Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

253. Freitagsbrief (vom Oktober 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Gawrilowitsch Mikas
Russland
Krasnodar.

[…] Ich, Iwan Gawrilowitsch Mikas, habe Ihren Brief und die humanitäre Hilfe bekommen, wofür ich Ihnen aufrichtig danken möchte – das Geld werde ich für meine ärztliche Behandlung verwenden.

Nun kurz zu mir: Ich wurde am 18.1.1920 geboren. 1940 wurde ich in die Armee einberufen, am 25.6.1941 begann für mich in Kremenez (Westukraine) der Krieg und bereits am 15.7. geriet ich westlich von Berditschewo in Gefangenschaft. Es folgten Konzentrationslager in Shitomir [Dulag?], Cholmi [Dulag 110], Wladawa [Duag ?], Hammerstein [Stalag IIF (315)] und Hamburg.

Danach wurde ich nach Norwegen deportiert, nach Lillehammer/Trondheim. Am 20.8.1944 gelang mir mit einem Kameraden die Flucht, wir wollten uns den norwegischen Partisanen anschließen, aber am zweiten Tag der Flucht gingen wir zu Einheimischen und baten um etwas zu essen und von ihnen erfuhren wir, dass es in der Stadt keine Partisanen gab und dass wir uns nach Schweden durchschlagen müssten, wo wir uns an die sowjetische Botschafterin Frau Kollontaj wenden sollten.

Am 5.9. überquerten wir die schwedische Grenze und am 8.10. fuhren wir über Finnland nach Russland. Am 21.10.1945 war ich schon zu Hause im Kuban-Gebiet in der Region Krasnodar. Im April 1946 habe ich ein gutes Mädchen, Raisa, geheiratet, mit der ich bis heute zusammenlebe. 1947 kam unsere Tochter zur Welt.

Nun zu den schweren Folgen meiner Zeit in den Konzentrationslagern: ab 1944 hatte ich starke Magenschmerzen, die bis 2006 anhielten. Dann hatte ich zwei Operationen, so dass Ihr Geld gerade zur rechten Zeit kam.

Von den Schikanen und Demütigungen in den Nazi-Lagern wissen Sie selbst, deshalb möchte ich lieber an dieser Stelle die guten Menschen erwähnen. Wir hatten einen Dolmetscher, einen Unteroffizier namens Kamann aus Berlin, er war ein guter Mensch und nannte uns seine Kameraden. Als die Vorgesetzten davon erfuhren, verboten sie es ihm, daraufhin nannte er uns „Söhnchen“, das wurde auch verboten und von da an nannte er uns „Jungs“.

Einmal musste ich in die Arrestzelle, wofür, weiß ich nicht mehr, wahrscheinlich für das „Vergehen“, leben zu wollen. Dort gab es nur Wasser und Brot (270 g am Tag). Wir waren zu Zweit in der Zelle, aber wenn dieser Dolmetscher Wache hatte, mussten wir nicht hungern, er nahm unsere Schüssel, ging in die Küche, schöpfte uns die Schüssel voll und brachte sie uns; er selbst setzte sich auf einen Hocker und sah aus dem Fenster zum Tor, damit wir nicht von den Vorgesetzten überrascht wurden. Dann nahm er die Schüssel wieder mit und wusch sie sorgfältig aus, so dass keinerlei Spuren blieben.

Ich möchte noch von einem Soldaten schreiben, seinen Namen weiß ich nicht. Jedes Mal, wenn er uns zur Arbeit brachte, hatte er einen Leinenbeutel dabei, der bis oben mit Brotstücken gefüllt war. Er rief einen Gefangenen zu sich und sagte: „Teil es unter allen im Kommando (8–10 Personen) auf“. Jeder kam heran und bekam seinen Anteil. Einmal, als der Hafen bombardiert wurde, wurde dieser Soldat verwundet, um ihn herum brannte alles, die Gefangenen trugen ihn aus dem Feuer und retteten ihn. Danach haben wir ihn nicht mehr wiedergesehen, aber er ließ uns aus dem Lazarett weiter seine Tasche mit Brot bringen.

Trotz der unmenschlichen Bedingungen blieb ich am Leben. Gott hat mir ein langes Leben geschenkt. Heute lebe ich in Krasnodar. Ich könnte noch viel über diese schlimme Zeit schreiben, aber ich habe nicht mehr die Kraft dazu.

Mit freundlichen Grüßen,

I. G. Mikas

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.