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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

259. Freitagsbrief (22.02.2008).

Russland
Gebiet Nishnij Nowgorod
Miljutin Nikolaj Appolonowitsch.

Gute Tag, liebe Freunde!

Vielen Dank für Ihre Achtung und Ihre Fürsorge bei der Hilfsaktion für ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, die in Russland leben!

Es handelt sich natürlich in erster Linie nicht um materielle Hilfe. Viel wichtiger ist Ihre Achtung und Ihr Mitgefühl. Der Krieg ist eine große Tragödie … 60 Jahre nach dem Tag des Sieges fallen mir die Erinnerungen immer noch sehr schwer. Ich, ein Kriegsveteran, der im Oktober 1941 mit schweren Verletzung und Schädelprellung gefangen genommen wurde, bedanke mich bei Ihnen mit vollem Herzen.

Ihre Regierung hat die Auszahlung der Kompensationen eingestellt. Dann haben einfache Menschen in Deutschland das Geld aus eigener Tasche für uns gespendet. Diese gute Tat von der Seite der Menschen, die sowohl jung als auch bereits Rentner sind und den Krieg selbst erlebt haben, ist unschätzbar.

In Ihrem Brief haben Sie mich gebeten, über mein Leben zu erzählen. Im Jahre 1940 wurde ich durch einen Regierungsbefehl in einen Bautrupp nach Estland geschickt. Wir bauten eine Anlegestelle für Militärschiffe. Die deutsche Luftwaffe zerbombte unsere Anlage am Anfang des Krieges. Die Panzergruppen schlossen uns in einem Kessel ein. Der Angriff war völlig überraschend. Viele kamen sofort ums Leben. Der Rest versuchte, Richtung Frontlinie in Estland durchzustoßen. Ich, verletzt, wurde von einer estnischen Familie geborgen. Mein verletzter Arm eiterte und sollte amputiert werden. Gute Menschen behandelten mich sorgsam. Die Wunden heilten. Sie mussten mich aber den Deutschen übergeben, weil für Begünstigung [von Rotarmisten] die Erschießung drohte. So ging ich als Kriegsgefangener in den Westen Deutschlands. Ich versuchte zweimal zu flüchten. In Demblin [Deblin-Irena Stalag 307] in Polen wurde ich in einer Einzelzelle eingesperrt und danach zur Arbeit im Bergwerk im Ruhrgebiet herangezogen. 1944 arbeitete ich neun Monate lang in der Abwasseranlage in der Stadt Heuberg [?]. Der Arbeitstag dauerte 14 Stunden. In Heuberg befand sich ein Straflager. Wenn wir ins Lager zurückgebracht wurden, stanken wir unerträglich, weil die Abwässer tonnenweise in der Anlage flossen. Im Lager wurden wir sofort in großen Metallhangars eingesperrt, die wie Motorradgaragen aussahen. Uns befreiten die Franzosen. Die Metallhangars wurden in unserer Anwesenheit auseinandergebaut. Wir konnten uns endlich richtig duschen. Trotzdem rochen wir noch lange nach diesem „Parfum“. Nach der Befreiung wurde ich dreimal geprüft: in Wien (Österreich), in Sziget (Rumänien) und in Alkino (Baschkirien, Russland). Gleich nach der Heimkehr wurde ich verhaftet und für meine „Sünden“ in deutscher Kriegsgefangenschaft zu 10 Jahre Haftstrafe verurteilt. Davon sühnte ich sieben Jahre im KGB-Lager.

Ich möchte über einen dramatischen Zwischenfall berichten. Wie gesagt, versuchte ich zweimal zu flüchten. In einem Lager wurde für einen Fluchtversuch jeder Zehnte erschossen; in einem anderen Lager – jeder Flüchtling. Ich hatte Glück. Im Lager Villingen-5 [Stalag V B] wurden 30 Personen ausgesucht. Alle waren sehr abgemagert. Wir dachten, wir würden zu einem Bauern für etwas leichtere Beschäftigungen geführt. Wir kamen aber ins Militärspital. Wir mussten uns vollständig ausziehen. Ich musste „R" laut aussprechen. Danach wurde geprüft, ob ich beschnitten bin. Man stellte fest, dass ich kein Jude bin. Als ich mit der Gruppe der restlichen zehn Gefangenen zurückging, hörte ich Schüsse. Ich verstand, dass die Juden erschossen wurden. Gott hat mich gerettet. Als ich noch ganz jung war, wollte ich mich beschneiden lassen. Das war eine Art Wette, weil ich im Kreis der Altersgenossen nicht als feige gelten wollte. Zum Glück hatte ich das nicht getan.

Am 4. Januar 2006 bin ich 92 Jahre alt geworden. Das ist doch ein solides Alter. Gott gebe mir weiteres Leben.

… Kann jemand mir bescheinigen, dass ich tatsächlich im Straflager gelebt und in der Abwasseranlage gearbeitet habe? Wir haben weder Waschmöglichkeit noch Ersatzkleidung gehabt. Von unserer Gruppe von 20 Mann haben nur sieben überlebt. Es könnte sein, dass ich als Jurij Milja in die Liste eingetragen worden bin. So heißt mein Sohn. Ich gab einen falschen Namen an, weil ich für den zweiten Fluchtversuch erschossen werden konnte …

Ich kann meine Wohnung nicht verlassen. Der Fernseher ist mein einziger Zugang zu der Außenwelt. Meine Ehefrau starb vor fünf Jahren. Ich lebe mit meiner Tochter zusammen, die diesen Brief schreibt.

Mit besten Grüßen

Nikolaj Appolonowitsch Miljutin, Ihr Freund aus Russland, ehemaliger Häftling der faschistischen Lager, der in der Kriegsgefangenschaft und im stalinistischen Lager überlebte.

Mai 2006

/(Unterschrift)/

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