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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

240. Freitagsbrief (vom Januar 2011, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wladimir Pawlowitsch Chodarew
Russland
Kemerowo.

(…) Wie ich Ihnen in meinem letzten Brief versprochen habe, möchte ich etwas genauer von einigen Begegnungen und Vorfällen aus meinen Kriegsjahren und der Zeit in der Nazi-Gefangenschaft berichten, wodurch man sich, wie mir scheint, die Lebensbedingungen und die Beziehungen zwischen verschiedenen Menschen in dieser Zeit besser vorstellen kann.

Ich wurde im Oktober 1941 in Dsershinsk in der Ukraine in die Sowjetische Armee einberufen. Ich war damals 18 Jahre alt, hatte gerade das erste Studienjahr am Geologischen Institut in Moskau beendet und war in den Ferien bei meinen Eltern, wo ich kurzzeitig als technischer Zeichner im Kohlebergwerk arbeitete.

Meinen Armeedienst begann ich in der Funkerschule in Tatkargala im Gebiet Orenburg. Unser Land war zu der Zeit in einer schwierigen Lage. Es war auf einen Krieg nicht vorbereitet. Viele Produktionslinien und Transportwege waren nach Kriegsbeginn zerstört worden. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Kleidung und Schuhen sowie die öffentlichen Verkehrsmittel funktionierten unregelmäßig und waren unzureichend. Das mussten wir am eigenen Leib erfahren, als wir uns an unseren Bestimmungsort begaben, und danach während der Ausbildung an der Militärschule in Tatkargala. Wir brauchten mit dem Zug ziemlich lange, um Orenburg zu erreichen, weil der Zug unzählige Male außerplanmäßig hielt, und von Orenburg nach Tatkargala (etwa 50 km) fuhren wir auf offenen Lastwagen, in leichter Herbstkleidung. Zu der Zeit fiel bereits Schnee, es herrschte Frost und war windig. Deshalb trafen einige von uns mit Erfrierungen an unserem Bestimmungsort ein.

Ich war bis März 1942 in der Militärschule. Das Leben während der Ausbildung war hart. Da es nicht genug Brennholz und Kohle gab, wurden die Schulräume schlecht beheizt und wir schliefen oft in unserer Kleidung. Die Versorgung mit Essen war nicht ausreichend. Wir trugen weiter die eigenen Sachen, unsere Herbstkleidung. Erst als wir an die Front geschickt werden sollten, bekamen wir warme Kleidung und ein gutes Essen.

Im März 1942 kam ich zur Armee an die Westfront, als Schütze und Fernsprecher der Stabsbatterie einer Schützendivision. Die Division war in der Nähe der Bahnstation Schtschigry stationiert, östlich von Kursk. Hier fand meine erste Begegnung mit dem Krieg statt.

Die Siedlung an der Bahnstation, an der wir aus dem Zug ausstiegen, war fast gänzlich zerstört und in Schutt und Asche gelegt – zweimal war die Frontlinie hier verlaufen. Nur an wenigen Stellen fanden sich provisorische Erdhütten, bei denen manchmal überlebende Bewohner der Siedlung zu sehen waren. Als unsere Kolonne an einer dieser Erdhütten vorbeizog, sahen wir, dass sie in Rauch gehüllt war und eine weinende Frau davor herumlief. Sie bat uns ihr zu helfen, ihre kleine Tochter zu retten. Sei selbst traute sich nicht, in die Hütte hineinzugehen. Da trat plötzlich ein Soldaten aus der Kolonne, er hatte einen Regenumhang in der Hand, den er am nächsten Brunnen nass machte, dann warf er ihn sich über und ging schnell in die rauchende Hütte. Bald darauf kam er mit dem Mädchen auf den Armen wieder heraus, gab es der weinenden Mutter und kehrte zur Kolonne zurück. Die mutige Tat dieses Soldaten machte auf mich, den achtzehnjährigen Jungen, und auf die anderen Soldaten einen starken Eindruck. Wir hielten ihn für einen Helden und verspürten unwillkürlich Stolz auf diesen Soldaten.

