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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

239. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Wasilij Fjodorowitsch Sebchow
Russland
Sergino
Gebiet Astrachan.

(…) Ich, Wasilij Fjodorowitsch Sebchow, wurde am 20.12.1921 im Gebiet Woronesh geboren. 1940 wurde ich zum Dienst in der Roten Armee einberufen und leistete meinen Armeedienst im Wehrkreis Sabajakalsk auf mongolischem Territorium.

Ich habe Ihren Brief bekommen und ich möchte Ihnen und Ihrem Verein sehr für die wichtige Arbeit danken, die Sie tun, und vor allem dafür, dass Sie die Erinnerung an das Schreckliche wachhalten, das die Menschen auf der ganzen Welt und natürlich die Völker der Sowjetunion damals durchleben mussten. Auch die einfachen Bürger Deutschlands mussten viel Leid erfahren. Die Hauptschuld für alles lastet auf den Führern [*], den Nazis, die diesen blutigen Krieg angezettelt haben, der Millionen Menschen das Leben gekostet hat. […]

Am 17.10.1941 wurde unsere Einheit aus der Mongolei abgezogen und kam an die Front bei Moskau, wo wir in der Nacht die Landwehr an der Wolokalamsk-Moshajsk-Front ablösten. Später wurden wir bei der Verteidigung der Minsker Landstraße eingesetzt, und so weiter, immer an den schwierigsten Abschnitten. Im April 1942 kamen wir nach Woronesh und im August 1942 dann nach Stalingrad, wo eine riesige deutsche Armee den Angriff führte, die unseren Streitkräften in der Ausstattung weit überlegen war. Unsere Truppen waren schlecht bewaffnet, es fehlte sogar an Munition für die Karabiner. Unser Regiment hielt am Rand der Siedlung Karpowka die Verteidigungsstellung, wir warteten darauf, Nachschub an Munition zu bekommen, der aber nicht eintraf. So wurden wir von den Deutschen eingeschlossen, der Rückzug war abgeschnitten, und sie fuhren Dutzende Panzer und schwer bewaffnete MG-Schützen gegen uns auf. Und am 8. September 1942 begann für mich das schreckliche Leben in der Gefangenschaft, wenn man das überhaupt Leben nennen kann – Tag und Nacht Quälerei, Demütigungen, Schläge und Schwerstarbeit unter den Mündungen der Maschinengewehre. All das war viel schlimmer als die Front, und die Gefangenen dachten sich oft, sie wären lieber im Kampf gefallen als solche Foltern erleben zu müssen. Die Deutschen trieben mehrere Tausend Gefangene zusammen und trieben uns zu Fuß nach Tscheschnensk, von dort weiter nach Nikopol am Dnjepr, wo wir in den Manganerzwerken arbeiten mussten und wo wir fast nichts zu essen bekamen. Ich habe mit eigenen Augen tausende erschossene Juden in der Schlucht von Nikopol gesehen, es hieß, es waren mehr als 12 000, und daneben lagen Haufen von Kleidung und Schuhen, darunter sehr viele von Kindern.

Im März 1943 wurden wir dann weiter nach Saporoshje getrieben in ein Todeslager [Stalag 397], dort mussten wir Steine schleppen und ein zerstörtes Wasserkraftwerk wiederaufbauen. In diesem Lager sind tausende Gefangene an Typhus gestorben. Ich bin mit zwei anderen aus dem Lager geflohen, nach drei Tagen erwischten sie uns und wir wurden brutal verprügelt. Sie wollten uns erschießen, aber ein älterer Deutscher mischte sich ein und ließ nicht zu, dass die Polizaj uns erschossen. Bei der Polizaj waren vor allem Ukrainer und sie wollten sich bei den Deutschen immer lieb Kind machen und behandelten die Gefangenen sehr brutal.

Ich musste meine Kameraden und Freunde zu Grabe tragen, wog selbst bei einer Größe von 1,79 m nur noch 42 kg. Die an Flecktyphus erkrankten Gefangenen bekamen aus irgendeinem Grund gekochte Tomaten zu Essen, anscheinend sollten sie so schnell wie möglich sterben. Wir schliefen dort, wo wir Platz fanden, unter freiem Himmel oder auf dem Zementfußboden, wir hatten keine Stiefel, kaum Kleidung, trugen Holzpantinen ohne Socken bei minus 15-20 Grad.

