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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

257. Freitagsbrief (5.10.2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Nikolaj Jefimowitsch Jefimow
Russland
Koslowka
Republik Tschuwaschien.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“!

Ich, Nikolaj Jefimowitsch Jefimow, geb. 1921, wohnhaft in Koslowka/Republik Tschuwaschien in Russland, möchte Ihnen mitteilen, dass ich zu meiner großen Freude Ihren Brief bekommen habe, in dem Sie mich darum bitten, Ihren von diesem tragischen Abschnitt meines Lebens zu berichten, also von der Zeit des grausamen Krieges gegen Ihr Land, und auch von den auf den Krieg folgenden Jahren meines Lebens …

Ich wurde 1940 in die Armee einberufen und habe in Czernowitz im 149. Jägerregiment gedient, 30 km von der Grenze entfernt. Am 22. Juni um 4:20 Uhr morgens wurde unser Flugplatz von deutschen Fliegern bombardiert. In kürzester Zeit wurden etwa 50 unserer Jagdflugzeuge zerstört und Dutzende unserer Soldaten getötet, darunter drei meiner Kameraden. Dann trat Stille ein. Die heil gebliebenen Flugzeuge wurden zu Verstärkung anderer Einheiten geflogen. Aus den am Leben gebliebenen Soldaten wurde ein selbständiges Schützenbataillon aufgestellt, das entsprechend der Angriffslinie der deutschen Truppen immer weiter den Rückzug ins Hinterland antrat.

Nachdem Stalins Befehl erfolgt war, Kiew, die wichtigste Stadt der Ukraine, um keinen Preis in die Hände des Feindes geraten zu lassen, wurden wir näher an Kiew heran verlegt. Es kam zu erbitterten Gefechten um die Stadt, mal hatte die eine Seite die Oberhand, mal die andere. Die Verluste an Menschen und Technik waren auf beiden Seiten riesig.

Um den 20. September herum wurden die Armeen, die Kiew verteidigten, eingekesselt. Am 21.9. wurde ich während der Kämpfe beim Versuch, den Kessel zu durchbrechen, bei der Siedlung Orshiza von Minensplittern verwundet und kam ins Lazarett. Am 22.9. wurden wir gefangen genommen, und alle, die in der Lage waren, sich auf den Beinen zu halten, mussten zum Appell antreten. Ein Offizier befahl allen Politkommissaren und jüdischen Soldaten vorzutreten. Natürlich trat niemand vor. Da lief er selbst die Reihe ab, zog einige Personen aus der Reihe und erschoss sie.

Etwa nach einem Monat wurden die genesenen Kriegsgefangenen in ein Durchgangslager gebracht, in dem sich eine riesige Menge Kriegsgefangener angesammelt hatte. Nach zwei Tagen wurden mehrere tausend Kriegsgefangene abgesondert, die unter verschärfter Bewachung Richtung Westen marschieren mussten. Jeden Tag marschierten wir 25-30 km, die Versorgung war sehr schlecht, es regnete und war kalt und wir mussten unter freiem Himmel schlafen. Die Menschen waren so entkräftet, dass sie beim Laufen umfielen. Die Gefangenen, die keine Kraft mehr hatten weiterzugehen, wurden erschossen, man schoss ihnen in den Kopf. Alle 100-200 Meter lag ein erschossener Kriegsgefangener am Wegesrand mit blutigem Kopf. Es war ein schrecklicher Anblick, unwillkürlich schoss einem der Gedanke durch den Kopf – wann bin ich wohl an der Reihe?

Im November trieben sie uns nach Adabasch [Nebenlager von Stalag 305 Nowoukrainka], Bezirk Nowoukrainka im Gebiet Kirowograd. Es gab in der Siedlung kaum Wohnhäuser, aber es gab mehrere Dutzend Lagergebäude aus Stein. Ein freies Feld, rundum von dichten Reihen Stacheldraht umzäunt. In den Gebäuden war nicht genügend Platz für alle Kriegsgefangenen, der Großteil der Gefangenen lebte unter freiem Himmel.

