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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

245. Freitagsbrief (vom April 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Pawel A. Moscharew
Russland
Ust-Waenga
Gebiet Archangelsk.

Sehr geehrte Kameraden in Deutschland!

Hiermit möchte ich auf Ihren Brief antworten.

[…] Nach dem Lazarett in Wjasma [Dulag 184] kam ich nach Gshatsk [Dulag 124], das heute Gagarin heißt. Dort musste ich an der Bahnlinie arbeiten. Aber was war ich schon für eine Arbeitskraft nach einem halben Jahr im Lazarett? Ich konnte nicht einmal eine Schaufel mit Erde anheben. Dafür zerschlug der Wachsoldat seinen Stock auf meinem Rücken; dann schickte er mich zurück nach Wjasma.

Ich möchte sagen, dass es in Deutschland auch gute Menschen gab. Schade, ich kann keine Brille mit der Stärke +7 bekommen. Dann könnte ich besser schreiben. In Magdeburg hatten wir einen guten Wachsoldaten. Wir konnten dort manchmal ein paar Kartoffeln ergattern. Es gab auch pfiffige Burschen unter uns. Wir kochten die Kartoffeln in einer Wanne, in der Motoreneinzelteile mit Dampf gereinigt wurden. Wir deckten den Eimer mit Folie ab und kochten in dieser Wanne die Kartoffeln, die wir dann zum Mittagessen aßen. Der deutsche Soldat setzte sich zu uns und aß gerne mit.

Später musste er dann an die Front. Er zeigte uns den Einberufungsbescheid und scherzte: Ihr habt mir gesagt, bei euch ist es schön – jetzt kann ich es mir ansehen.

Ein zweites Beispiel: Als wir auf der Flucht waren, wollten wir keine Zeit verlieren und marschierten auch am Tag. Das war in Thüringen, im Thüringer Wald. Bald stießen wir auf einen Offizier, der uns entgegenkam. Er fragte: Wohin? Wir antworteten: „Nach Moskau“. Er winkte ab, machte „Ah!“ und wir gingen weiter. Zwei Frauen waren mit ihm unterwegs.

Und noch ein Beispiel. Aus Polen wurden Transporte mit Textilien nach Deutschland gebracht, die in der Fabrik Witt [Weiden?] entladen wurden. Wir mussten dort arbeiten. Wir brachten per Lift Handwagen mit Stoffen in den dritten oder vierten Stock. Eine Frau fragte mich: Bist du aus Sibirien? Sie glaubte, dass ihr Mann in Sibirien in Gefangenschaft war. Ich erklärte ihr alles, so gut ich konnte. Den Frauen war es verboten, mit uns Russen zu verkehren. Um die arische Nation nicht zu beschmutzen.

Am nächsten Tag kam ich wieder zu dieser Arbeit, und die Frau arbeitete auch dort. Sie legte die Stoffe zu Stapeln zusammen. Sie bedeutete mir mit den Blicken, dass etwas für mich im Stapel war. Ich fand dort ein in Papier eingewickeltes belegtes Brot. Danke an sie!

Aber auch bei uns war nicht alles gut. Es gab Verräter unter uns, es gab Überläufer, die sich für ein Stück Brot verkauften und nicht schlechter als die Deutschen „Heil!“ brüllten.

Solche knöpften wir uns manchmal vor, und wenn es möglich war, übten wir Selbstjustiz.

Ich möchte Ihnen von einem weiteren Lager in Dwinsk [Stalag 340 Daugavpils] in Lettland schreiben. Zwei Erdhütten von 50 Meter Länge, bedeckt mit Brettern. Drinnen zu beiden Seiten zweistöckige Pritschen. Jeden Morgen kamen sie mit einem Karren ins Lager, die Toten wurden aus der Erdhütte getragen und auf den Karren gelegt. Einmal wurde der Karren aus irgendeinem Grund nicht weggeschafft und stand am Lagertor, bis der Wachposten das Tor öffnete. Einer der „Toten“ kroch vom Karren herunter. Dann kamen die Arbeiter, warfen ihn zurück auf den Karren und brachten ihn weg. Hinter dem Lager hoben sie eine Grube aus und warfen die Toten hinein. Wenn ich nicht zu einem Bauer gekommen wäre, hätten sie mich auch auf diesem Karren fortgeschafft.

So viele Jahre sind seitdem vergangen. Der Schmerz ist vergangen. Der ganze Krieg und einige Jahre danach waren ein einziger Schmerz. Ich passe immer auf, wenn im Fernsehen Deutschland gezeigt wird. Das Wetter in diesem Jahr gibt zum Beispiel keinen Anlass zur Freude. Ich habe mir große Sorgen gemacht, als der Tanker mit Schwefelsäure [im Rhein] gekentert ist. Aber sie werden ihn wohl bergen können.

Soweit für heute! Ich habe in den drei Jahren so viel durchlebt, das sind alles nur einzelne Episoden. Wenn ich kann, werde ich Ihnen noch mehr schreiben.

Bleiben Sie gesund, liebe Kameraden!

P. Moscharew.

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