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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

258. Freitagsbrief (aus dem Russischen von Dmitri Stratievski, der Brief wurde gekürzt.).

Belarus
Minsk
Wladimir Grigorjewitsch Karawajew.

[…] Ich habe Ihren Brief vom 20. Juni 2006 am 29. Juni erhalten. Ich bedanke mich aufrichtig bei Ihnen für Ihre Achtung und Ihre materielle Hilfe.

Jetzt werde ich über meine Person berichten. Ich, Wladimir Grigorjewitsch Karawajew, wurde am 15.09.1921 im Dorf Doronino, Bezirk Uglitsch im Gebiet Jaroslawl´ geboren. Ich bin Russe. Mein Vater war Offizier der Zarenarmee. Er nahm an der Oktoberrevolution auf Seiten der Bolschewisten teil. Er wurde ins Soldatenkomitee gewählt. Später war er Lehrer. Im Jahre 1936 starb er. Vater war zu Unrecht verfolgt und zur Zwangsumsiedlung und 5 Jahre Aufenthalt an einem bestimmten Ort verurteilt worden. Dort starb er. Meine Mutter war Hausfrau. In der Familie gab es sieben Kinder.

Wegen der schwierigen finanziellen Lage arbeitete ich 1931–1932 nebenbei als Hirte. 1933 fuhr ich nach Moskau. Dort arbeitete meine Tante als Straßenfegerin. 1934 wurde ich mithilfe der Bekannten im Moskauer Kammertheater als Aushilfskraft im Maskenbildneratelier eingestellt. 1939 beendete ich die 7. Schulklasse.

Ich lernte zwei Jahre lang Deutsch (5.–7. Schulklasse). Die Lehrerin hieß Jewgenija Iwanowna Geck. Sie war eine Deutsche. Sie war hübsch und unterrichtete sehr gut. Alle Jungs waren in diese Frau verliebt. Während des Unterrichts gab es keine Störungen. Niemand schien zu merken, dass ihr rechter Arm amputiert war. Ich habe auch heute dieses Bild vor Augen: Jewgenija Iwanowna, hübsch und schlank, schrieb etwas mit der linken Hand an die Tafel.

Im März 1941 wurde ich in die Rote Armee einberufen. Ich diente als Richtkanonier einer 152-mm-Haubitze. Am 30. Juni 1941 kam ich als Sergeant an die Front. Anfang Juli stieg unsere Division bei Orscha aus. Wir gerieten sofort in den Angriff deutscher Truppen. Wir zogen uns in kleinen Gruppen unordentlich zurück. Im August 1941 wurde ich bei Tschaussy im Gebiet Mogilew gefangengenommen.

Man brachte uns in ein Lager bei Mogilew [Dulag 185] unter freiem Himmel. Im Grunde genommen war es eine Wiese. Drei Tage lang gab es kein Essen. Ich wollte möglichst schnell fliehen. […] Man brachte uns nach Minsk und trieb uns durch die ganze Stadt. Die Endstation war das Gelände der ehemaligen Militäreinheit nahe dem Dorf Masjukowschtschina bei Minsk. Das war das Stalag 352. Hier wurden die Kriegsgefangenen in Holzbaracken untergebracht. Das Essen bestand aus 200 g Brot, gelegentlich mit Spänen, und einer Kelle Graupen. Die Graupen wurden in eine Tonne direkt zur Baracke geliefert. Aus der Tonne wurden die Graupen in eine Wanne übergegossen und mit einem Soldatenkessel verteilt. In der Hoffnung auf eine Fluchtmöglichkeit und Rückkehr in die Rote Armee war ich bemüht, mich für eine Arbeit außerhalb des Lagers zu melden. Zudem brachte die Arbeit zusätzliches Essen. […] Der erste Lagerkommandant hieß Osfeld. Er war ein schlanker, großer Mann und sah intelligent aus. Der zweite Kommandant war Major Lippmann. Er war ein klassischer Biertrinker, klein, etwas dick, mit rotem Gesicht. Mein Vorgesetzter im Kommandanturgebäude war Major Ruppert aus Frankfurt am Main. Er teilte mir seine Heimatadresse mit, weil er wusste, dass viele Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt wurden. Er sagte, dass er „Putschkin“ und Dostojewskij gelesen hätte. Meine Antwort – ich Schiller, Heine und Goethe. Der Meister in der Schuhmacherei war Gefreiter Bremiker. Er hatte eine Lippenspalte. Bremiker und ein Wehrmeister, der offensichtlich von Rommels Afrika-Truppen kam, waren nie brutal im Umgang mit den Kriegsgefangenen.

