Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

235. Freitagsbrief (vom September 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Aleksandr Iwanowitsch Kremljakow
Russland
Lebjashje
Gebiet Uljanowsk.

Guten Tag, liebe Leute!

Ich habe Ihren Brief bekommen, den ich nur unter Tränen lesen konnte. Ich danke Ihnen sehr für das Interesse und die Anteilnahme und dass Sie uns nicht vergessen haben – solche wie mich, die ehemaligen Kriegsgefangenen. All das liegt schon lange hinter uns, aber die Erinnerung daran bleibt für immer, fürs ganze Leben. Man könnte mich nachts wecken und mich fragen: „Wie ist deine Lagernummer?“ und ich würde sofort antworten: 148044. So etwas kann man niemals vergessen. Ich habe das Glück, dass ich in meiner Heimat lebe, wenn mein Leben auch sehr schwer war. Ich konnte keine Ausbildung machen, da ich der älteste Sohn in der Familie war und meinen Eltern helfen musste, meine drei Schwestern und meinen Bruder großzuziehen. Ich habe mit vierzehn Jahren schon an der Schwingsäge gearbeitet, zusammen mit meinem Vater haben wir im Wald Holz gefällt.

Ich habe mir in der Armee die Hände abgefroren, heute habe ich starke Schmerzen in den Beinen, weil ich nach Gefangenschaft und Armee in meiner Heimatkolchose (in Lebjashje, wo ich geboren bin) gearbeitet habe, 43 Jahre bei der Viehzucht. Im Sommer habe ich die Kühe im Wald gehütet und im Winter haben wir das gefrorene Silofutter mit der Axt zerhackt und Brocken heraus gebrochen, um das Vieh zu füttern. Ausmisten mussten wir per Hand. […]

Ich habe vier Kinder großgezogen, meine Frau ist 2003 gestorben. Mein Sohn und meine Tochter sind beide mit 42 Jahren Witwer bzw. Witwe geworden, mein Sohn hat seine Kinder alleine großgezogen, und meine Tochter ihren Sohn. 2004 hat meine Tochter Walentina sich an die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gewandt, sie wollte nachweisen, dass ich einen Anspruch auf Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeit in Deutschland habe. Es gelang ihr nicht, die Kommission schickte einen ablehnenden Bescheid. Dafür habe ich 2007 einen Aufenthalt im Sanatorium bekommen, in „Wasiljewskij“ in Tatarstan, meine Tochter hat mich begleitet. Diese Kur wurde aus Deutschland bezahlt. Ich möchte Ihnen allen danken für das Interesse an uns, die wir in den Kriegsjahren unsere Gesundheit verloren haben – als der nasse Mantel auf der nackten Erde sowohl Kissen als auch Bettdecke war. Ich habe überlebt – nicht alle hatten so viel Glück …

Seit elf Jahren schlagen sie mir vor, ins Altersheim zu gehen, seit 1994, aber ich lebe so, wie ich vorher gelebt habe, meine Wohnbedingungen sind nicht verbessert worden. Wer weiß, wann mein Leben zu Ende ist? Meine Tante ist 105 Jahre alt geworden, meine andere Tante 98.

Was meine Zeit im KZ betrifft und die Arbeit bei einem Bauern, so schicke ich Ihnen in Kopie einen Artikel aus unserer regionalen Zeitung mit, in der meine Erinnerungen abgedruckt wurden.

Ich würde sehr gerne wissen, ob die Kinder des Bauern Pawel Müller aus Paußnitz 13, bei dem ich war, noch am Leben sind, die Tochter hieß Oslo, den Namen des Sohnes weiß ich nicht mehr. Nach Deutschland werde ich wohl nicht mehr kommen, aber ich würde doch gerne sehen, wie es jetzt dort ist (träumen schadet nicht). […]

Mit den besten Grüßen,

Kremlakow

27.9.2010

Zeitungsartikel vom 9.3.2010 [gekürzt]

Aus den Erinnerungen eines Häftlings des KZ Mühlberg [Stalag IV B Mühlberg/Elbe] in Deutschland

Am 10.10.1941 geriet ich in Wjasma bei Smolensk in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Deutschen trieben 3000 Mann zusammen, zogen Stacheldraht um uns herum und schonten niemanden. Unser „Lager“ [Dulag 184] wurde mit Scheinwerfern beleuchtet, es war verboten, sich dem Stacheldraht zu nähern – man wurde sofort erschossen. Nach einer Weile ließen sie die Ukrainer und Weißrussen laufen [?], die anderen wurden in Waggons verladen und unter unmenschlichen Bedingungen nach Deutschland transportiert.

