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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

238. Freitagsbrief (vom Dezember 2010, aus dem Russischen von Dr. Martin Creutzburg).

Iwan Fadejewitsch Tarachow
Russland
Kreis Altai (Sibirien).

Ich, Tarachow, Iwan Fadejewitsch wurde am 21. Dezember 1922 in der Siedlung „Kuleschowski“, Nowitschichinsker Rayon, Altaigebiet geboren. Ich absolvierte 8 Klassen der Solonowsker Mittelschule. Begann im Kolchos „Rawnina“ als Landarbeiter zu arbeiten.

Am 22. Juni 1941 begann der Krieg. Zu diesem Zeitpunkt befand ich mich am Sammelpunkt, wo die Vorbereitung der zum Dienst in der Armee Einberufenen stattfand. Wir führten ein Meeting im Zentrum von Nowitschicha durch und uns 18 Mann schickte man nach Hause, um uns von den Verwandten zu verabschieden und zu packen. Am Morgen des 23. Juni erhielt ich den Einberufungsbefehl und ein Brot. Die Sachen wurden auf ein Pferdefuhrwerk gelegt und wir 18 Mann liefen zu Fuß zum Bahnhof von Pospelicha. Alle Burschen waren aus dem Dorf und Jahrgang 1922.

In Ischim wurde die 229. Schützendivision zusammengestellt. Dort gab man uns Winterbekleidung: Pelzjacken, Strickjacken, warme Wäsche. Am 5. Dezember 1941 wurden wir in die Stadt Skopin Gebiet Rjasan geschickt (südlich von Moskau). Zu diesem Zeitpunkt gab es dort einen Durchbruch der Deutschen, die Stadt war 2 Tage lang vom Feind besetzt. Aus der Bewegung eroberten wir Skopin zurück. In der Schützendivision gab es praktisch keine Offiziere, deshalb wurden alle, die die Ausbildung in Abakan abgeschlossen hatten, als Kompanie-, Bataillonskommandeuren, Zugführern eingesetzt. Ich wurde Kommandeur eines Schützenbataillons (4 Kompanien zu 250 Mann). Danach, als aus den Lazaretten die wiedergenesenen Offizierskader kamen, wurden wir abgelöst. Als Bewaffnung hatte ich einen Karabiner direkt von der Drehbank. Er war ein „Rohling“, nach 10 bis 15 Schuss ging das Schloss nicht mehr auf. Man musste ihn ständig auseinandernehmen und putzen. Die Schützengräben haben wir selbst ausgehoben. Es gab viel Schnee, strenge Fröste, sogar für uns Sibirier war es sehr schwierig.

Bei Moskau waren wir bis zum April 1942. Als die Deutschen 150 bis 200 km von Moskau zurückgeworfen worden waren, wurde die Division aufgefüllt und von der Zentralfront an die Steppenfront bei Stalingrad geschickt. Wir wurden im Kreml von Gorki aufmunitioniert und schleppten alles bis nach Millerowo (400 km). Pro Tag eine Fahrt hin und zurück. Leer sind wir nie gefahren, transportierten Lebensmittel, Munition, zurück Verwundete. Die Straßen waren zerstört, ständige Flugzeugangriffe, Beschuss. Die Flugzeuge jagten manchmal einzelnen Autos hinterher, sogar einzelnen Soldaten. Das Gelände war offen, deshalb fuhren wir oft nachts. Die Deutschen näherten sich sehr schnell, heftig. Die Orientierung war sehr schwierig. Deshalb geriet ich im August 1942 in einen Kessel. Ich war plötzlich 150 km im Hinterland. Das war an der Farm Nr. 4 am Ufer des Flusses Liska. […] Solange ich konnte fuhren wir, bis das Benzin alle war. Ringsum nur Steppe und tiefe Schluchten. Der Name der Schlucht – Mühlenschlucht, 30 m tief. In dieser Schlucht sammelten sich etwa 80 Mann. Erwarteten die Nacht und beschlossen, uns nach Osten durchzuschlagen. Im Morgengrauen schnitt ein Soldat einen Draht durch, und die Nachrichtensoldaten bemerkten unseren Ausbruch und umringten uns bei Sonnenaufgang. Hunde, Schießerei. Um 11 Uhr kamen die Deutschen näher und nahmen uns gefangen. Sie kreisten uns ein und führten uns als Kolonne in die Staniza Bokowskaja, wo sich schon über 1000 Gefangene befanden, alle wurden weiter nach Millerowo gejagt. Dort umzäunten die Deutschen eine tiefe Schlucht mit Stacheldraht, die von Maschinenpistolen-Schützen und Hunden bewacht wurde. Mit Löffeln gruben wir uns Liegeplätze. Auf 7 Mann kam ein Soldatenmantel. Alle hielten sich aneinander, um sich mit dem Mantel zu bedecken. Wir wurden zur Arbeit in den Rayon Kanewsk zum Holzeinschlag gejagt, wir sägten Ulmen, Eichen, Espen, Birken in metergroße Stücke. So ging das 1,5 Monate lang, dann wurden wir nach Belaja Zerkow [Stalag 334] gebracht. Dort war mit uns in Gefangenschaft etwa eine Woche lang der Sohn von Molotow, dann wurde er von uns getrennt und irgendwohin weggebracht. Sein Schicksal ist mir nicht bekannt. In Belaja Zerkow hielt man uns in einer alten Schule gefangen, die man mit Draht umzäunte. Die gleiche Bewachung und Holzeinschlag. Die Verpflegung erfolgte auf Kosten der Bevölkerung. Vor Auszehrung und der Arbeit hielten sich die Leute kaum aufrecht, viele starben.

