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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

252. Freitagsbrief (vom Juli 2009).

Belarus
Gebiet Gomel
Bezirk Petrikowskij
Anton Andrejewitsch Akultschik.

[…] Es begrüßt Sie mit besten Wünschen Akultschik Anton Andrejewitsch! Ihr Brief hat mich angenehm überrascht. Er hat mich stark bewegt, bis zu Tränen in den Augen. Es ist sehr gut, dass in Deutschland Menschen leben, die die Geschichte kennen und auch den jungen Generationen etwas beibringen wollen.

Ja, es stimmt. Mein Leben während des Krieges war hart, ohne Tränen kann man sich nicht daran erinnern. Die in der deutschen Kriegsgefangenschaft verbrachte Zeit war eine Ewigkeit. Ich lebte in der Unfreiheit vom Juni 1941 bis Mai 1945, vier lange Jahre, vier Jahre, voll von Leiden, Erniedrigungen und Qual.

Als der Krieg begann, diente ich an der Westgrenze. Es hat sich ergeben, dass praktisch in den ersten Kriegstagen unsere Militäreinheit in Wolhynien vollständig eingekesselt und gefangen genommen wurde. Wir wurden wie Vieh mit Güterwaggons weggebracht. Während der Fahrt gab es weder Wasser noch Nahrung, obwohl wir einige Tage unterwegs waren. Am 28. Juni 1941 kamen wir nach Berlin. Hier wurden wir mit Wasser abgespritzt und mussten weiterfahren. Wir gelangten letztendlich ans Ufer vom Ärmelkanal [eher Elbmündung]. Wir wurden in einem Lager untergebracht, dessen Name ich nicht mehr kenne [Wahrscheinlich eines der sog. „Heidelager“ in der Lüneburger Heide. Der abgegessene Kiefernwald wird aus Wietzendorf Stalag XB (310) berichtet.]. Das Lager war sehr groß, geteilt in Einzelsektionen. In jeder Abteilung lebten ein paar tausend Kriegsgefangene. Dieses Lager war eine Art Versuchsstelle. Hier wurden die menschlichen Kapazitäten getestet: Ausdauer, Überlebensfähigkeit, Kraft. Wir haben weder Wasser noch Brot erhalten. Hunderte Menschen starben täglich. In unserer Abteilung befand sich ein Kieferwald. Jeder Baustamm stand nackt, das heißt völlig ohne Baumrinde. Alles wurde aufgegessen. Wir aßen auch Wurzeln und auch eigentlich nicht Essbares. Das Lager bestand aus einem vom Stacheldraht umzäunten Feld unter freiem Himmel. Wir wurden von starken Sonnenstrahlen und Regenschauern angegriffen. Manchmal kam die Leitung zu Gast. Sie wollten Spaß haben. Ein Wächter warf Brot in die Menschenmenge. Es begann eine Schlägerei. Diese Bilder wurden fotografiert. Ich kann bis heute nicht begreifen, warum sie es gemacht haben. Vielleicht war es nur eine Zerstreuung.

Im September mussten alle noch Lebenden antreten. Unsere zerrissene Kleidung wurde gewaschen. Wir wurden entlaust und bekamen eine Bademöglichkeit unter eiskaltem Wasser. Mit dem Zug kamen wir nach Frindsdorff [?] in eine kleine Stadt. Hier verbrachten wir den Winter. In diesem Lager wurden wir wenigstens mit Essen versorgt. Im Frühjahr brachte man uns nach Linz in Österreich. Dort wurden für uns Arbeitseinsätze ausgedacht und sie behandelten uns selbstverständlich weiter als Sklaven.

Am 5. Mai 1945 haben uns die US-Soldaten befreit. Vielleicht ist meine Sprache sehr trocken, um diese Erinnerungen wahrheitsnah zu übermitteln. Ich habe so viel Quälerei und Leid erlebt! In diesen Tagen und Monaten habe ich Gott nur um ein Einziges gebeten, um den Tod. Nein, ich starb nicht. Ich habe überlebt. Vielleicht ist es mein Schicksal.

Nach der Befreiung diente ich in der Armee. Nach der Heimkehr mussten wir unsere zerstörte Wirtschaft wiederaufbauen. Alles wurde im Krieg vernichtet. Dieser Lebensabschnitt war auch nicht leicht.

Heute lebe ich gut. Der Staat kümmert sich um uns. Die kommunale Verwaltung bemüht sich auch uns zu helfen. Den Kräften angemessen, arbeitete ich im Haushalt. In meinem Bauernhof gibt es eine Kuh. Ich bin 86 Jahre alt. Mein Leben ist mit dem Geld nicht zu „messen“. Trotzdem bedanke mich für Ihre Hilfe. Ich lege ein bisschen Geld bei Seite. Ich möchte einen Mini-Traktor kaufen. Das ist ein wichtiges Ding in jedem Bauernhof. Damit kann man das Feld pflegen, etwas von der Stadt ins Dorf bringen und so weiter. Ich habe zwar ein landwirtschaftliches Gerät. Es geht aber oft kaputt.

Niemandem wünsche ich das zu erleben, was ich erlebt habe. Gott gebe Ihnen Kraft, Gesundheit und Glück für Ihre Barmherzigkeit, für Ihre Tätigkeit. Unsere Völker müssen im Frieden leben.

Mit besten Wünschen für Sie und für Ihre Familien

Akultschik Anton Andrejewitsch.

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