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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

260. Freitagsbrief (vom Mai 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Semjonowitsch Klykow
Russland
Wodowatowo
Gebiet Nishnij Nowgorod.

Guten Tag. Als Erstes möchte ich Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief bekommen habe.

Hiermit möchte ich Ihnen antworten.

Wir haben nicht mit einem Krieg gerechnet, da zwischen unseren beiden Ländern ein Nichtangriffspakt geschlossen worden war. Zwar verbreitete die Hitler-Propaganda, wir hätten zuerst angegriffen, tatsächlich aber wurden wir vom Krieg gänzlich überrascht, wir hatten nicht mit einem Angriff gerechnet, weshalb wir in der ersten Phase des Krieges große Verluste hinzunehmen hatten.

Ich kam an die Front und wir kämpften um die Zugänge nach Leningrad übers Baltikum, d.h. in Estland. Als die Feinde Narwa einnahmen und die Leningrader Blockade begann, waren wir vom Hinterland abgeschnitten und befanden uns in einer sehr schwierigen Lage.

Es hieß, dass die Baltische Front uns befreien würde, aber die Front kam zum Stehen und so mussten wir uns drei Tage lang halten und die Angriffe des Feindes abwehren. Die Schiffe wurden beladen und legten ab, wir aber blieben zurück und wurden bald von den Deutschen eingeschlossen. Beim Versuch, aus dem Kessel auszubrechen, wurde ich zweimal verwundet. Ich ließ meinen Mantel zurück, da er mich beim Rennen störte. Schließlich fand ich mich in der Gefangenschaft wieder, im Lager Viljandi [Stalag 332 Fellin].

Ich schien verloren zu sein – ich hatte keinen Mantel, und es wehte ein kalter Herbstwind. Aber es heißt ja: Es finden sich immer gute Menschen auf dieser Welt. Ein älterer Este kam zu uns ins Lager und suchte sich eine Gruppe von 100 Mann zusammen; ich kam auch in diese Gruppe. Ich dachte, dass man mich gleich verjagen würde, aber ich blieb in dieser Gruppe. Wir wurden per Zug zum Ort Wychma gebracht. Unter uns waren zwei Verletzte ohne Kleidung. Dort kam der Este zu uns und sagte, dass er uns zum Arzt bringen würde. Wir bekamen einen neuen Verband, ein frisches Hemd und einen Mantel. Mehrere Male brachte der Este uns zu diesem Arzt, damit der Verband gewechselt werden konnte. So verheilten unsere Wunden.

1943 kamen Männer von der deutschen Armee zu uns und boten uns an, als Hilfsoldaten in ihrer Armee zu dienen. Wer nicht einverstanden sei, würde zur Zwangsarbeit nach Deutschland geschickt. So kamen wir nach Schlesien ins Bergwerk. Dort ließen meine Kräfte bald nach, ich spürte meine Beine und Arme nicht mehr. Ein neuer Lagerkommandeur sonderte 20 besonders entkräftete Gefangene aus und wir kamen in ein Lazarett des Internationalen Roten Kreuzes [Kriegsgefangenenlazarett Cosel?]. 16 Männer hatten Tuberkulose und nur wir restlichen vier blieben. Im Lazarett waren vor allem Engländer und Franzosen. Wir kamen dort wieder zu Kräften und wurden dann zurück zur Arbeit ins Bergwerk geschickt.

Ende Januar 1945, als sich die Front Schlesien näherte, wurden wir alle weiter nach Deutschland getrieben. Mehrere Wochen lang bekamen wir nichts zu essen, später wurden wir per Zug nach Westen gebracht, wo die Amerikaner anrückten. Dort hieß es, wir sollten in die Wlassow-Armee eintreten, sonst würden wir am nächsten Tag erschossen werden. Viele gingen in die Wlassow-Armee, der größere Teil aber blieb. Sie wurden von den Amerikanern gefangen genommen, zusammen mit den Deutschen, wir dagegen wurden befreit und an unsere Armee übergeben. Ich kam vor die Kommission und wurde dann wieder in die Armee aufgenommen und habe noch zwei Jahre in der Armee gedient. Dann wurde ich entsprechend des Erlasses aus dem Armeedienst entlassen und kam nach Hause.

Die ganze Zeit in der Gefangenschaft ist mir wie ein schlimmer Alptraum im Gedächtnis geblieben, an die Zeit in der Armee habe ich dagegen die besten Erinnerungen. Zu Hause begann ich als Schmied in der Kolchose zu arbeiten, da ich vor dem Krieg eine Ausbildung im Betrieb gemacht hatte.

Ich habe eine achtköpfige Familie, habe uns ein neues Haus gebaut. Heute lebe ich allein, ich bin Witwer und die Kinder leben alle mit ihren Familien in verschiedenen Städten.

Ich bin schon seit 25 Jahren Rentner, bald werde ich 85 Jahre alt und zu diesem runden Geburtstag werde ich alle einladen – wenn ich ihn noch erlebe.

26.5.2008.

Iwan Klykow.

Ich danke Ihnen.

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