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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

242. Freitagsbrief (vom Februar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Iwan Iwanowitsch Petrow
Russland
Komsomolskij
Republik Dagestan.

[…] Wie ich in Ihrem Rundschreiben bemerkte, interessieren Sie sich dafür, was ich im Lager gegessen habe und womit. Hier ist meine Antwort:

Am Anfang im Lager in Saporoshje bekamen wir zum Essen Balanda [*], ich kann Ihnen nicht sagen, woraus sie gekocht war. Es gab nichts, weder Löffel noch Tassen noch Schüsseln. Jeder nahm mit dem, was er hatte oder fand, seine Portion Balanda entgegen. Ich zum Beispiel nahm meine Mütze, stülpte sie um und aß dann aus ihr. Andere ließen sich das Essen in den Schoß ihres Mantels schütten und schaufelten es dann mit der Hand in den Mund. Nach einiger Zeit begannen sie uns in einer Kolonne zur Arbeit zu führen. Auf dem Weg lagen leere Konservenbüchsen herum, ich sammelte sie auf und machte dann im Lager daraus Schüsseln und Löffel. Sehr viele Gefangene bestellten diese bei mir, und ich bekam dann dafür ein Viertel ihrer Essensration. Außerdem tauschte ich meine Schuhe gegen Essen ein und ging von da an barfuß. Deshalb schnitt ich meine Mantelschöße ab und nähte mir daraus weiche Schuhe. Ich hatte Nadel und Faden in meiner Mütze versteckt, sie waren von meinem Gürtel – wir hatten damals Gürtel, die man mit einem Faden enger oder weiter machen konnte. All das nahm ich dann mit nach Mauthausen. Natürlich war das alles schmutzig, aber wir mussten ja irgendwie essen. Ich hätte damals als Topfmacher oder Topfflicker arbeiten können. Ich konnte Eimer herstellen und verschiedenes Geschirr flicken.

Was die Untergrundbewegung anbetrifft, so war das eine gefährliche Sache. Wenn mehr als drei Personen sich versammelten, wurden sie zu Tode geprügelt. Es gab Gerüchte, dass es irgendwo im Lager eine Untergrundorganisation gab, aber darüber durfte man nicht offen sprechen, überall hörte jemand mit.

Die Gefangenen hatten ein Kartenspiel. Die passionierten Spieler saßen Tag und Nacht beim Spielen, aber sie wurden auseinandergetrieben. Wir hatten nichts zu tun, hingen herum und jeder versuchte sich irgendetwas auszudenken, Witze oder irgendwelche Geschichten. Ich war jung, spitzte immer die Ohren, wenn jemand etwas Interessantes erzählte oder es Neuigkeiten gab. Aber es war trotzdem langweilig.

Sehr geehrter Eberhard, bitte entschuldigen Sie, dass ich so schlecht schreibe. Ich hatte einen leichten Schlaganfall, aber es scheint jetzt wieder in Ordnung zu sein. Ich war im Krankenhaus. Ich weiß nicht, wie es weiter sein wird, ich versuche, mich bei Kräften zu halten. Aber meine Kräfte lassen nach.

[…] Ich freue mich auf weitere Neuigkeiten von Ihnen und wünsche Ihnen viel Freude und alles Gute.

I. Petrow.

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[*] „Balanda“ = Gefängnissuppe.

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