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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

236. Freitagsbrief (vom Dezember 2008, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Pawel Jakowlewitsch Nikitin
Russland
Rajewka
Republik Baschkortostan.

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren und sehr geehrte deutsche Bürger,

ich danke Ihnen sehr für die Unterstützung. Hier bei uns im Bezirk war die Kartoffelernte schlecht, nun kosten die Kartoffeln auf dem Markt 13–15 Rubel das Kilo. Bis zur nächsten Ernte ist es noch sehr, sehr lang. Bis dahin wird der Preis nicht runtergehen. Den lieben Menschen, die für uns ehemalige Gefangene gespendet haben, Vielen Dank.

Sie bitten mich in Ihrem Brief, von meinem Leben in der Gefangenschaft zu schreiben. Daran zurückzudenken, ist für mich sehr aufwühlend und schmerzhaft. Jetzt bin ich Ihnen sehr dankbar für Ihre Hilfe und Unterstützung genau im richtigen Moment. Ich verspreche Ihnen, in Briefen zu schreiben, wie ich in Gefangenschaft geraten bin und alles, alles, was danach in der Gefangenschaft folgte. Im Moment freue ich mich aber so sehr über Ihre Unterstützung. Vielleicht hilft mir diese Freude dabei, meine Nerven in den Griff zu bekommen. Mein Körper ist funktionstüchtig, d.h. ich bin für mein Alter gesund. Meine Nerven aber sind von den Spritzen in Deutschland zerrüttet. Ich war in vielen verschiedenen Durchgangslagern und wurde Anfang April 1942 nach Deutschland gebracht, ins Stalag IV B [Mühlberg/Elbe]. Von diesem Lager aus wurde ich zur Arbeit im deutschen Steinbruch Doberschwitz gebracht. Die Verpflegung war schlecht, die Arbeit aber schwer. So beschloss ich zu fliehen. Es gab einen deutschen Fahrer Pawel, er war Kommunist und ich erzählte ihm davon. Er versprach, mir Bescheid zu geben, wann ich die Flucht versuchen könnte. Als einmal neue Wachsoldaten zum Schichtwechsel kamen, betranken sie sich. Der Fahrer sagte mir Bescheid und gab mir einen Laib Brot mit auf den Weg. Ich verließ das Lager am 6.8.1942. Ich marschierte in den Nächten, bis zum 17.8., dann begann es zu regnen und ich war gerade auf einem Feld, wo das Getreide abgeerntet und in Garben aufgestapelt war. Ich zog zwei Garben aus der Mitte heraus, warf sie nach oben und kletterte hinein. Aber als der Regen aufhörte, wurde es schon hell. Ich musste weiter in den Garben sitzen bleiben.

Meine Lieben! Bitte denken Sie nicht, dass ich beim Schreiben nachlässig bin. Es liegt an den Tränen, die mich am Schreiben hindern. Ich möchte Ihnen diesen Brief so schnell wie möglich schicken, aber man kann die Tränen nicht verbieten. Bitte entschuldigen Sie. Wenn die Tränen aufhören, dann werde ich besser schreiben, noch viele Briefe über mein Leben werde ich Ihnen schreiben. […]

Weiter über meine Flucht. Am Nachmittag begannen die Bauern, die Garben vom Feld zu holen: Kinder arbeiteten dort, außerdem Serben oder Jugoslawen. Dann kamen noch einige Leute und ein älterer Deutscher entdeckte mich – da richteten sie die Forken gegen mich und begannen zu schreien. Sie riefen die Polizei. Ein Polizist auf dem Motorrad kam angefahren, legte mir Handschellen an, setzte mich aufs Motorrad und brachte mich in die Stadt, ins Gefängnis Torgau. Dort stellten sie anhand meiner Marke mit der Nummer 155025, die ich im Stalag–IV–B bekommen hatte, fest, das ich ein geflohener Gefangener war, und kein nach Deutschland entsandter Spion. Ich bekam Spritzen, […]. Der Mann, der mir die Spritzen gab, untersuchte mich und gab mir drei Spritzen, dann noch zwei weitere. Ich konnte ihn nicht fragen, wofür die Spritzen waren. Diese zwei Spritzen haben mir also die Nerven ruiniert. Das ganze Leben habe ich deswegen gelitten.

Wenn die Nerven verrückt spielen – das heißt, dass an den Fingerspitzen die Haut aufplatzt und es anfängt zu bluten. Manchmal kann ich nicht einmal den Löffel halten, so schmerzt es. An den Füßen ist es das Gleiche.

Ich danke Ihnen für die Hilfe.

Pawel Jakowlewitsch Nikitin.

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