Gegen Ende November starben täglich Hunderte an Kälte, Hunger, Krankheiten und Läusen. Mit einem Wort: das Leben im Lager wurde unerträglich. Es ist unmöglich, all die Gräuel, die ich dort erleben musste, auf einem Stück Papier festzuhalten.

Ende Dezember wurden die Gefangenen, die noch am Leben waren und laufen konnten, nach Uman [Stalag 349] getrieben. Die kranken Gefangenen und diejenigen, die nicht laufen konnten, blieben im Lager zurück. Ich war auch unter ihnen. Etwa 500 Menschen verblieben im Lager. Nach etwa einem Monat waren die meisten an Hunger und Kälte gestorben, und wer noch am Leben war, darunter ich, wurde in ein Lager für Kriegsgefangene in Kirowograd [Stalag 305] gebracht.

So endete meine Zeit im Lager für Kriegsgefangene in Adabasch, in dem viele meiner Landsleute und Kameraden ihr Leben verloren haben.

Im Folgenden war ich in vielen Lagern in der Ukraine, in Polen und Deutschland. Ich habe während der Gefangenschaft über ein Jahr im Bergwerk (Polnisch Pilschevica [?]) gearbeitet. Viermal bin ich aus der Gefangenschaft geflohen. Nach der letzten Flucht wurde ich von amerikanischen Truppen befreit. Alle befreiten Kriegsgefangenen wurden von den Amerikanern in Lohr versammelt, wohin dann die sowjetische Armeeführung kam. Bald darauf wurden wir ins KZ Auschwitz [? es ist nicht bekannt, dass dort ein Filtrationslager war] gebracht, wo wir alle einer Überprüfung unterzogen wurden; danach wurden alle, die sich etwas hatten zu Schulden kommen lassen, von uns getrennt und unter Bewachung gehalten. Nachdem wir überprüft worden waren, bekamen wir Uniformen und wurden mit dem Zug nach Deutschland gebracht, wo wir unseren Armeedienst fortsetzen mussten. Im Juni 1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen.

Während des Krieges waren meine Eltern (Vater und Mutter) sehr gealtert, sie hatten schreckliches Leid erfahren. Von vier Söhnen, die in den Krieg gezogen waren, war nur ich wieder zurückgekehrt. Der älteste Sohn war Ende November 1941 bei Moskau gefallen, er war damals 26 Jahre alt, der zweite Sohn, er war 24 Jahre alt, war im Juli bei Leningrad gefallen und ich galt seit September 1941 als vermisst. Mein jüngerer Bruder, Jahrgang 1924, wurde bei Warschau verwundet und lag in Kiew im Lazarett. Alle vier Brüder waren Offiziere der Sowjetischen Armee [damals noch Rote Armee]. Mein jüngster Bruder ist nach der Genesung in Kiew geblieben, er ist im Alter von 54 Jahren an den Spätfolgen seiner Verletzungen gestorben. So war es an mir, zu Hause zu leben und mich um die Eltern zu kümmern.

In den Kolchosen waren alle führenden Positionen bereits von Frontheimkehrern besetzt. Wenn man aber als einfacher Arbeiter in der Kolchose arbeitete, bedeutete dies, dass man für seine Arbeit nichts bekam, denn die Kolchosen waren sehr arm.

Mein Nachbar war Vorsitzender des Dorfsowjets (d.h. er war Bürgermeister von fünf Dörfern). Er schlug mir vor, vorübergehend die Stelle des Verkäufers im Dorfladen einzunehmen, der im Urlaub war. Nachdem ich mich mit den Eltern beraten hatte, nahm ich die Stelle an, obwohl ich den Handel nicht mochte und von einer Stelle mit mehr Verantwortung träumte. Ich arbeitete hart, wollte den Menschen dort (den Bewohnern dreier Dörfer) eine bessere Versorgung mit den Waren, die es zu der Zeit gab, gewährleisten. Die Menschen schätzten mich, jeden Monat gelang es mir, den vorgegebenen Plan zu erfüllen und sogar darüber hinaus. Schließlich war ich nach etwa zwei Jahren zum besten Verkäufer im Bezirk geworden, bei den Bezirksversammlungen wurde ich oft mit Urkunden und Geldprämien ausgezeichnet. Als der Konsumverband des Bezirks zwei Abzeichen „Bestarbeiter im Sowjetischen Handel“ zu verleihen hatte, wurde mir eines davon verliehen.