Wir waren lange unterwegs. Wir bekamen Viehfutter zu essen, aber kein Wasser. Unsere Mägen trockneten aus und jeden Tag starben etwa 200 Menschen. Ich selbst wog noch 40 kg. Als wir ankamen, konnten wir nicht mehr laufen, wir stützten uns gegenseitig, mehr tot als lebendig. Zwei Wochen lang blieben wir im Zentralen Kriegsgefangenenlager in Mühlberg [Stalag IV B]. Hier bekamen wir Essen, unsere Kleidung wurde wegen der Läuse und Flöhe desinfiziert, alle wurden mit einer grauen Salbe eingecremt und bekamen eine Lagernummer. Meine Nummer war 148044. Es gab dort keine Namen – wir wurden nur mit der Nummer gerufen. Die Nummer standen auf einem Metallplättchen, das wir um den Hals trugen.

Damit wir verstanden, was die Deutschen von uns wollten, hatten wir Dolmetscher. Einer von ihnen, Kiselew, arbeitete für die Deutschen. Er lief mit einem Gummischlauch durchs Lager. Einmal fehlte beim Abendappell ein Gefangener aus Leningrad – er war aus dem Lager geflohen. Als er geschnappt wurde, befahl der Unteroffizier, ihm 25 Hiebe mit diesem Schlauch zu verpassen. Sie verprügelten ihn, bis er blutete, direkt auf dem Zementboden. Der Leningrader tat keinen Laut, er sagte nur zu Kiselew: „Das wirst du noch bereuen.“

Ich habe im Werk „Doming“ [?] gearbeitet, in dem Kanalisationsrohre hergestellt wurden. Ich musste Stahlrohre ausladen. Am 28.8.1943 wurde ich zur Arbeit zu einem Bauern im Dorf Paußnitz, Haus 13, überführt. Der Bauer hieß Pawel Müller. Er war etwa 65 Jahre alt. Er lebte zusammen mit seiner Frau, seinem Sohn und seiner Tochter Oslo [Ursula].

Ich arbeitete im Haus und auf dem Feld. Jeden Tag wurde ich zur gleichen Zeit von einem Wachsoldaten vom Lager zur Arbeit und wieder zurück gebracht. Die Bäuerin wusch meine Kleidung und an Feiertagen bekam ich Gebäck zu essen. Meine Bauern behandelten mich gut, bei den Nachbarn dagegen schikanierten sie die Gefangenen. Ich habe 20 Monate bei diesem Bauern gearbeitet.

Am 22.4.1945, als im Lager nur noch 30 Personen waren, wurde das Lagertor plötzlich geöffnet und die Gefangenen wurden freigelassen.

Als ich in der Gefangenschaft war, bekam meine Mutter eine Benachrichtigung, dass ich gefallen war, aber sie glaubte das nicht und wartete weiter auf mich, betete viel. Und im Mai 1946 wurde ihr Warten endlich belohnt. Am 7.11.1946 heiratete ich und im August 1947 kam unser erster Sohn zu Welt.

[Handschriftlich hinzugefügt:] Dorf Pausnitza, Haus 13b, 80 km von Dresden entfernt. In Österreich (Wien) habe ich meinen Armeedienst zu Ende geleistet und wurde am 7.5.1946 aus dem Armeedienst entlassen.

Dem Brief liegen bei: Kopie des Armeebuches, Nachweis als Kriegsveteran, Nachweis über Armeedienst, Auszug aus dem Zentralarchiv des Verteidigungsministeriums der RF, Auflistung aller Medaillen und Auszeichnungen.

****

KONTAKTE-KOHTAKTbI suchte nach dem Bauern in Pausnitz, unser Brief an das Meldeamt Stehla ist seit 3 Wochen unbeantwortet.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.