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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

246. Freitagsbrief (vom April 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan M. Kotikow
Russland
Krasnojarskoje
Region Stawropol.

Guten Tag!

[…] Ja, es ist viel Zeit vergangen, seit wir Kriegsgefangene übers deutsche Pflaster marschiert sind; halbnackt, halbverhungert, barfuß, die Köpfe eingezogen, so marschierten wir endlose Strecken. Vom Lager habe ich schon geschrieben; von der Zeit, als sie uns nach Belgien zur Arbeit im Bergwerk geschickt haben, möchte ich so wenig wie möglich schreiben, denn diese ganze Geschichte kann man unmöglich auf ein Stück Papier bannen.

Das Bergwerk in dem Städtchen Beringen also. Ob das Bergwerk so hieß oder die Siedlung für die Bergleute, das weiß ich nicht. Sie führten uns immer eine Straße entlang. So vergingen die Monate, ein Tag wie der andere. Wenn nicht die Durchsuchung unserer Baracke gewesen wäre, bei der sie mein Tagebuch und eine Landkarte bei mir fanden. Ich hatte das alles bei den Belgiern erstanden, mit denen ich arbeitete. Wie gut waren doch die Belgier! Sie steckten mir auch immer wieder Essen zu.

Ich werde nicht vom gesamten Lagerleben schreiben, denn alles lässt sich nicht erzählen. Ich werde mich sehr kurz halten. Nachdem sie das Tagebuch konfisziert hatten, kam ich natürlich in Einzelhaft. Sie befragten mich, woher ich es hatte, wozu und was ich geschrieben habe. Am nächsten Morgen im Schacht konnte von einer Erfüllung der Arbeitsnorm keine Rede sein, ich war sehr schwach und konnte von der Essensration, die ich zuvor bekommen hatte, nur träumen. Ich spürte, dass sie mich jeden Moment nach Deutschland schicken könnten, und was würde mich dort erwarten? Es gab verschiedene Gerüchte: Manche sprachen von Verbrennen, manche von Straflager. Kurzum, mich erwartete nichts Gutes. So reifte in mir der Plan zur Flucht. Meine Kameraden halfen mir offen oder verdeckt. Natürlich war eine Flucht schrecklich, das lässt sich gar nicht beschreiben, aber ich entschloss mich dennoch dazu. Was würde mit mir passieren?

Vier Uhr morgens, starker Nieselregen, völlige Dunkelheit, so dass man nicht einmal die Hand vor Augen sehen konnte. Da wagte ich die Flucht. Am Stacheldraht, der an der Bahnlinie entlang führte, blieb ich hängen. Da hörte ich auf einmal ein deutsches Fluchen. Mir blieb nichts anderes übrig, als mich flach auf den Boden zu legen; ein deutscher Offizier, der russische Gefangene bewachte, trat mir beinahe auf die Füße. Aber ich wurde nicht entdeckt. Ich zitterte wie Espenlaub, wusste nicht, wie ich gehen sollte. Irgendwann kam ich an der gleichen Stelle wieder heraus. Da setzte ich mich auf die Erde. Irgendwann kam ich wohl zu mir und ging wieder los. Wohin sollte ich? Wer wollte mich schon? Ich war in einem fremden Land, konnte die Sprache nicht. Es nieselte immer noch. Langsam wurde es hell. Ich erblickte einen kleinen Wald und ging in seine Richtung. Plötzlich begann es zu schneien, was dort sehr selten vorkommt. Den ganzen Tag ging ich im Kreis. Ich hatte Angst, weiterzugehen, weil meine Fußspuren im Schnee zu sehen waren. Als es dunkel wurde, klopfte ich beim erstbesten Haus an. Ein Mann kam heraus und sagte: Du bist ein Russe! Ja. Hinter ihm kam eine Frau aus dem Haus, er sagte etwas zu ihr, sie machte kehrt und ging weg. Zurück kam sie mit einem Stück Brot; erst biss sie selbst ein Stück davon ab, dann gab sie es mir. Der Mann riet mir, ich solle nicht auf der Straße gehen, dort seien deutsche Patrouillen. Ich ging also weiter durch den Schnee. Ich fand einen kleinenSchober, in dem Roggengarben gelagert waren; dort verharrte ich zitternd vor Kälte drei Tage und zwei Nächte. In der Nacht verließ ich den Schober und ging um ein Stück Brot bitten. Alle gaben mir etwas. Ihnen allen sei Dank, diesen guten Menschen, die mir Einsiedler Essen gegeben haben. Einmal kam ich zu einem Haus, ich werde nicht alle Details schreiben, wie ich dahin gekommen bin, das ist eine lange Geschichte. Jedenfalls durfte ich an einem niedrigen Tisch Platz nehmen, rechts und links von mir saßen zwei alte Frauen, Sohn und Vater waren irgendwo hinter dem Haus und passten auf, dass mich niemand bemerkte. Sie taten mir Suppe auf, gaben mir Brot – iss soviel du möchtest. Ich weiß nicht mehr, wie viel ich damals gegessen habe, aber ich danke ihnen allen. Die alten Frauen fragten mich aus, woher ich kam, ob meine Eltern am Leben seien, ob ich Geschwister habe. Ich erzählte ihnen alles und sie lösten sich in wahrsten Sinne des Wortes in Tränen auf, weinten und sagten, er ist doch noch fast ein Kind, und so ein schweres Los hat ihn getroffen.

Danach gelangte ich zur Partisaneneinheit „Für die Heimat“, bei der ich war, bis die Amerikaner kamen. Dann brachten sie uns nach Frankreich, wo wir ein Lager mit deutschen Gefangenen bewachten. Und als in den Ardennen die deutschen Truppen Widerstand gegen die Amerikaner leisteten und sie die Verteidigungslinie nicht durchbrechen konnten, da erinnerten sie sich plötzlich an uns und wollten unsere ganze Brigade in den Angriff schicken. Djadkin (der Kommandeur der Brigade) fuhr nach Paris zum Militärattaché der UdSSR. Dort sagten sie ihm, die Amerikaner sollen hier selbst kämpfen, ihr werdet von Russland gebraucht. Unsere Kommandeure stritten sich und wir fuhren über Marseille nach Odessa und von dort weiter, erst in den Kiewer Militärbezirk, dann nach Lwow. Im März 1947 wurde ich dann aus dem Armeedienst entlassen und konnte nach Hause. Das war also mein langer Weg nach Hause.

Jetzt, am Ende meines Lebens, kann ich mit Bestimmtheit sagen, dass niemand mehr behauptet, die Deutschenwären Nazis, Gestapo und so weiter. Alle bewundern Ihre gut entwickelte Industrie undLandwirtschaft. Schließlich sind es Ihre deutschen Mähdrescher und andere Geräte, die überall im Riesenreich Russland eingesetzt werden! Schlimm ist aber, dass die Arbeitslosigkeit bei den jungen Leuten immer mehr ansteigt.

Wir bekommen unsere Rente und haben auch einiges aus dem Garten. So haben wir es wieder bis zum nächsten Jahrestag des Sieges geschafft. Das ist ein großer Tag nicht nur für Russland, sondern auch für Deutschland, das vom Faschismus befreit wurde. Jetzt versuchen beide Länder, eine Welt ohne Krieg zu erhalten. Natürlich braucht niemand den Krieg. Wir brauchen Frieden, und die Menschen brauchen Arbeit.

Ich wünsche Ihnen nochmals Frieden, Gesundheit, Glück und Erfolg. Soweit für heute. Ganz Russland sendet Ihnen und dem ganzen deutschen Volk beste Grüße.

[Unterschrift].

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