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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

241. Freitagsbrief (vom Februar 2011, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Jewdokim Andrejewitsch Lopatin
Russland.

(…) Ich bin von Herzen gerührt von Eurer Aufmerksamkeit. Ich war sehr verwundert, dass man über uns ehemalige Kriegsgefangene öffentlich spricht und sich erinnert, weil dieses Thema bei uns für viele Jahre verschwiegen wurde.

Jetzt sind die Archive schon nicht mehr geheim, und das Verhältnis zu uns ehemaligen Kriegsgefangenen ist revidiert. Wir können schon ohne Furcht vor irgendjemandem und irgendetwas selbst über uns berichten. Wir sind nur noch wenige und man möchte, dass alles, was in jenen Kriegsjahren geschah, nicht dem Vergessen anheim fällt, denn das war unsere Geschichte und in ihr darf es keine weißen Flecken geben. Sie haben recht, dass die Jugend dies für die gesamte friedliche Zukunft braucht.

Ich wurde am 15. August 1921 im Dorf Weretenewka Gebiet Woronesh geboren, beendete die Schule und wurde 1940 in die Armee eingezogen. Ich begann meinen Dienst in Usbekistan. Dort habe ich die Sergeantenschule abgeschlossen. Im selben Jahr wurde unser Artillerieregiment in den Iran verlegt, weil das ein strategisches Gebiet für den Zugang zum Kaspischen Erdöl war. Als 1941 Hitlerdeutschland die UdSSR überfiel, wurde unsere Truppe wieder nach Usbekistan verlegt und von dort näher an die Front. Hier kämpfte ich im bekannten Artillerieregiment 271 als Geschützführer, unser Regiment wurde in die Nähe von Charkow verlegt.

Im Mai 1942 fanden im Bereich der Station Losowaja bei Charkow erbitterte Kämpfe statt. Unsere Kräfte erwiesen sich als zu schwach, die gut vorbereitete deutsche Armee kreiste uns von allen Seiten ein, der Kreis wurde geschlossen und wir saßen im „Kessel“. Hier wurden wir auch gefangen genommen. In Gefangenschaft gerieten drei Armeen mit insgesamt um die 250 000 Mann. Im Kampf erhielt ich eine Splitterverwundung der rechten Wange. Wir wurden als eine vieltausendköpfige Menge vorangetrieben. Ich erinnere mich an eine sumpfige Gegend, wo wir uns befanden, um von dort zu Fuß einige Wochen in Richtung Polen zu laufen. Unterwegs gab es keine Verpflegung, wir überlebten jeder, wie er konnte, in den Ortschaften warfen manchmal die Einwohner etwas zu essen in die Menge. In Polen geriet ich in ein Durchgangslager im Gebiet der Stadt Ostrow-Komarow [Stalag 333]. Ins Lagergelände wurde Rote Bete gebracht, die Menschen haben sie gegriffen und gegessen. Nach einigen Tagen wurden wir in die Hafenstadt Danzig gebracht, auf ein Schiff geladen und wir schwammen in Richtung Norwegen. Alle Gefangenen befanden sich unter Deck, unterwegs griffen Flugzeuge an und warfen viele Bomben ab. Waren das deutsche oder russische Piloten? Niemand wusste es.

Wir kamen in der Stadt Kirkenes an. Man brachte uns auf dem Flugplatz im Flugzeughangar unter, wo man Sägespäne auf den Boden geschüttet hatte, darauf haben wir geschlafen. Haben uns selbst Baracken gebaut in Form von Erdhütten mit einem Holzdach, das mit Torf gedeckt wurde. Die Verpflegung bestand in der Hauptsache aus Abfällen (verdorbenes Mehl, Gedärme von Tieren, verfaulte Fischköpfe). Die Todesrate war hoch, jeden Tag gab es Tote, die Leichen wurden auf Tragen weggebracht und in eine Baugrube gekippt. Wir arbeiteten im wesentlichen für den Betrieb des Luftwaffenflugplatzes. Die Bewachung bestand aus Deutschen und Österreichern. Viele Gefangene beschäftigten sich im Lager mit der Herstellung von Holzgegenständen, aus norwegischen Münzen mit Wappen machte man Petschaften und Ringe, es wurden Zigarettenetuis gemacht, manchmal war die Wache gnädig und ließ einige Kriegsgefangene zu den Kasernen der Piloten der Luftwaffe, wo wir unsere Erzeugnisse gegen Brot und Zigaretten tauschen konnten. Nach zwei Jahren wurde ein Teil der Gefangenen, darunter auch ich, in die Hafenstadt Tromsö gebracht, wo wir Schiffe entluden und andere Arbeiten machten.

Im Mai 1945 wachten wir eines Morgens auf und stellten fest, dass die Wachmannschaft weg ist und auf dem Gelände des Lagers amerikanische Offiziere und Vertreter der UdSSR waren, so kam die Befreiung … Über Schweden wurden wir in die Heimat geschickt. Die Heimat begrüßte uns nicht freundlich, alle befreiten Kriegsgefangenen gerieten in Überprüfungslager. Meine Überprüfung fand in der Stadt Suslonger in der ASSR der Marij [Wolgagebiet] statt, viele kamen in Konzentrationslager in der UdSSR, ein Teil wurde nach Hause geschickt, ein anderer Teil wurde zum weiteren Dienst kommandiert, darunter auch ich …

1946 wurde mein Jahrgang demobilisiert und ich kehrte in heimatliche Gefilde zurück. Bald heiratete ich, mit meiner Frau lebten wir 54 Jahre zusammen, wir haben zwei Söhne, zwei Enkel und einen Urenkel. Dieses Jahr werde ich 90, im Leben habe ich viel erlebt, manches war freudvoll, manches traurig, aber die Zeit, die ich in der Gefangenschaft verbracht habe, bleibt für immer in meinem Gedächtnis.

Ihnen liebe Freunde Dank für die Dinge, die Sie machen, danke für das Geld, das von Einwohnern Ihres Landes gespendet wurde. Für die Summe, die Sie gespendet haben, konnte mein Enkel eine teilweise Reparatur im Hause machen und eine neue automatische Waschmaschine kaufen. Ihnen allen und den Einwohnern Deutschlands Gesundheit, Glück, Wohlstand in den Familien, einen friedlichen Himmel.

Hochachtungsvoll Veteran des Krieges, Veteran der Arbeit, der ehemalige Kriegsgefangene Lopatin Jewdokim Andrejewitsch …

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