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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

248. Freitagsbrief (vom Dezember 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Anatolij Prokowjewitsch Kowalewskij
Belarus
Budenowka
Gebiet Grodno.

[…] Ich schicke Ihnen meinen Lebensbericht, der 50 Jahre umspannt und den ich für meine Kinder, Enkel und Urenkel geschrieben habe. Mit dem größten Respekt, A. Kowalewskij

Ich bin jetzt für den Winter zu meiner Tochter gezogen und wohne unter der Adresse: […]. Ich werde hier bis März 2011 sein. Dann fahre ich zur Imkerei, wo es im Frühjahr viel Arbeit gibt. Sollten Sie in Belarus sein, kommen Sie mich bitte besuchen. Ich werde Sie mit Blütenhonig bewirten. 6.12.2010

Juni 1941. SONNTAG, der 22. Juni, ein klarer, sonniger Tag, alles still, die Stimmung war gut, bis dann mittags im Radio übertragen wurde, dass seit vier Uhr morgens Krieg herrscht. In Moskau brach völlige Panik aus. Mir wurde schwer ums Herz, es schien wie ein Alptraum. Zwei Tage später wurde die generelle Einberufung zur Moskauer Bürgerwehr bekannt gegeben – alle wurden eingezogen, Männer um die 55 Jahre und jünger bis hin zu Siebzehnjährigen. Wir bekamen Baumwollkleidung und Gewehre aus dem Imperialistischen Krieg [ gemeint ist der I. Weltkrieg].

Wir mussten jeden Tag Panzerabwehrgräben ausheben, vor allem westlich von Moskau, in etwa 70 km Entfernung. Zu der Zeit verliefen die Gefechte gegen die deutsche Armee in der Gegend um Smolensk. Der Oberkommandierende Lukin konnte die Deutschen dort mehr als einen Monat zurückhalten. Als die Frontlinie durchbrochen wurde, d.h. unsere Truppen von Süden und Norden umgangen wurden, da wurden wir nachts in Autos geladen und mit unseren Waffen (zwei Tage zuvor hatten wir russische Gewehre bekommen) auf irgendein Feld gebracht. Es gab kein Regiment, einige hundert Soldaten, keine Kommandeure, niemand wusste, wo ist unsere Einheit und was ist mit ihr passiert? Ich machte mich mit zwei anderen, meinen besten Freunden, auf die Suche. Bald trafen wir auf ein Haubitzenregiment mit 122 mm-Geschützen von stattlicher Größe, zu denen es allerdings keine Geschosse gab. Wir gingen zum Kommandeur und erklärten ihm, dass wir aus der Moskauer Bürgerwehr kamen und nicht wussten, wo unsere Einheit war; daraufhin nahmen sie uns in ihre Einheit auf.

Es war das 205. Artillerieregiment. Zusammen mit diesem Regiment irrten wir mehr als eine Woche herum in dem Versuch, aus dem Kessel herauszukommen. Das war südlich von Wjazma.Nachts fuhren wir auf den Traktoren mit den Haubitzen mal in die eine Richtung, dann in die andere, bis wir schließlich auf einem sehr großen Feld von Panzern eingekreist wurden, beim Ort Semlewo nicht weit von Wjazma. Laut Kriegsberichten wurden dort ca. 350 000 Soldaten eingekesselt. Der Oberkommandierende über unsere Truppen, Lukin, geriet in Gefangenschaft, wo ihm beide Beine amputiert wurden. Sein weiteres Schicksal ist mir nicht bekannt.Wir wurden von den Deutschen zusammengetrieben und zu einer riesigen Kolonne formiert, dann setzten wir uns Richtung Smolensk in Bewegung. Irgendwo mitten auf einem Feld verbrachten wir die Nacht, am nächsten Morgen marschierten wir weiter, so ging es lange, bis wir irgendwann Smolensk erreichten. Auf dem Weg bekamen wir weder Essen noch Wasser, wir tranken Wasser aus den Pfützen am Wegesrand. Kurz vor Smolensk gelang es meinem Freund Sascha aus Kustowka und mir, eine Gasmasken-Tasche mit Kartoffeln zu füllen (d.h. wir gruben sie auf einem Feld aus, auf das die Deutschen uns getrieben hatten).

In Smolensk wurden wir in Viehwaggons verladen, in jeden Waggon trieben sie hundert Männer.Alle standen, es gab keinen Platz zum Sitzen. Sascha und ich blieben zusammen und passten gut auf unsere Tasche mit den Kartoffeln auf. Wir waren sechs Tage unterwegs, in denen wir kein Wasser bekamen und auch unsere Notdurft nicht verrichten konnten. Dank unserer Kartoffeln, von denen wir jeden Tag zwei bis drei aßen, überstanden wir die lange Fahrt. Man brachte uns in ein Lager in der litauischen Stadt Olita [Alytus Stalag 343]. In dieser Stadt war etwa im Jahr 1800 auf Anweisung des russischen Zaren eine Armeesiedlung mit zweistöckigen Kasernen erbaut worden. In diese Häuser trieben sie uns Ende Oktober oder vor dem 3. November, das weiß ich nicht mehr, aber es war schon kalt. Der Winter 1941 war sehr hart. Als wir in dieses Lager kamen, waren dort schon 24 000 Gefangene. Es herrschte eine unglaubliche Enge, nachts gab es keinen Platz zum Liegen – wenn man aufstand, war der Platz sofort weg, dann musste man sich auf jemanden drauf legen; weil wir so schwach waren, mussten wir aber oft austreten. Bei der Ankunft wurde ich Zeuge folgender Szene: Ich ging zur Toilette und dort standen mehrere Männer vornübergebeugt, und andere bohrten mit Stöcken in ihrem After und versuchten, den Mastdarm von seinem Inhalt zu befreien. Ich erfuhr, dass sie ungeschälte Buchweizengrütze zu essen bekommen hatten, also schwarze Getreidekörner, die in den leeren Mägen zusammenklumpten, so dass alle Verstopfung bekommen hatten.