1957 wurde ich auf einer Versammlung der Bevollmächtigten der örtlichen Konsumgenossenschaft zum Vorsitzenden der Konsumgenossenschaft gewählt. In meinen Aufgabenbereich fielen 23 Geschäfte, eine Bäckerei und eine Kantine. Die Geschäfte waren in einem sehr schlechten Zustand und hatten außer dem Dorfladen keine Heizung. Die Genossenschaft hatte keine Geschäftsräume, die Buchhalter arbeiteten bei sich zu Hause. All diese Probleme mussten schnell gelöst werden, und damit begann ich meine Arbeit als Vorsitzender.

Nach einem Jahr hatten wir Geschäftsräume und in einigen Geschäften waren nach Überprüfung durch die Feuerwehr Öfen aufgestellt worden. In den größeren Siedlungen ließ ich größere Geschäfte mit Heizung bauen. Der vom Konsumverband des Bezirks vorgegebene Plan wurde jeden Monat übererfüllt, und so wurde ich schließlich von der Konsumgenossenschaft befördert.

1963 wurde ich auf Empfehlung des Bezirksexekutivkomitees und der Verwaltung des Konsumverbands der Republik Tschuwaschien von den Bevollmächtigten des Bezirkskonsumverbands zum Vorsitzenden des Bezirkskonsumverbands in Koslow gewählt. In meinen Verantwortungsbereich fielen 76  Dorfläden, mehrere Erfassungsstellen, Lebensmittelbetriebe, kleinere Bäckereien. Die von mir übernommene Ausstattung an Material und Technik zur Verbesserung der Versorgung der Landbevölkerung des Bezirks musste erneuert und verbessert werden, und daran machte ich mich. In den 20 Jahren, in denen ich Vorsitzender der Konsumgenossenschaft auf dem Land war, wurden sieben Bäckereien gebaut, die zusammen fünf Tonnen Brot produzierten, drei Lebensmittelbetriebe, und in allen größeren Siedlungen bessere Läden mit 2-3 Verkäufern. In der Bezirkshauptstadt wurde ein Haus für meine Mitarbeiter erbaut, ein Restaurant mit Kaufhalle, eine Saftherstellung, ein Fischverarbeitungsbetrieb und ein Konservierungsbetrieb.

Während meiner Arbeit als Vorsitzender des Bezirkskonsumverbands wurden insgesamt mehr als vierzig Objekte gebaut. Für meine gewissenhafte und beharrliche Arbeit wurde ich mehrmals vom Ministerrat der Republik Tschuwaschien, vom Russischen Konsumverband und vom Konsumverband der Republik Tschuwaschien ausgezeichnet.

Ich bin bereits mit 62 Jahren in Rente gegangen, im Jahr 1983. Die schwere Arbeit lag nun hinter mir, aber damit es mir nicht langweilig wurde, begann ich eine Kaninchenzucht aufzubauen und verwirklichte meinen langjährigen Traum – eine Bienenzucht. Die Bienenzucht habe ich bis heute, trotz meines Alters und obwohl es viel Arbeit ist.

Meine Frau und ich haben sechs Kinder großgezogen, alle haben studiert und alle stehen in Lohn und Brot. Leider ist meine Frau vor drei Jahren im Alter von 80 Jahren von uns gegangen. Sie war Lehrerin und wir haben 57 gemeinsame Jahre in Eintracht und Liebe verbracht.

Vielleicht ist vieles von dem, was ich geschrieben habe, überflüssig und nicht das, was Sie brauchen. Für jemanden in meinem Alter (89 Jahre) ist es schwer, die Gedanken zum Leben, das man gelebt hat, richtig zu Papier zu bringen. Entschuldigen Sie bitte. Ich wünsche Ihnen Erfolg bei Ihrer so wichtigen Arbeit.

Mit den besten Wünschen,

N. Je. Jefimow,

Kriegsteilnehmer, der das schwere Leben in deutscher Gefangenschaft erfahren hat.

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