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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

237. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Nikolaj Andrejewitsch Mostowoj
Russland
Isprawnaja
Republik Karatschajewo-Tscherkessien.

An den Verein „Kontakte-KOHTAKTbI“, Berlin

[…]

Diesen Brief schreibt Ihnen Nikolaj Dmitrijewitsch Mostowoj, wohnhaft in Russland, Republik Karatschajewo-Tscherkessien, Selenotschukskij rajon, Isprawnaja, […], ehemaliger Häftling im Nazi-KZ in Deutschland.

Ich habe Ihre Nachricht erhalten, dass Ihr Verein mir 300 Euro überweist für das Leid, das mir im KZ zugefügt wurde. Hier in Russland sagen wir: „Niemand ist vergessen, nichts ist vergessen“.Diese Demütigungen und diese Kränkung, dieses Leid kann man niemals vergessen.

Kurz zu mir. Ich bin am 6.7.1941 in Slonim in Gefangenschaft geraten und wir wurden ins KZ in Hammer [Stalag VIII E (308) Neuhammer/Schlesien?] gebracht, später wurden wir ins deutsche Ingramsdorf [Schlesien?] überführt. Das Lager war riesig, umzäunt von Stacheldraht. Die Lebensbedingungen waren unvorstellbar schrecklich, zum Essen gab es vor allem eine Brühe aus Rüben, der Umgang war brutal, sie schlugen uns, wir waren für sie keine Menschen. Wir mussten Schwerstarbeit ausführen, die über unsere Kräfte ging, viele starben dort im Lager. Ich musste zwei meiner Landleute zu Grabe tragen, Iwan Maslow und Georgij Posnelow. Wir wissen, dass nicht alle Deutschen diesen Krieg wollten und dass von ihnen auch viele aus dem Krieg nicht zurückgekehrt sind. Als die Front mit unseren Streitkräften näher rückte, wurden wir in einer Kolonne nach Heiligenstadt [Thüringen, Franken?] getrieben. Während des Marsches übernachteten wir unter freiem Himmel, die Wachen gingen brutal mit uns um. Sie hatten Wachhunde, Maschinengewehre und Autos. Aber sie waren nicht mehr so wachsam, so gelang uns die Flucht. Zu der Zeit wollten auch viele Deutsche schon nicht mehr kämpfen, auf der Flucht sahen wir, wie sich einige deutsche Soldaten die Schulterstücke und Auszeichnungen herunterrissen und ihre Fotos zerrissen. Wir konnten uns nach der Flucht zu unseren Streitkräften durchschlagen und das Kriegsende erlebte ich wieder in den Reihen der Roten Armee.

Nach der Entlassung aus dem Armeedienst kam ich in mein Heimatdorf zurück, in dem ich bis heute lebe. Ich bin Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, mittlerweile Witwer, ich habe zwei Töchter, die in der Stadt leben.

Ich danke Ihnen, Ihrem Verein und den Menschen (den Deutschen – Deutsche sind auch Menschen), die die Gräuel des Krieges nicht vergessen haben. Ich danke Ihnen, dass Sie verstehen, was für eine Demütigung und Erniedrigung es bedeutete, in Lagern unter schlimmsten Bedingungen eingepfercht zu sein.

Mostowoj.

11.11.2010.

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