Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

251. Freitagsbrief (vom 25. April 2005, aus dem Russischen von Inge Junginger).

Ukraine
Tschernigow
Jurij Petrowitsch Bartosch.

Ich, Bartosch Juri Petrowitsch, wurde am 3. Dezember 1921 in der Stadt Kasan geboren. Nach Beendigung der Mittelschule im Jahr 1939 trat ich in die 1. Moskauer Artillerie-Schule ein, die ich am 5. Juni 1941 mit der Beförderung zum Leutnant und der Ernennung zum Zugführer im 546. Artillerie-Regiment, das sich nahe der Stadt Saratow befand, beendete. Zu dem Zeitpunkt wurden der Personalbestand und die Waffen des Regiments (122-mm-Kanonen) auf Eisenbahnwaggons zum Transport an die Grenze der UdSSR verladen. Die Radio-Bekanntmachung von Molotow über den Beginn des Krieges hörten wir während eines Aufenthalts in der Stadt Orjol. Am 30. Juni erreichte das 546. Regiment, aufgefüllt mit Geschossen und den notwendigen technischen Mitteln, die Gegend der Stadt Rogatschow in Belarus, errichteten im Wald Feuerstände und eröffneten sofort das Feuer auf die deutschen Einheiten, die sich in der Stadt und ihrer Umgebung befanden. Nachts errichteten die Pionierkräfte im Schutz des Artilleriefeuers eine Ponton-Brücke über den Fluss, die Infanterie vertrieb die Deutschen aus der Stadt, warf sie 15 km zurück und verschanzte sich im eingenommenen Abschnitt. Die Deutschen beabsichtigten, den Hauptstoß gegen Smolensk zu führen. Am 14. August 1941 wurde das 546. Regiment in das Gebiet der Stadt Shlobin, Belarus, zur Beseitigung eines Frontdurchbruchs verlegt. Dieses Gebiet wurde durch die 21. Armee verteidigt, zu der auch unser Regiment gehörte. Die Aufgabe des 546. Regiments war es, den Rückzug unserer Einheiten zu decken. Es wurde darüber informiert, dass die 21. Armee eingekreist ist. Das 546. Regiment wehrte die Panzerangriffe und Angriffe der deutschen Truppen solange ab, wie Munition vorhanden war, danach wurden die Waffen unbrauchbar gemacht und das Regiment trat im Gefolge seiner Infanterie den Rückzug an. Nachdem es den Überlebenden meines Zuges gelungen war, auf einem Laster in der Nähe eines von den Deutschen eingenommenen Dorfes in den Wald durchzubrechen, beschlossen wir, uns in kleinen Gruppen nach Osten zu bewegen. Die deutschen Maschinenpistolenschützen stoppten uns jedoch. Mehrere unserer Soldaten wurden getötet, ich selber am Arm verletzt. Munition hatten wir keine mehr. Die Deutschen kreisten uns ein und nahmen uns gefangen. Die Kolonne von uns Kriegsgefangenen wurde aus dem Gebiet Shlobin etappenweise in die Stadt Bobrujsk [Stalag 343] geschickt. Die von den Deutschen entdeckten Politoffiziere und Juden wurden an die Gestapo ausgeliefert. Von Bobrujsk wurden wir in ein Lager bei der polnischen Stadt Ostrow Mazowiecka [Stalag 324] geschickt. Kranke, die nicht mehr weitergehen konnten, haben die Deutschen unterwegs erschossen. Das Lager befand sich auf einem Feld, umgeben von drei Reihen Stacheldraht, außen herum auf Wachtürmen waren deutsche MP-Schützen aufgestellt. Wir lagen nachts auf der Erde unter freiem Himmel. Oft waren nachts Schüsse von den Wachtürmen auf die schlafenden Gefangenen zu hören. Zu essen gab es einmal pro Tag Balanda. Tagelang haben die Gefangenen die Läuse aus der Unterwäsche gesammelt. Jeden Tag starben Dutzende Kriegsgefangene. Die Toten wurden von einem Spezialkommando nackt ausgezogen und in einen langen, von Gefangenen ausgehobenen Graben gebracht. Die Kleidung wurde eingelagert. Die Zahl von jeweils hundert Toten wurde auf Brettern am Graben vermerkt. Nach einigen Tagen wurde ich in einem Zelt mit auf der Erde ausgebreitetem Stroh einquartiert. Neben mir lag ein tödlich verwundeter General, der am nächsten Tag starb. Auf der Leiche wimmelte es von Läusen (Tote beißen sie nicht). Am häufigsten starben die Gefangenen an Hunger, Ruhr und Flecktyphus. Im September wurde ich aus dem Sommerlager in ein Hospital für Kriegsgefangene gebracht, das sich neben dem Lager in ehemaligen Kasernen aus der Zarenzeit befand. Dort lag ich mit Flecktyphus, etwa einen Monat war ich meist ohne Bewusstsein. Gepflegt hat mich ein Sanitäter, ein Gefangener, der durch eine MP-Garbe verwundete Leutnant Sawin, der gemeinsam mit mir die 1. Moskauer Artillerie-Schule absolviert hatte. Nach dem Typhus bekam ich schlimme Beine. Im Winter kamen aus den offenen Lagern Gefangene mit Erfrierungen,die meistens nach 2-3 Tagen starben. Anfang März 1942 wurde ich aus dem Hospital entlassen und in die Stadt Zamość [Stalag 325] in Polen gebracht. Im dortigen Lager war als Gefangener der später von der Gestapo bestialisch ermordete General Karbyschew (bei lebendigem Leibe eingefroren). In Zamosc mussten die Gefangenen mit Brecheisen und Spaten im gefrorenen Boden Gräber für die gestorbenen Kriegsgefangenen ausheben. Gemeinsam mit anderen Kriegsgefangenen wurde ich später nach Hammelburg gebracht [Stalag XIIIC], von dort im Mai 1942 in das Lager Nr. 10021 in der Nähe von Nürnberg. Ich musste in der Galvanisierung des Werks „Metall und Eisengießerei“ zwei Kilometer vom Lager entfernt arbeiten. In der Werkhalle befanden sich Wannen für Säuren und Alkali sowie Karussell–Fließbänder, deren Untersätze Durchmesser von 4-5 m hatten, mit Galvanisierungsflüssigkeit. Die Wanne drehte sich ununterbrochen und wir mussten ständig mit den Händen auf spezielle Aufhängeeinrichtungen Hülsen von ca. 700 bis 800 mm Länge und einem Durchmesser von 120 bis 150 mm aufhängen und wieder abnehmen. Gearbeitet wurde in zwei Schichten - in der Tages- und in der Nachtschicht von jeweils 12 Stunden mit einer einstündigen Unterbrechung für das Mittagessen. Die Arbeitskleidung bestand aus einer Tuchjoppe und Tuchhosen, Gummistiefeln und Gummihandschuhen. In jeder Schicht arbeiteten wir an einem anderen Bereich des Förderbandes. Von Säure und Alkali bildeten sich an den Händen, Beinen und anderen Körperstellen rote Flecken und Geschwüre. Nach anderthalb bis zwei Monaten heilten die Geschwüre und erschienen dann oft erneut. In der Schichtpause wurden Blechkannen mit Balanda gebracht, die die Gefangenen selber in die Schüsseln verteilten.