Von März bis Juli 1942 befand ich mich mit meinem Regiment in der Gegend um Kursk. Im Juli 1942, während des Sommervorstoßes der deutschen Truppen auf Woronesh, geriet ich zusammen mit den abrückenden sowjetischen Truppen zuerst in einen Kessel und dann, beim Versuch den Don zu überqueren, in Gefangenschaft. Bis Dezember 1942 war ich in verschiedenen Lagern für sowjetische Kriegsgefangene auf dem besetzten Gebiet der UdSSR.

Im Dezember 1942 wurde ich zur Zwangsarbeit nach Westdeutschland deportiert, nach Ludwigshafen, wo ich zwei Wochen lang in einem Pumpenwerk arbeitete, danach in einer Fabrik, in der Fässer hergestellt wurden. In der Fässerfabrik arbeitete neben den sowjetischen Kriegsgefangenen eine kleine Gruppe Kriegsgefangener der französischen Armee. Unter ihnen war Wassilij P., ein russischer Emigrant von 1917, Sohn eines ehemaligen sibirischen Gouverneurs, der in Paris eine Schuhfabrik besaß. Er war der erste Kapitalist, dem ich in meinem Leben begegnete. Wir lernten einander kennen, als wir einmal zusammen leere Fässer in einen Eisenbahnwaggon verladen mussten. Er war groß und gut gebaut, sprach Deutsch und Französisch, weshalb er in unserer und in der französischen Gruppe Gefangener oft als Dolmetscher eingesetzt wurde. Wassilij arbeitete als LKW-Fahrer ohne Aufsicht und half den sowjetischen Kriegsgefangenen, so gut er konnte. Manchmal brachte er uns Lebensmittel von den Franzosen. Mehrmals sagte er uns, dass er nach Kriegsende unbedingt in die Sowjetunion zurückkehren würde.

Wassilij und ich freundeten uns an. Einmal vereinbarten wir, dass er mir eine Schüssel Suppe bringen und sie auf dem Trittbrett seines Wagens für mich stehen lassen würde. Zur vereinbarten Zeit ging ich zum LKW und begann, die Suppe zu essen. Da trat eine ältere unbekannte Deutsche zu mir, sie sagte, dass es ungesund sei, die Suppe kalt zu essen und bot mir an, sie für mich aufzuwärmen. Ich dankte der Frau, nahm das Angebot aber nicht an aus Angst, damit Wassilij in Gefahr zu bringen. Die Frau ging fort. Unsere Begegnung war kurz, aber diese Frau ist mir für immer im Gedächtnis geblieben. Wenn ich mich an sie zurückerinnere, dann empfinde ich große Achtung vor dieser deutschen Frau, wie vor einer gütigen und sorgenden Mutter. Und Wassilij P. ist mir für immer als wahrer russischer Patriot in Erinnerung geblieben und nicht als guter Kapitalist.

Im März 1943 erkrankte ich schwer an einer Lymphknotenentzündung und kam ins Lagerlazarett für sowjetische Kriegsgefangene. Das Lager befand sich in der Nähe von Homburg im Saarland, ich war dort bis zur Befreiung aus der Gefangenschaft. Im Lagerlazarett wurden wir von polnischen Ärzten behandelt. Sie meinten es gut mit den sowjetischen Kriegsgefangenen und halfen ihnen, wie sie konnten. Den Schwerkranken, die keinerlei medizinische Hilfe bekamen, gaben sie normalerweise das Brot, das sie übrig hatten und andere Lebensmittel, teilten mit ihnen die Lebensmittelpakete vom Internationalen Roten Kreuz.

