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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

254. Freitagsbrief (vom November 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Dmitrij Danilowitsch Sajzew
Russland
Staro Iwanowka
Gebiet Belgorod.

[…] Ich, der ehemalige Kriegsgefangene Dmitrij Danilowitsch Sajzew, geb. am 18.3.1921, möchte mit diesem Brief den Erhalt Ihres Briefes und der humanitären Hilfe in Höhe von 300 Euro über die Russische Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ bestätigen.

Ich danke Ihnen und dem deutschen Volk für diesen humanitären Akt, für das Sammeln von Spenden und für die Organisation dieser für mich so wichtigen finanziellen Unterstützung.

Ja, sie ist dem Leid nicht angemessen, das wir in deutscher Gefangenschaft erfahren mussten. Aber auch diese Unterstützung bedeutet ein Eingeständnis der Schuld gegenüber den Völkern der UdSSR und im Besonderen gegenüber den sowjetischen Kriegsgefangenen, und sie ist ein Zeichen des Respekts und der Anteilnahme. […] Indem Sie die Schuld des deutschen Volkes eingestehen, haben Sie für mein Verständnis im Kampf um Frieden auf Erden und für Freundschaft zwischen den Ländern und Völkern einen Schritt in die richtige Richtung getan.

Aber ich setze das deutsche Volk nicht gleich mit den Nazis. Ich habe am eigenen Leib erfahren können, dass es gute Menschen unter den einfachen Soldaten innerhalb der deutschen Truppen gab. Ich weiß den Namen dieses einen Soldaten nicht, er bewachte unsere Kolonne von Kriegsgefangenen, aber ich bete zu Gott, dass es ihm im Leben gut ergangen ist. Ich wünsche ihm alles Gute! Ich war zweimal verwundet, hatte eine Gehirnerschütterung und war völlig entkräftet, deshalb konnte ich in der Kolonne nicht mehr weitermarschieren. Ich rechnete mit dem Schlimmsten: dass man mich erschießen würde. Aber dieser gute deutsche Soldat hielt ein vorbeifahrendes Fuhrwerk mit Pferdegespann an und setzte mich darauf. So bin ich am Leben geblieben. Diesem guten Soldaten habe ich mein Leben zu verdanken. […] Nun zu mir: Ich war zwanzig Jahre alt, als am 22.6. der Krieg begann. Ich war in der Nähe der Westgrenze stationiert, westlich von Lwow. Ich war Soldat, im April 1941 in die Armee einberufen worden. Unsere Truppen waren nicht vorbereitet auf einen großen Krieg. Wir trafen auf Dutzende Truppen der Wehrmacht, die unsere an Stärke bei Weitem übertrafen. […] Unter riesigen Verlusten konnten wir das Vorrücken der deutschen Truppen stoppen, was Hitlers Pläne vom Blitzkrieg durchkreuzte. [*]

340 Kriegstage (22.6.1941–27.5.1942) lang war ich ununterbrochen an vorderster Front, ich war Artillerist, dann Infanterist und dann wieder Artillerist, bis zur Gefangennahme bei Charkow im Mai 1942.

Das erste Jahr war ich in einem Lager für Kriegsgefangene bei Proskurow (Ukraine) [Stalag 355]. Der Lagerkommandeur war Unteroffizier Werner. Dann war ich bis zum 10. Mai 1944 im Lager für Kriegsgefangene in Kielce (Polen), der Kommandeur hieß Schulz. In der Nacht vom 9. auf den 10. Mai 1944 bin ich in einer Gruppe von 52 Gefangenen aus dem Lager geflohen und wir stießen in der Nähe von Ostrowiec zu polnischen Partisanen der Volksarmee. Die Heimat rief!

Dann agierten wir in der 121. Partisaneneinheit auf polnischem Gebiet, tief im Hinterland des Feindes. So war die Anweisung unseres Aufklärungszentrums. Von 50 Mann waren noch sieben am Leben, als wir uns am 17.1.1945 unseren anrückenden Truppen anschlossen. Was kam dann? – der Sturm auf Berlin, und ab dem 2.5.1945 marschierten wir Richtung Tschechoslowakei, wo für mich bei Prag der Krieg zu Ende ging.

Nachdem ich aus dem Armeedienst entlassen worden war, begann wieder das normale Leben, aber es war überaus schwer – wir mussten das zerstörte Land wieder aufbauen.

Im Krieg von 1941–45 hat unser Land, hat unser Volk unermesslich gelitten, aber auch Deutschland und das deutsche Volk haben gelitten. Wer brauchte diesen überaus grausamen Krieg, etwa das deutsche Volk? Nein. […]

Danke auch dafür, dass Sie mich gefunden haben. Sie haben um Verzeihung gebeten, Sie haben einem Invaliden des Großen Vaterländischen Krieges zweiten Grades geholfen. Ich wünsche Ihnen Glück, Gesundheit und alles Gute, Ihnen und dem ganzen deutschen Volk.

Ich reiche Ihnen die Hand in Freundschaft. Glauben Sie mir.

Sajzew

Russland, Belgorodskaja oblast, Belokonowskij rajon, Staroiwanowka

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[*] In den ersten beiden Kriegsmonaten starben rund 650 000 Sowjetsoldaten

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