Im Oktober 1942 wurden die Überlebenden in Waggons geladen und in die Stadt Rowno in der Ukraine [Stalag 360] gebracht. Man hielt uns in alten Pferdeställen gefangen. Es war kalt, saßen hinter Draht unter Bewachung der Deutschen und von Polizaj [Kollaborateure unter den Gefangenen]. Wir hielten uns in Gruppen zusammen und bemühten uns beieinander zu bleiben. Insgesamt waren im Lager um die 6000 Mann. In Rowno blieben wir bis Januar 1943. Es überlebten in diesem Lager nur wenige. Die Überlebenden wurden in Militärzüge verfrachtet und nach Deutschland gebracht ins Lager Damsdorf [Stalag VIII F (318)] unweit von Breslau und Oppeln. Das Lager war mit fertigen Baracken und 4-stöckigen Pritschen ausgestattet. In einer Baracke lebten 60 Mann. Um uns zu erwärmen legten wir uns dicht an dicht, aber zum Morgen war es schon leerer. Vor den Türen wurden die Toten auf Wagen geladen. Das Lager wurde von Deutschen bewacht. Verpflegt wurden wir mit Wassersuppe – in ein 200-Liter Fass wurde ein Eimer Kartoffeln und rote Bete-Silage oder Steckrübe hineingeschüttet.

Die Schutthaufen zu beseitigen war unsere Arbeit. Zu dieser Zeit bombardierten die Engländer und Amerikaner schon. Das Lager war international, aber in den Baracken wurden die Gefangenen separat untergebracht. Wir tauschten uns durch Gesten aus. In diesem Lager erkrankte ich an Typhus, mich retteten die Ärzte der Sanitätsbaracke. Sie heilten, versteckten und retteten mich. Man gab ein Glas Molke und Brot. 12 Stunden lag ich ohne Bewusstsein. Ich konnte das Brot nicht essen und sie legten es mir in die Tasche, versteckten sie unter dem Kopfkissen, als ich genas hat mir irgendjemand die Tasche gestohlen. Da weinte ich zum ersten Mal vor Schwäche und Ausweglosigkeit.

Nach der Sanitärbaracke wurde ich in die Baracke für Genesende verlegt, Lager Nr. 318, meine Nr. 57785, obwohl vielleicht die beiden letzten Zahlen nicht präzise sind, das Gedächtnis ist schon nicht mehr gut und die Tätowierung auf dem Arm ist schon verblasst. [Damit die Kriegsgefangenen bei Fluchtversuchen erkannt werden konnten, wurde die Nummer mit Höllensteinstift auf den Unterarm geätzt]. Von dort wurden wir zur Arbeit zu Bauern oder nach Beruf in Fabriken geschickt.

