Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

243. Freitagsbrief (vom Juli 2007, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Grigorij Arsenowitsch Bazura
Ukraine
Wichowez
Gebiet Chmelnizkij.

Sehr geehrte Damen und Herren!

Danke für Ihren Brief. Ich bin Ihnen sehr dankbar für Ihre Unterstützung. Ich will Ihnen von meinem Leben berichten. Ich bin schon 89 Jahre alt und habe in meinem Leben nichts Gutes gesehen.

1938 wurde ich in die Armee einberufen. Ich diente drei Jahre lang in der Armee, und als mein Dienst zu Ende war, begann der Krieg und ich konnte nicht nach Hause fahren. Vom ersten Tag des Krieges an musste ich kämpfen, diente in der zehnten Armee unter General Pawlow, er war ein Vaterlandsverräter, deshalb wurde er abgesetzt und Shukow wurde für ihn eingesetzt. Fast unsere ganze Armee geriet in Gefangenschaft. Bei Minsk wurden wir hinter Stacheldraht gesperrt, es wurden Wachen mit Hunden aufgestellt und keiner von uns kam mehr raus [Stalag 352]. Einige Fahrzeuge brachten Essen, eingelegten Fisch, den warfen sie in die Menge, wer etwas ergattern konnte, der hatte Glück. Aber Wasser gab es keins.

So saßen wir dort zwei Wochen in der Sonne, bis die ersten anfingen zu sterben. Dann brachten sie uns nach Deutschland in die Fabriken und Werke oder in verschiedene Lager. So war das damals, und ich kam zur Arbeit an der Bahnlinie. Dort erhielten wir Spinat [Rübenkraut] und Rüben zum Essen, […] aber die Arbeit war sehr schwer. Man gab uns 300g Brot, das zur Hälfte aus Sägemehl bestand. Ich arbeitete an den Bahnstationen Essen, Annaburg, Wittenberg und Milaig [?]. Ein Jahr lang beschäftigte man mich so. Einmal holten uns die Wachen von der Arbeit und stellten uns auf die Waage. Am wenigsten wog ein Gefangener mit 38 kg, manche Gefangene wogen 40–45 kg, zwei wogen 49 kg, einer 51 kg. Am nächsten Tag wurden wir in Autos verladen und in die große Stadt Essen gebracht ins Bergwerk. Im Bergwerk arbeitete ich elf Monate bis zu einem Unfall, es gab einen Einsturz im Schacht. Als sie mich endlich aus dem Schacht gezogen hatten, schnappte ich nach Luft wie ein Fisch ohne Wasser. Aber ich kam wieder zu mir und wurde zur Genesung ins Lager Hemer gebracht. Das Lager war in zwei Hälften geteilt. Ich war dort zwei Monate und kam ein wenig zu Kräften. Dann brachten sie mich wieder ins Bergwerk. Sie gaben uns Reagenzgläser, in die wir spucken mussten, um zu überprüfen, ob wir nicht tuberkulosekrank waren. Wer keine Tuberkulose hatte, kam ins Bergwerk, wer Tuberkulose hatte, der kam hinter Stacheldraht. Sie kamen dort in ein Haus für Sterbende. Ich selbst habe nicht in das Glas gespuckt, sondern es spuckte einer, der hinter Stacheldraht war und ich schrieb meinen Namen darauf. Als die Überprüfung zu Ende war, wurde ich ins Lager zu den Tuberkulosekranken gebracht. Der Deutsche, der sie bewachte, machte mich zu seinem Gehilfen und ich musste ihm helfen, das Essen zu machen.

[…] Als es kalt wurde, verteilten sie uns auf Bauern in verschiedenen Dörfern, bei denen wir arbeiten mussten. So bin ich am Leben geblieben und lebe bis heute. Als der Wachmann mich zum Bauern brachte, da sah der Bauer mich an und sagte zum Wachmann, der kann doch nicht arbeiten, der ist so mager. Der Bauer war ein kräftiger Mann von etwa 45 Jahren. Er sagte zu mir: Stell dich mal auf die Waage. Ich wog 38 kg. Der Bauer sagte zum Wachmann, das Mindestgewicht ist doch 45 kg, aber er wiegt nur 38 kg. Da sagte der Wachmann: Wenn er stirbt, dann vergräbst du ihn eben irgendwo. So habe ich dann bei diesem Bauern gearbeitet, bis der Krieg zu Ende war und wir von den Amerikanern befreit wurden.

Ich wollte noch davon schreiben, wie sie uns im Winter zum Waschen gebracht haben. Wir mussten uns in einem Raum nackt ausziehen, das Waschhaus war aber in einem anderen Gebäude, und draußen waren Minusgrade. Sei trieben uns also ins Waschhaus, drehten warmes Wasser auf, dann spritzen sie uns mit kaltem Wasser aus dem Schlauch ab, und danach trieben sie uns wieder raus, nackt und barfuß rannten wir zurück in das Gebäude, in dem wir uns ausgezogen hatten. So wurden wir schikaniert und gefoltert.

Damit möchte ich meinen Brief beenden, verehrte Herren, ich könnte noch viel schreiben, es gab so viel Leid. Ich danke Gott, dass er mir die Kraft gegeben hat, diese schwere Zeit zu überstehen.

Danke für die Unterstützung. Gott gebe Ihnen Gesundheit. Leider kann ich nicht gut schreiben, meine Hände zittern. Bleiben Sie gesund.

Grigorij Arsenjewitsch Bazura.

Wir warten auf Ihre Antwort.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.