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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

244. Freitagsbrief (vom April 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Nikolajewitsch Kalnin
Ukraine
Berditschew
Gebiet Shitomir.

An den Vorsitzenden I. M. Luschnik der internationalen Bürgerorganisation der Stiftung „Verständigung und Toleranz“.

Ich möchte hiermit versuchen, auf die Fragen von Marina Panikar zu antworten.

Ich selbst wurde nie verhaftet [gemeint ist die Zeit nach 1945]. Im Juli 1941 geriet ich infolge einer Verwundung in Gefangenschaft und war zuerst im Gefängnis von Luzk, dann im Konzentrationslager [Stalag] Nr. 319 A in Chelm. Das war das größte Lager auf polnischem Gebiet, in dem hunderttausende Kriegsgefangene ums Leben gekommen sind [*]. Es genügt wohl Folgendes zu sagen: obwohl die Toten gleich hinter dem Lagerzaun in eine Grube geworfen wurden, war der Lastwagen, mit dem die Leichen aus dem Lager transportiert wurden, den ganzen Tag unterwegs und schaffte trotzdem nicht alle Toten.

Am 28.6.1942 kamen einige Offiziere ins Lager und sonderten Gefangene aus – wer noch Lebenszeichen von sich gab, wurde aus dem Lager gebracht, die Restlichen trieben sie zum Sterben zurück in die Erdhütten.

Die abgesonderten Gefangenen wurden in einen Zug verladen und nach Hamburg gebracht. Dort verluden sie uns auf ein Schiff und brachten uns nach Norwegen, wo wir dann bis zum Tag der Kapitulation waren. Wir hatten vorher schon Gerüchte gehört, dass sie uns nach Norwegen bringen wollten. In Norwegen brachten sie uns nach Kirpines [Stalag 322 Kirkenes?] und führten uns in eine Flugzeughalle – das war unser Lager. In der Flugzeughalle standen Fässer aus Metall, die zum Heizen benutzt wurden.

Jeder suchte sich seinen Platz zum Schlafen, manche schliefen auf den blanken Holzpritschen, manche im Sitzen neben den Fässern. Es gab nichts, nicht einmal die elementarsten Dinge zum Leben. Die Kleidung, die ich trug, diente mir zugleich als Decke. Das Armeegeschirr nutzten wir sowohl zum Essen als auch als Gebrauchsgegenstand für alles.Wir mussten verschiedene Arbeiten ausführen: wir bauten einen Flugplatz, gruben Tunnel in den Bergen, arbeiten in der Holzverarbeitung und beim Entladen der Schiffe.

Was die Verpflegung betrifft, so merkten wir schon auf dem Schiff, dass sie sich geändert hatte. Statt Rübensuppe bekamen wir Grießsuppe – so etwas hatte ich genau ein Jahr nicht mehr zu Gesicht bekommen –, dazu gab es ein Stück Brot und einen Löffel Marmelade. Auch später war die Verpflegung so, nur bekamen wir manchmal anstelle der Marmelade einen Löffel Schmalz. Außerdem machte sich jeder von uns selbst etwas zu essen mit den Lebensmitteln, die man ergattern konnte, vor allem Mehl und Fisch. Das Mehl fiel beim Ausladen der Schiffe ab, Fisch sammelten wir am Ufer des Fjords. Wie aber kam der Fisch dorthin? Ganz einfach. In Norwegen gab es sehr viel Hering und Dorsch. Wenn die Dorsche auf einen Schwarm Heringe trafen, sprangen die Heringe, um ihnen zu entkommen, ans Ufer, die Dorsche hinterher – sie waren oft weit vom Wasser entfernt und schafften es nicht immer zurück ins Wasser. Das war dann unsere Beute. Manchmal waren die Fische noch frisch, manchmal bereits von Maden zersetzt, was uns aber nicht daran hinderte, sie zuzubereiten.Wir kamen ein wenig zu Kräften. In Chelm waren täglich Dutzende Menschen gestorben, hier gab es nur vereinzelte Tote, und auch das nicht jeden Tag.

In der ganzen Zeit in Norwegen haben wir weder Kleidung noch Schuhe bekommen. Wir beschafften sie uns von den Toten oder bekamen welche von den Norwegern, die uns bei allem sehr geholfen haben. Von einem kulturellen Leben konnte natürlich keine Rede sein, wer hätte sich darum kümmern sollen, wenn doch alle nur eine Sorge hatten: sich von Ungeziefer zu befreien und etwas zu essen finden, um zu überleben.

Es gab keinerlei Kontakt zwischen den Gefangenen und den Wachen. Im Lager gab es Gefangene aller damals in der UdSSR vertretenen Nationalitäten außer Juden.

Nach der Kapitulation wurde ich befreit und in die UdSSR gebracht, nach Murom bei Moskau, wo ich die staatliche Überprüfung durchlief und aufgrund von Invalidität im Dezember 1945 in die Reserve entlassen wurde. Ich habe keinen Kontakt zu anderen Kriegsgefangenen. Der Grund dafür ist folgender: meine Freunde sind nicht mehr am Leben und ich möchte nicht an das Durchlebte erinnert werden.

Mit freundlichen Grüßen,

W. N. Kalnin.

****

[*] Chelm, Stalag 319 A: Rund 20 000 Tote in den Sammelgräbern von Chelm sind identifiziert worden. Die genaue Zahl der dort gestorbenen sowjetischen Kriegsgefangenen ist unbekannt (E. Radczuweit).

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