Der Weg vom Lager zum Werk führte durch den Wald. Wir mussten uns zu Kolonnen mit 4 Mann in einer Reihe aufstellen und die bewaffneten Wachmannschaften führten uns zum Werk und auch zurück. Oft trieben uns die Wachmänner an, indem sie mit Bajonetten in den Hintern stachen. Dabei tat sich besonders ein kleingewachsener Tscheche hervor, der während des gesamten Weges herumknurrte und unbedingt irgendjemand mit dem Bajonett in den Hintern stechen musste.

Wir wohnten in Holzbaracken mit zweistöckigen Holzpritschen. Ich schlief auf dem oberen Bett. In jeder Baracke waren ca. 20 Menschen. Mit mir gemeinsam arbeitete und wohnte der Held der Sowjetunion Hauptmann Bereshok (den Helden-Titel hatte er für Spanien erhalten), er wurde einige Monate später der Gestapo überstellt. Abends nach bzw. vor der Arbeit wurde für jeweils 6 Mann ein 1-Kilo-Schwarzbrot ausgegeben. Die Hälfte dieser Verpflegungsration ließen wir für das Frühstück übrig. Während der Bombardements haben sie uns zuerst in den Baracken eingesperrt, später brachten sie uns in einen neben der Baracke ausgehobenen Graben und im Werk kamen wir in den Luftschutzkeller unter der Werkhalle. Brandbomben trafen sowohl das Werk als auch das Lager (eine Baracke und eine Werkhalle brannten ab). Von der Arbeit kehrte ich völlig entkräftet zurück und nachdem ich die halbe Verpflegungsration erhalten und gegessen hatte, legte ich mich schlafen. Morgens weckte uns die Wache, wir aßen die übrige halbe Ration mit Tee dazu und stellten uns in der Kolonne zu viert in der Reihe auf und sie führten uns mit Begleitsoldaten ins Werk. Es gab einige erfolglose Fluchten aus dem Lager, die Flüchtenden wurden eingefangen, mit Bajonetten erstochen und die Leichen ließen sie zur allgemeinen Abschreckung tagelang im Lager liegen. Einmal wurden wir nach einem Bombardement zu Aufräumarbeiten auf den Straßen nach Nürnberg gebracht.

Ich arbeitete von Mai 1942 bis zum 20. Dezember 1944 im Werk. Im Dezember 1944 wurde ich wegen starker Abmagerung und Wasser in den Beinen zu Erdarbeiten nach Erlangen gebracht (Reinigung unterirdischer Räume und Tunnel am Fuße eines Berges). Am 15. April 1945 wurden wir Kriegsgefangenen mit Begleitsoldaten in Richtung München geschickt. Am 22. April erreichten wir eine Talsenke in der Nähe der Stadt Eichstätt. Die die Kolonne begleitende Wachmannschaft aus alten Deutschen ließ uns im Stich. Als erste erreichten Fahrzeuge des Internationalen Roten Kreuzes die Talsenke, die uns mit Nahrungspaketen mit Schokolade, Fleischkonserven, Zigaretten und Weißbrot versorgten. In etwa 5 km Entfernung beschoss amerikanisches Militär mit Artillerie die deutschen Stellungen. Am 25. April befreiten uns die Amerikaner. Amerikanische Armeefahrzeuge brachten uns in die Stadt Moosburg, am 31. Mai dann in die Stadt Frankenberg (dieses Gebiet war von der sowjetischen Armee besetzt). Unsere letzte deutsche Stadt war Bautzen, wo wir eine vorläufige Überprüfung durchliefen. Aus Bautzen wurde ich gemeinsam mit anderen Kriegsgefangenen in das Dorf Suslonger in der Mari-ASSR gebracht, wo ich eine Spezialüberprüfung durchlief und danach demobilisiert wurde.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.