Das Lagerlazarett war nicht weit von einem großen deutschen Lazarett entfernt, das aus 26 Gebäudekomplexen bestand. Die arbeitsfähigen sowjetischen Kriegsgefangenen im Lagerlazarett übernahmen oft verschiedene Arbeiten im deutschen Lazarett. Dafür bekamen sie eine zusätzliche warme Mahlzeit oder irgendwelche Lebensmittel. Deshalb versuchten die meisten Gefangenen, zum Arbeitseinsatz in dieses Lazarett zu kommen. Ich habe auch manchmal dort gearbeitet. Ich malte große rote Kreuze auf die Dächer der Lazarettgebäude, ich war Gehilfe beim Heizer im Heizraum des Lazaretts usw.

Im Heizraum habe ich auch Kohlen vom Kohlelager zu den Öfen gekarrt und die Kohlen durch spezielle Luken in die Öfen geschüttet. Der Heizer war ein Deutscher mittleren Alters, gutmütig und aufmerksam. Er wurde mir gegenüber niemals laut. Wir verstanden uns gut. Manchmal bot er mir von seinem Mittagessen an. Er ist mir für immer als einfacher und ehrlicher deutscher Arbeiter in Erinnerung geblieben.

Am 20.3.1945 wurde ich von amerikanischen Truppen aus der deutschen Gefangenschaft befreit. Die Befreiung verlief folgendermaßen: Am Abend des 19.2.1945 flog die alliierte Luftwaffe einen massiven Luftangriff auf deutsche Truppen um Homburg und am Morgen des 20.3.1945 wurde die Stadt von amerikanischen Truppen besetzt. An diesem Morgen sahen wir keinen Wachsoldaten mehr am Lagertor, und auch die anderen Soldaten, die das Lager bewachten, waren nicht mehr da. Auf der Straße, die am Lager vorbeiführte, standen Posten, Soldaten der US-Armee. Für uns sowjetische Kriegsgefangene war dieser Tag ein großes Fest, der freudige Tag der Befreiung aus langer und schwerer Gefangenschaft. Für mich ist dieser Tag wie ein zweiter Geburtstag.

Am Abend des 20.3.1945 stattete eine kleine Gruppe amerikanischer Soldaten und Offiziere unserem Lagerlazarett einen Besuch ab. Sie beglückwünschten uns zur Befreiung aus der Gefangenschaft und wir begingen dieses freudige Ereignis mit einem gemeinsamen Festessen.

Ein paar Tage später hatten wir eine weitere denkwürdige Begegnung mit amerikanischen Soldaten, als wir gemeinsam einen Waldbrand in der Nähe eines großen deutschen Munitionsdepots nicht weit von Homburg löschten. Nachdem das Feuer gelöscht war, luden uns die Amerikaner zu sich ein, bewirteten uns mit einem üppigen und leckeren Essen und schenkten jedem von uns einen Armeelöffel. Diesen Löffel benutze ich bis heute. Er ist schon an einigen Stellen abgerieben und verbogen, aber er ist mir teuer als Erinnerungsstück an meine Befreiung aus der Gefangenschaft durch amerikanische Soldaten und an die schöne Begegnung mit ihnen.

Im August 1945 wurde ich nach der Repatriierung und einer speziellen Überprüfung wieder in die Sowjetische Armee einberufen und im Dezember 1945 wurde ich, da ich Student war, aus dem Armeedienst entlassen, um mein Studium fortführen zu können. Ich studierte weiter am Geologischen Institut in Moskau, schloss es 1951 ab. Von meinem Leben nach Abschluss des Studiums bis heute habe ich Ihnen schon in meinem Brief vom 3.11.2010 in Kürze berichtet, weshalb ich mich an dieser Stelle nicht wiederholen möchte.

Zum Abschluss meines Briefes möchte ich Ihnen das Allerbeste wünschen! Bleiben Sie gesund und glücklich! Viel Erfolg bei Ihren wichtigen Projekten. Wenn dieser Brief Ihnen bei Ihrer Arbeit auf irgendeine Weise helfen konnte, lassen Sie es mich wissen, ich würde mich sehr freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

W. P. Chodarew

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