer Studiengruppe), das er mit Auszeichnung abschloss. Eine Doktorandenstelle gaben sie ihm aber nicht; der Leiter der Personalstelle sagte zu ihm: „Sei froh, dass du als Gefangener überhaupt eine Ausbildung machen konntest.“

Meine Familie hatte zwei Jahre im besetzten Gebiet gelebt, auch ich natürlich. Meine Arbeit gefiel mir, Kinder sind offenherzig und zutraulich. Schon nach drei Jahren, 1957, bekamen wir eine Stelle an einer technischen Schule für Bauwesen, in der der Lehrplan für Berufsschulen mit Elementen der höheren Mathematik und der Relativitätstheorie umgesetzt wurde. Jewgenij Andrejeewitsch wurde vom Lehrerkollegium mehrmals für eine Auszeichnung vorgeschlagen, wurde aber nie berücksichtigt. Erst kurz vor der Rente bekam er das Bestenabzeichen verliehen und wurde Gewinner im Sozialistischen Wettbewerb für die Gründung einer Kybernetikklasse und bekam eine Prämie vom Ministerium in Höhe von 80 Rubel (auf dem Heimweg hat er davon im Geschäft sechs Kristallgläser gekauft!) Wir haben drei erwachsene Kinder und jedes von ihnen hat zur Erinnerung an diese Zeit zwei Gläser bekommen … […] Erst im Jahr 1993 hat eine medizinische Kommission Jewegenij Invalidität seine Kriegsverletzungen bescheinigt, womit er wohl vom Staat gesellschaftlich rehabilitiert wurde.Er bekommt jetzt eine Lehrerrente und dazu eine Kriegsrente in der gleichen Höhe. [… ] 300 Euro – das ist soviel wie meine Rente für drei Monate, dabei ist meine Rente etwas höher als die Durchschnittsrente. Nein, bisher haben wir noch keine Benachrichtigung über den Eingang des Geldes bekommen.

Wir versuchen, im Sommer Vorräte anzulegen und Kühlschrank und Keller mit Konserven zu füllen. Wir nähen, nähen um und stricken, und so scheint es uns an nichts zu fehlen; bitter ist nur, dass die Preise immer weiter steigen und die Rente zu spät erhöht wird, um mit der Inflation mithalten zu können. Aber wir versuchen, den Alltag geduldig zu meistern und Verständnis aufzubringen. […]

Mit freundlichen Grüßen,

Raisa Michajlowna und Jewgenij Andrejewitsch.

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