Alle Baracke waren voneinander mit Stacheldraht abgetrennt. Die Wächter liefen mit Hunden. Das Lagergelände wurde von Wachtürmen mit Maschinengewehren umgrenzt. Es gab aber Fluchtversuche. Davon erfuhren wir aus den Lagerbefehlen, die über Lautsprecher bekanntgegeben wurden. Man verkündete, wer mit dem Strang hinrichtet wird. Manchmal sahen wir auch Erschossene am Stacheldrahtzaun hängen.

Aus dem Fenster konnte ich eine Straße einsehen. Über diesen Weg wurden die Leichen der Kriegsgefangenen weggebracht. Die Karre zogen Kriegsgefangene statt Pferde … Man brachte sie zu Gruben außerhalb des Lagers. Im August begleitete ein behinderter deutscher Soldaten die Leichenträger. Später nicht mehr. Einmal kehrte ein nackter Gefangener ins Lager zurück, der als Verstorbener weggebracht worden war.

Einmal geriet ich in eine Baracke. Auf dem Boden lagen halbtote Rotarmisten. Sie konnten nicht aufstehen. Die Toten lagen daneben. Ein noch Lebender hob die Hand eines Toten, um dessen Portion Brot zu nehmen. […] Im Dezember 1941 wurde ich krank: Hohes Fieber, Kälteschauer und Kopfschmerzen. Ich wurde aber aus meinem Raum nicht rausgeschmissen. Ein unbekannter Deutscher brachte irgendwelche Flüssigkeit mit scharfem Geschmack. Ich trank regelmäßig drei Tage lang je ein halbes Glas und wurde gesund. Im Herbst 1941 war ich in einem von Deutschen bewohnten Haus als Heizer zuständig. Einmal sahen wir aus dem Fenster des ebenerdigen Heizraumes an einer Schnur einen Kessel. Darin dampften grüne Bohnen. Wir leerten den Kessel sofort. Das geschah einige Male. Im Dunkeln klopfte unser unbekannter Essensgeber auf das Heizrohr. Das war ein Zeichen. Der Unbekannte hängte den Kessel ein. Wir leerten ihn. Danach „flog“ der Kessel nach oben. […] Ich war damals jung und naiv. Ich lebte in der Hoffnung auf Flucht und Weiterkampf in einem Partisanenverband oder Befreiung durch die Rote Armee. Ich schämte mich: An der Front sterben die Kameraden und ich bleibe hier wie ein Deserteur. Über eine Gruppe Rotarmisten hatte ich Beziehungen zu Partisanen. Sie verhalfen uns zur Flucht. Im Mai 1943 flüchteten wir also zu Viert, einer wurde getötet.

Ich kämpfte dann als Zugkommandeur in einem Partisanenverband, der zur Schtschors-Brigade gehörte. Ich war auch Politkommissar des Verbandes. Ich führte die Anti-Hitler-Propaganda durch, war für die Vereidigung der Partisanen zuständig, nahm am Empfang der Sowinformbüro-Nachrichten im Wald teil, tippte die Texte mithilfe einer Schreibmaschine und verteilte selbstgemachte Flugblätter unter den Partisanen und der Zivilbevölkerung. Ich war an der Vernichtung einer SS-Einheit in Tarasowo beteiligt. Unsere Brigade war in den Bezirken Dsershinskij, Minskij und Saslawl´skij im Gebiet Minsk tätig. Hier trafen wir im Juli 1944 erste Truppenteile der vorgerückten Roten Armee und halfen unserer Armee vor Ort.

Ich wurde mit dem Orden des Vaterländischen Krieges der 2. Stufe und mit Medaillen „Partisan des Großen Vaterländischen Krieges“, „Für den Sieg über Deutschland im Großen Vaterländischen Krieg 1941–1945“ sowie mit Jubiläumsmedaillen und mit der Auszeichnung „Arbeitsveteran“ gewürdigt.

Im August 1944 wurde ich vom Belorussischen Partisanenstab nach Minsk zwecks Beteiligung an Reparaturarbeiten abgeordnet. Hier traf ich ein Mädchen, das ich bereits im Partisanenverband kennengelernt hatte. Wir heirateten. Wir kriegten keine Kinder. Heute helfen mir unsere Neffen.

1948 beendete ich 10 Klassen einer Abendschule. Parallel arbeitete ich. 1954 beendete ich das Studium am Minsker Medizininstitut. Ich wurde Arzt für Nuklearmedizin und arbeitete 49 Jahre lang in einer Röntgenpraxis. 32 Jahre lang unterrichtete ich Röntgenwesen im Minsker Medizininstitut. Ich bin Doktor der Medizin.

Ich bedanke mich bei der Leitung von KONTAKTE sowie bei allen Mitgliedern für Ihre Achtung und materielle Hilfe. Ich habe diesen Brief aus dem Gedächtnis geschrieben. Wenn Sie konkrete Quellen brauchen, kann ich sie zuschicken.

18. September 2006.

W. G. Karawajew.

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