Zu einem solchen Bauern kam ich. Das ehemalige Gut eines Juden, den man erschossen hatte. Die Leitung hatte ein Deutscher (an den Namen kann ich mich nicht erinnern). Dort arbeiteten 30 Russen, 40 Ukrainer und 50 Polen mit ihren Familien. Ein großes Gut, es wurden Kartoffeln, rote Bete, Weizen, Raps angebaut, wir hüteten Kühe, Schweine. Die Lieferung erfolgte an die deutsche Armee. Die Verpflegung war hier besser. Wir wurden von Posten bewacht. Vor der Arbeit beim Bauer wog ich 46 kg bei einer Größe von 180 cm.

Ein alter deutscher Mechanikermeister nahm mich unter seine Fittiche, gab mir zusätzlich zu essen und schützte mich. Nachdem ich drei Jahreszeiten beim Bauern gearbeitet hatte, war ich kräftiger geworden. Im Oktober 1944 wurde ich in eine Fabrik geschickt, die 18 km von der polnischen Grenze entfernt war. Dort be- und entluden wir Waggons. Wir wohnten in Baracken des Werks. Wir beschickten die Öfen mit Schrott zum Umschmelzen. Wir arbeiteten 12 Stunden und mehr. Wir liefen in Holzpantinen, die Füße waren bis zum Blut zerschunden. Im Werk arbeiteten hauptsächlich Russen. Drei Mal am Tag gab es eine Kelle Wassersuppe.

Die Kämpfe näherten sich unserem Lager und man beschloss, uns an die Westgrenze zu jagen, vielleicht auch, um uns zu vernichten. Aber unsere Panzer durchbrachen die Front und umfassten schnell die Stadt Ratibor und befreiten sie. Nachts lief die Bewachung davon und wir waren frei. Das war im März 1945. Es folgte die Feldmilitärkommandantur in der Stadt Kraluna in der Tschechoslowakei. Dort wurden die ehemaligen Gefangenen vom SMERSCH überprüft, verhört. SMERSCH befasste sich mit mir eine Woche lang. Nach der Überprüfung wurden alle Freigelassenen in verschiedene Truppenteile verteilt. Ich kam zur Artillerie. Die alten Dienstgrade wurden allen aberkannt. Ich wurde zu 45-er Panzerabwehrgeschützen geschickt. In der Geschützbedienung waren 7 Mann. Geschütze mit Pferdegespannen.

So verlief mein weiterer Dienst im Krieg. Ich nahm an Straßenkämpfen teil – wir eroberten Potsdam. Die Kanone wurde durch einen Treffer zerstört, ich erlitt eine Schädelprellung – der rechte Arm und das Auge wurden verletzt. So schoss ich mit der linken Hand. Nach dem Lazarett nahm man mich als Bataillonsschreiber, ich half dem Bataillonskommandeur beim Papierkrieg, fertigte die Auszeichnungslisten, Anfragen. Anfang Mai 1945, als der Aufstand in Prag begann, schickte man uns in Kolonne zur Hilfe. Den 9. Mai 1945 erlebte ich in Karlsbad. Nach dem Sieg gab es noch einen ganzen Monat lang Kämpfe in den Bergen. Unser Bataillon hielt 36 km der Demarkationslinie zu den Amerikanern, die auf der anderen Seite standen. Danach schickte man mich zum Dienst nach Wien, Lazarett, Sanitätsbataillon, Kommandantur. Ich diente bis Dezember 1946, dann wurde ich demobilisiert.

Der Krieg und die Gefangenschaft haben mein weiteres Leben stark geprägt. Ich überlebte nur, weil ich eine gute Gesundheit und einen starken Charakter hatte. In der Gefangenschaft habe ich meinen Kameraden so gut ich konnte geholfen. Mich haben unsere auch gerettet, sonst hätte ich nicht überlebt.

Nach der Heimkehr im Dezember 1946 arbeitete ich auf verschiedenen Posten – einfacher Leiter eines Hofes, leitete den Dorfsowjet in meinem Heimatdorf. Zusammen mit meiner Frau, die auf mich von Kriegsbeginn an gewartet hat, haben wir 6 Kinder zur Welt gebracht und erzogen, 15 Enkel und 8 Urenkel. Ich lebe und freue mich mit ihnen.

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