Später wurden wir zum Durchgangslager Nr. 320 [?] im Bezirk Krasnoarmejskij, Gebiet Nikolajew getrieben, von dort wurden wir weiter nach Polen gebracht in den Ort Lawragut [Landeshut/Schlesien?], wo wir im Bergwerk arbeiten mussten, zu essen gab es praktisch nichts, und wenn man die Vorgaben nicht schaffte, wurde man brutal geschlagen. Wir blieben dort bis zum 23.1.1945, dann trieben sie uns durch die Tschechoslowakei nach Deutschland. Wer nicht gehen konnte, wer krank war und hinter den anderen zurückblieb, auf den hetzten die Nazis ihre Hunde und dann erschossen sie ihn. Bei der Stadt Ulm [Stalag VIIB Memmingen?] waren wir in einem riesigen Lager zusammen mit Franzosen, Amerikanern und anderen Soldaten aus den Staaten der Anti-Hitler-Koalition. Eines Tages wurden wir alle eilig an der Bahnstation Ulm in Güterwaggons verfrachtet, dann wurde die Station von den Amerikanern bombardiert, eine Bombe traf den Waggon und sofort starben mehrere hundert Gefangene. In unserem Waggon gab es ein Loch, durch das sich ein kleiner, magerer Gefangener zwängte, dann öffnete er unseren Waggon und wir rannten alle los, um die anderen Waggons zu öffnen. Die Wachen waren abgehauen und in den Schutzräumen in Deckung gegangen. Irgendwo fanden wir ein weißes Laken und fingen an, es hin und her zu schwenken, im gleichen Moment flog ein Flugzeug ganz niedrig über uns hinweg, so niedrig, dass wir den dunkelhäutigen Piloten erkennen konnten. Offensichtlich meldete er alles an die anderen, denn sie hörten auf, die Station zu bombardieren. Ich werde diesem Piloten immer dankbar sein, denn er hat tausenden Gefangenen das Leben gerettet. Die Nazis wollten uns mithilfe der amerikanischen Soldaten vernichten, aber das Schicksal wollte es anders. In der Gegend von Gipengen [Göppingen] wurden wir von amerikanischen Truppen befreit und auf dem Flugplatz Dessau [?] untergebracht. Als wir aus Polen kamen, bestand unser Kommando aus 800 Personen, aber als wir auf dem Flugplatz durchgezählt wurden, kamen wir nur noch auf 200 Überlebende.

Anfang Juni 1945 wurden wir nach Berlin gebracht, in die Zone, wo die sowjetischen Truppen stationiert waren. Dort wurden wir von der Spionageabwehr überprüft, und alle ehemaligen Gefangenen, die sich nichts hatten zuschulden kommen lassen, blieben in der Armee, um ihren Armeedienst zu Ende abzuleisten, die älteren Jahrgänge durften in die Heimat fahren. Ich habe bis November 1945 in Berlin gedient, dann kam ich nach Russland und 1946 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Während meines Dienstes in Deutschland halfen wir den deutschen Kindern und alten Menschen, wir versorgten sie mit Lebensmitteln, sie trugen ja keine Schuld daran, dass dieser blutige Krieg angezettelt worden war.

Es ist unmöglich, alles in einem Brief zu erzählen, ich kann nur einzelne Episoden schildern.

Sehr geehrte Mitglieder des Vereins „Kontakte“, ich habe nicht mehr viel Zeit zum Leben, aber ich bitte Sie, einen unermüdlichen Kampf gegen die Neonazis zu führen, gegen die Menschen, die die Geschichte umschreiben wollen und aus den baltischen und ukrainischen SS-Leuten „Helden“ machen wollen – dabei sind unter ihren Händen tausende völlig unschuldige Menschen gestorben, und wenn sie Gefangene in die Finger bekamen, dann töteten sie sie normalerweise.

Bitte kämpfen Sie weiter für Frieden und Völkerfreundschaft, die Menschheit wird es Ihnen danken.

Diesen Brief hat nach meinen Worten … [Brief (letzte Seite Kopie) bricht an dieser Stelle ab].

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[*] „Führern“ – Deutsch geschrieben.

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