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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

255. Freitagsbrief (Aus dem Russischen von Valerie Engler).

Ilja Awerkijew
Ukraine
Gebiet Saporoshje.

Guten Tag, sehr geehrter Dmitri und sehr geehrter Eberhard Radczuweit,

Ich habe Ihren Brief bekommen und danke Ihnen sehr dafür! […]

Kurz: Die Kämpfe waren schon lange im Gange, es war schon der Morgen des 20. September 1941. Die Deutschen schickten neue, zusätzliche Einheiten vor, frische Soldaten. In diesem Kampf wurde ich von einem Minensplitter getroffen und verwundet und wurde am Abend desselben Tages gefangen genommen. Die Deutschen trieben uns zusammen und sperrten uns in der Kirche ein. Ich weiß noch, dass die Kirche am Dorfrand auf einem Hügel stand, daneben war irgendein Teich, dahinter die Steppe; gegenüber der Kirche standen drei Heuschober. Vom 20. bis zum 21. September waren wir in dieser Kirche. Die ganze Nacht über hörten wir die Artillerie. Und die ganze Nacht über wurden neue Gefangene gebracht (wo und in welchem Dorf wir uns befanden, wusste ich nicht).

Am Morgen des 21.9.1941 hörte der Artilleriebeschuss auf. Um uns herum wurde es ruhig. Dannwurde die Tür zur Kirche geöffnet, die Gefangenen gingen hinaus, wir mussten uns in Viererreihen aufstellen. Der Kommandeur besah sich jeden von uns; wenn ihm jemand nicht gefiel, dann zeigte er auf ihn und dieser Gefangene wurde abgeführt. Manch einer versuchte sich zu wehren, aber es nützte nichts. Nachdem alle Gefangene besehen worden waren, mussten wir losmarschieren. Es waren sehr viele Gefangene zusammengekommen, sie trieben uns durch Kiew, den Kreschatik, die Hauptstraße, entlang. Ein Aufklärungsflugzeug kreiste über dem langen Zug der Kriegsgefangenen. Zwei Kameraden, Tuchnoj und Iwanow, stützten mich. Unsere Kolonne marschierte zum zentralen Lager Darniza [Stalag 339 Kiew-Darniza]. Die Deutschen hatten gelernt, ihre Lager in sehr kurzer Zeit aufzuziehen. Es dauerte nur einen Tag und dieses große Lager war fertig, sogar die Wachtürme standen. Die entkräfteten Gefangenen begannen im Lager sofort mit den Händen zu graben bis zum Wasser. Sofort tauchten viele Polizaj auf, sie hatten Stöcke, die normalerweise die Viehhirten haben. Die Deutschen machten sich über die hungrigen und erschöpften Menschen lustig. Die deutschen Soldaten gingen durchs Lager, und wenn sie bei einem Gefangenen gute Schuhe oder Stiefel sahen, nahmen sie sie mit und die Gefangenen liefen von da an barfuß herum. Zum Essen bekamen wir einmal am Tag eine Balanda. Wir waren etwa einen Monat in diesem Lager. Mein Bein war zwar nicht ganz verheilt, aber ich konnte laufen. Wir beschlossen, irgendwie hier herauszukommen. Am Tor standen viele, die das Selbe wollten. Wir gingen hinaus. Unsere Kolonne marschierte von Darniza nach Kiew und von Kiew weiter nach Shitomir [Stalag 358]. Im Dorf Makarowka machten wir Rast. Die Deutschen trieben uns dort in eine tiefe Grube. In der Mitte dieser Grube stand ein hoher Holzpfahl. Es regnete die ganze Nacht, war kalt. Die ganze Nacht zerlegten wir diesen Pfahl, machten uns Feuer und wärmten uns – am nächsten Morgen war der Pfahl nicht mehr da. Wir hatten ihn ganz ausgegraben und verheizt. Viele Gefangene hatten sich eine Vertiefung gegraben und blieben dort.

Am Morgen trieben sie uns aus dem Graben heraus, aber nicht alle schafften es heraus. Wir halfen einander gegenseitig, aber es war umsonst, die halbverhungerten Menschen fielen zu Boden und wurden erschossen. Auf den Berg bei der Grube waren Frauen gekommen, jede hatte gebracht, was sie konnte, ein Stück Brot, gekochte Kartoffeln, Rüben, Gurken. Aber dort stand ein Deutscher mit einem Stock und passte auf, dass wir nicht zu viel nahmen. Im Vorbeigehen konnten wir ein Stück nehmen – das war's. Und als wir eine Rast machten, brüllte ein Deutscher „Wir haben euch die Freiheit gegeben“ – wir haben euch befreit. Sie trieben uns in die Sklaverei, Richtung Schepetowka [Stalag 301], die Menschen fielen halbverhungert zu Boden, aber sie trieben uns weiter und erschossen die am Boden Liegenden. Abends kamen wir an – nichts zu essen. Wir schliefen in zerbombten Kasernen, am Morgen gaben sie uns in kaltem Wasser eingeweichte Hirse, es war unmöglich, das zu essen. Dann mussten wir Richtung Isjaslawl weiter marschieren. In Schepetowka nahmen die Polizaj mir und einem Kameraden den Mantel weg, wir konnten nichts dagegen tun, sonst hätten sie uns verprügelt, und beschweren konnte man sich auch bei niemandem. Ich hatte einen Schutzanzug, aber gegen die Kälte schützte der nicht. Einmal kam uns ein Pferdefuhrwerk entgegen, ein Mann und eine Frau saßen darauf, und als sie an uns vorbeizogen, warf die Frau uns ein Stück Brot hinunter. Das Brot flog in meine Richtung, aber hunderte Hände reckten sich danach, alle wollten das Brot fangen, er sprang von einer Hand zur nächsten, so drängte die Menge an den Straßenrand und alle fielen über mich her. Ein Deutscher schlug mit der Peitsche in die Menge; am Straßenrand stand Regenwasser, ich fiel ins Wasser und als ich wieder aufstand, sah ich, dass das Brot im Wasser schwamm. Ich packte es fest mit der rechten Hand. Da stürzte sich die ganze Meute auf mich, sie rissen das Brot in meiner Hand in Stücke und mir verblieb nur das Stück, dass ich fest in der Faust umklammert hielt.

Dann kam unsere Stadt Isjaslawl. Ich wurde am 19.9.1940 zum Armeedienst einberufen.

Von der Bahnstation Schepetowka fuhren wir Ende Februar 1942 ab nach Deutschland und wurden nach Fallingbostel [Stalag XI B] gebracht. Dort bekamen wir die deutsche Freiheit in der Sklaverei. Ich habe drei Jahre und sieben Monate für die Deutschen gearbeitet und niemand hat mir dafür auch nur einen Pfennig bezahlt.

Ich wünsche Ihnen immer Gesundheit und Glück.

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