Ich kann mich noch an einen weiteren Vorfall erinnern, als wir in der Kolonne nach Smolensk getrieben wurden. Wir machten auf irgendeinem Bauernhof Halt. Eine Fuhre mit Kartoffeln fuhr in den Hof. Auf der Fuhre saßen drei Soldaten: Einer lenkte das Pferd, der zweite warf mit einer Kehrschaufel Kartoffeln herab und der Dritte schoss mit einer MP auf die Gefangenen, die losstürmten, um die Kartoffeln aufzuheben. Einige von ihnen wurden tödlich getroffen, andere krochen verwundet davon – all das spielte sich vor meinen Augen ab.

Die Verpflegung in diesem Lager war so angelegt, dass die Menschen so schnell wie möglich starben. Morgens bekamen wir auf sieben Personen einen kleinen Laib Brot; alle sechs nahmen sich bei der Hand, hielten das Brot in der Mitte und gingen ein wenig auf die Seite, um dort das Brot zu teilen. Zu diesem Brot gab es eine Konservendose mit Wasser. Das Mittagessen – ungeschälte (und wohl kaum gewaschene) Kartoffeln, eine Konservendose (etwa 500ml) Wasser – das war das ganze Essen für den Tag.

Einmal ging ich ins Gebäude in den ersten Stock, und dort saßen auf dem Boden junge abgemagerte Gefangene, die nur Sommerkleidung trugen, sie hatten keine Mäntel, da sie früher in Gefangenschaft geraten waren, als es noch warm war, oder vielleicht hatte man ihnen die Kleidung auch weggenommen. Wir gingen in der Nacht nur zu Mehreren raus zum Wasserlassen, sie konnten einen sonst überfallen und einem den Mantel wegnehmen.

Es begann ein sehr harter Winter. Es gingen Gerüchte, dass die Deutschen einige Kriegsgefangene zur Arbeit zu litauischen Bauern bringen würden, aber nur jene, die Uniform trugen, also Mantel, Mütze und Stiefel. Das war wahrscheinlich Anfang Dezember 1941.

Ich geriet zusammen mit drei Freunden zufällig in diese Gruppe. Dort waren hauptsächlich die Zöglinge der Polizaj, die ihnen dafür etwas bezahlt hatten. Ich hatte großes Glück, dass auch ich in diese Gruppe gelangte. Wir wurden in ein Gebäude auf dem Lagergelände geführt. Dort waren viele Bauern, die sich Gefangene für die Arbeit aussuchten. Ich stand da und dachte – ob mich wohl jemand nimmt?, denn ich war mager und sah schlecht aus, aber ein etwa 60 Jahre alter Bauer nahm mich mit. Er war mit seinem Sohn per Pferd hergekommen, sie wohnten etwa 20 km von Alytus entfernt. Nach ca. vier Stunden erreichten wir den Hof, es war schon dunkel, das Haus war eine große Bauernhütte aus Holz, ohne Fußboden, mit einem russischen Ofen, in der Ecke ein Tisch mit Bänken rundherum. Die alte Bäuerin war etwa 65 Jahre alt, der Sohn etwa 17. Der Alte sprach Russisch, die Bäuerin und der Sohn sprachen nur Litauisch. Der Alte sagte: hier wirst du schlafen, und deutete auf eine Stelle auf dem Boden. Ich sagte ihm, dass ich Unmengen Läuse habe und dass er mir etwas Stroh bringen möge, dann könnte ich eine Nacht auf dem Stroh schlafen und am nächsten Tag würden wir die Banja einheizen – eine Banja hatte er – und die Läuse abtöten. So machten wir es dann auch. Er heizte die Banja ein, sie war aus Steinen auf die Erde gebaut, wurde aber gut warm. Ich bedampfte meine ganze Kleidung und wusch mich. Aber ich hustete stark, tagsüber wie auch in der Nacht. Sie brachten mir eine Pflanze, die so ähnlich wie eine Kiefer war. Der Bauer kochte daraus einen Sud, den ich trank. Ich half ihm dabei, Gerste mit dem Flegel zu dreschen – so wie unsere Großväter gedroschen hatten. Der Bauer behandelte mich sehr gut. Ich blieb 28 Tage bei dieser Familie, dann kam der Befehl, alle Gefangenen seien ins Lager zurückzubringen. Der Bauer bat mich, nicht zu fliehen, sonst würden sie ihn erschießen; nun, es blieb mir nichts anderes übrig, als seiner Bitte nachzukommen. Wir kamen also wieder ins Lager, alles war wie vorher, die Verpflegung war auch die Gleiche. […]

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