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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

256. Freitagsbrief (Aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ilja Awerkiew
Ukraine
Gebiet Saporoshje.

Guten Tag, sehr geehrter Eberhard Radzuweit, sehr geehrter Dmitri!

Ich habe Ihre Briefe bekommen, für die ich Ihnen sehr danke. Hiermit möchte ich Ihnen antworten. Im letzten Brief habe ich schon davon geschrieben, dass wir vom Lager in Darniza [Stalag 339 Kiew] für den Winter in Isjaslaw getrieben wurden, wo wir bis zum Frühjahr in Kasernen der Kavallerie hausten. Hier wurden die kostenlosen Arbeitskräfte für Deutschland gehalten. Dort blieben wir also den ganzen Winter bis zum Februar 1942. Ende Februar oder Anfang März 1942 trieben sie uns zu Fuß durch den Schnee zum Bahnhof in Isjaslaw, wir wurden in Güterwaggons verladen und nach Deutschland gebracht ins Zentrallager Fallingbostel [Stalag XIB]. Dieses Lager bestand aus ehemaligen Pferdeställen der Kavallerie, die innen ausgebaut waren mit vielen vierstöckigen Pritschen. Auf den Brettern der Pritschen waren unzählige Inschriften von Häftlingen, die vor uns hier gewesen waren. Ich belegte mit Zweien aus meinem Bataillon – dem Fahrer Puchno und Iwanow – eine Pritsche in der dritten Etage. In diesem Lager wurde ich zum Verhör gerufen. Sie fragten mich nach meiner Nationalität, nach meiner Parteiangehörigkeit, wo ich gelebt hatte, in welchem Gebiet der Ukraine, wo ich gedient hatte. Aber alles ging gut. Wir blieben nur zehn Tage dort in Fallingbostel. Essen gab es einmal am Tag – eine Suppe, die nur aus Rüben bestand. Aber am zehnten Tag wurde meine Nummer 10842 aufgerufen, ich sollte aus der Baracke kommen. Ich verabschiedete mich von meinen Kameraden. An der Tür erwartete mich ein junger Soldat, er zeigte auf einen Traktor mit Anhänger, der in der Nähe stand; auf dem Anhänger saßen schon fünf Ukrainer. Ich kletterte auf den Anhänger. So suchten sie zwanzig Männer zusammen. Außerdem setzten sich drei deutsche Soldaten zu uns. Auf dem Boden des Anhänger lagen acht große Rüben. Niemand erklärte uns etwas – wohin wir fuhren und wozu? Am Lagertor wurden wir nochmals durchgezählt. Dann fuhren wir los. Wir fuhren lange. Irgendwann kamen wir in ein Dorf und hielten bei einem Haus am Dorfrand. Die Bewohner des Dorfes Güstritz erwarteten uns schon. Wir wurden auf die verschiedenen Bauern verteilt. Ich kam zusammen mit Jegor Ostaschko zum Bauern Ernst H.. Dieser Bauer war Großgrundbesitzer. Im Dorf war vor unserer Ankunft ein kleines Haus mit Pritschen für uns bereitgestellt worden, das von einem Soldaten der Wehrmacht bewacht wurde. Das Häuschen stand etwas abseits und war von zwei Reihen Stacheldraht umgeben. Nun begann also unser Arbeitseinsatz. Alle zwanzig Mann arbeiteten von morgens bis abends. Am frühen Morgen brachte uns der Wachsoldat auf die verschiedenen Höfe und abends holte er uns wieder ab und brachte uns ins Lager. Jegor Ostaschko arbeitete mit den Pferden auf dem Feld, ich war für die Arbeit bei den Kühen und Schweinen eingeteilt und musste auf dem Feld arbeiten. Ich musste die Ställe ausmisten und den Mist auf die Felder verteilen. Wir mussten viel arbeiten. Ende 1942 passierte irgendetwas in Frankreich, daraufhin wurden die französischen Gefangenen, die bei den Bauern gearbeitet hatten, weggebracht. Ich kam dann zur Arbeit zu einer Frau Ellen Sch.. Sie lebte zusammen mit ihrem kleinen Sohn Hänschen – 10 Jahre – und mit den alten Großeltern, das waren die Eltern ihres Mannes, der 1942 an der russischen Front gefallen war. Die Tochter des Großvaters, eine widerliche Person, lebte zusammen mit ihrem Mann, einem guten Burschen, in Berlin. Auf diesem Hof musste ich alles alleine machen – pflügen, säen, ernten, die Pferde und Kühe versorgen, auf die Weide bringen und zurück. Der Großvater hatte keine Sämaschine, ich musste also auf die althergebrachte Art per Hand säen und dann das Feld mit der Egge bearbeiten. Auf dem Hof gab es zwei Pferde, ein gutes Pferd und eine ganz junge, kleine Stute. Ich erledigte alle Arbeiten mit diesen beiden Pferden. 1944 wurde das gute Pferd für die Armee eingezogen, ich brachte es zusammen mit der Bäuerin nach Lüchow, wo es von einer Kommission entgegengenommen wurde. Als Ersatz gaben sie uns einen ganz alten Gaul. Von da an arbeitete ich also mit dem alten Gaul und der kleinen Stute und versorgte Deutschland mit Lebensmitteln. Die Bäuerin behandelte mich nicht schlecht.

Im Mai 1945 wurde ich, d.h. wurden wir von amerikanischen [?] Truppen befreit. Im April 1945 erreichten unsere sowjetischen Truppen unter Gefechten als Erste die Elbe bei Wittenberge. Am 12.5.1945 wurden wir alle, zusammen mit den nach Deutschland deportierten Zwangsarbeitern, von den amerikanischen Truppen an die sowjetischen Truppen übergeben. Nachdem ich die Überprüfung der Sonderabteilung durchlaufen hatte, wurde ich am 15.5.1945 dem 3. Schwadron im 28. Garde-Kavallerieregiment als Schreiber zugeteilt, wurde aber gleich von Hauptmann Kriwenko ins 4. Schwadron geholt. Den offiziellen Papieren nach gehörte ich also dem dritten Schwadron an, diente aber tatsächlich im vierten. Am 1.6.1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen und kehrte wieder nach Isjaslaw zurück. Der Flugplatz war zerstört worden.

So sah also mein Leidensweg aus. Die Stadt Fallingbostel kenne ich eigentlich nicht … aber wir waren diesem Zentrallager zugeordnet. Offensichtlich sind unsere Unterlagen mit der Registrierung von Ankunft und Abreise dort erhalten. Es war nämlich so, wenn ein Gefangener sich etwas zu Schulde kommen ließ, dann wurde er ins Lager Fallingbostel gebracht und von dort kam ein neuer Gefangener als Ersatz.

Ich wünsche Ihnen alles Gute. Hier ist es schon sehr warm, das habe ich Ihnen schon geschrieben.

Awerkijew.

Was unsere Kleidung betrifft, sie war alt – Häftlingskleidung, auf der mit weißer Farbe vorne und hinten, auf Rücken und Knien die Buchstaben SU – Sowjetunion gemalt waren.

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