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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

261. Freitagsbrief (vom September 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Schota Robakidse
Georgien
Bagdati.

Meine Abenteuer

Ich wurde am 5.12.1919 in Georgien im Ort Bagdati als Sohn eines armen Bauern geboren. Schon meine Kindheit war von Hunger und Arbeit geprägt. Im Schuljahr 1939/40 habe ich mit Auszeichnung die Mittelschule (zehn Klassen) abgeschlossen. Am 7.10.1940 wurde ich zum Wehrdienst eingezogen, den ich ich Lettland abgeleistet habe (in Dwinsk). Fünf Monate nach Beginn meines Armeedienstes, am 22.6.1941, fiel Nazi-Deutschland über uns her und besetzte fast augenblicklich das Baltikum und die Ukraine. Wir jungen Soldaten waren schlecht ausgebildet und unbewaffnet und gerieten schnell in Gefangenschaft. Wir hatten keine Waffen, da alle Technik – Panzer, Flieger mit ausgebauten Motoren, Artillerie – zur Generalwartung auseinander genommen worden waren.

Alle Gefangenen wurden gleich in Dwinsk in ein Lager für Kriegsgefangene geschafft [Stalag 340 Dünaburg/Daugavpils].

Die Faschisten rückten schnell vor, bald darauf besetzten sie Kiew, und Krasnodar und Leningrad wurde eingekesselt.

Die Gefangenen befanden sich in einer schwierigen Lage. Die sowjetische Regierung gab bekannt, dass es bei uns keine Gefangenen gibt. So wurden wir zu Verrätern. Als es Winter wurde, durfte sich die Bevölkerung von Litauen und Lettland Gefangene zur Arbeit auf ihren Höfen nehmen. Ich kam zu einem Großbauern, bei dem ich anderthalb Jahre gearbeitet habe.

Als die Faschisten langsam den Rückzug antraten, wurden alle Gefangenen wieder zusammengeholt und zuerst nach Deutschland gebracht, später nach Frankreich, nach Toulouse. Dann landeten die Engländer und Amerikaner im Norden Frankreichs und eröffneten die zweite Front. Wir wurden von der Armee von de Gaulle befreit.

Dann traf eine sowjetische Mission unter Scharij ein und sammelte alle georgischen Gefangenen ein, die 1946 in die UdSSR überführt wurden. Im Oktober 1946 brachten sie uns nach Saporoshje, wo ich ein Jahr zur Arbeit verpflichtet wurde.

1947 kehrte ich in meinen Heimatort Bagdati zurück, wo ich dann in der Statistikverwaltung als Inspektor gearbeitet habe. 1952 wurde ich verhaftet und zu 25 Jahren verurteilt, leistete Zwangsarbeit auf Baustellen in Rustawi. Am 17.9.1955 erging der Erlass, dass wir aus der Haft entlassen werden sollten, und auch vorbestraft waren wir nicht mehr.

Ich kehrte zu meiner Familie zurück, und da ich im Bauwesen ausgebildet war, fand ich eine Arbeit in der Berufsfachschule. Ich habe dort vierzehn Jahre lang unterrichtet, wurde viele Male als Erzieher und Lehrer ausgezeichnet. Gemeinsam mit meinen Schülern habe ich mein Bagdati aufgebaut.

Heute bin ich 92 Jahre alt, ich kann nicht mehr arbeiten, bekomme eine Rente und ein kostenloses Mittagessen. Vom Staat habe ich zum 65. Jahrestag des Sieges einen Orden verliehen und einen Dankesbrief von Präsident Saakaschwili bekommen.

Das wäre in aller Kürze meine Biografie.

Sehr geehrter Herr Radczuweit, wenn Sie die Zeit finden, um zu mir nach Bagdati zu kommen, so würde ich mich sehr freuen. Wir hätten vieles zu besprechen: wie man unsere Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg an die junge Generation weiterleiten kann.

Mit freundlichen Grüßen,

Schota Robakidse.

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