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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

234. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Ukrainischen von Sibylle Albrecht).

Iwan Sawwitsch Moros
Ukraine
Gebiet Wolynski (Wolhynien).

Guten Tag wünsche ich den guten Menschen und ein großes Dankeschön von uns, den Hilfsbedürftigen. […]

Nun möchte ich Ihnen kurz aus meinen 91 gelebten Jahren schreiben.

1939 wurde ich zur Roten Armee einberufen, bis 1942 war ich Grenzsoldat. Im Januar 1942 kam ich an die Front und geriet im August desselben Jahres in Gefangenschaft. Zwei Mal unternahm ich Fluchtversuche, ein drittes Mal ging schief und ich wurde nach Deutschland gebracht, in die Stadt Moers, Lager 11 A [XIA (314) Altengrabow?]. Die Schuhe mussten wir ausziehen und man gab uns galoschenähnliche Holzschuhe. Zu essen bekamen wir Wassersuppe [„Balanda“], die mangels Kochgeschirr und Löffel in die Käppis geschüttet wurde, dazu Brot aus Holzspänen [*]. Zur Arbeit setzte man uns beim Eisenbahnbau ein, beim Be- und Entladen von Sand. Dieser Sand rieselte in unser Schuhwerk und scheuerte unsere Füße bis aufs Blut. In den Waschraum brachte man uns, dort wurde auch die Bekleidung desinfiziert. Aus dem Waschraum schickte man uns nach draußen, wo wir 1-2 Stunden bei frostigen Temperaturen warteten, bekleidet mit papiernen Zementsäcken.

Nach einiger Zeit gab es auch ein Kochgeschirr und einen Löffel. Wenn man den Löffel mal nicht dabei hatte, gab es Stockschläge auf den Rücken.

Wir wurden auf den Hof geführt und ein Offizier machte uns den Vorschlag in deutsche Dienste zu treten – es gab auch welche, die sich darauf einließen. Aber ich meldete mich nicht. Der Offizier erschoss jeden Dritten. Ich hatte Glück. Später schickte man mich in ein Haus außerhalb des Lagers, wo das Wischen der Fußböden, Stiefel putzen u.a. zu meinen Aufgaben gehörte. Dort gab es ein Radio und ich hörte manchmal Moskau. Wenn ich dann in die Baracke zurückkam, berichtete ich über die Lage an der Front. Dafür wurde ich bestraft –morgens, wenn noch alle schliefen, wurde ich geweckt und bekam ein 8 kg schweres Holz, mit dem man mich über den Hof jagte. Nach dieser "Gymnastik" gab es Stockschläge auf den Rücken. Ein junger Soldat sah das alles, er hatte Mitleid mit mir. Ich war ihm wohl sympathisch, denn er steckte mir manchmal Essen zu, so, dass es niemand bemerkte.

Einmal kamen 2 Soldaten, nahmen mich, brachten mich zum Bahnhof, setzten mich in einen Waggon und schickten mich nach Italien. Dort ging man verhältnismäßig anständig mit uns um, das Essen war besser und wir gingen tagsüber zur Arbeit in eine Fabrik. Nachts, wenn die amerikanischen Flieger kamen, mussten wir Geschosse zu den Abwehrkanonen tragen. So vergingen 3 Monate.

Am 25. Dezember 1943 bin ich mit Kameraden aus dem Lager geflohen, wir schlossen uns den italienischen Partisanen an und blieben dort bis Kriegsende. Am Ende des Krieges erhielten wir Dokumente und ich kam in die Heimat.

Im weiteren arbeitete ich in der Landwirtschaft als Traktorfahrer und Maschinenbediener.

Ich danke Ihnen sehr für Ihre Unterstützung. Möge Gott Ihnen für Ihre großherzige Arbeit ein langes Leben und gute Gesundheit geben.

Hochachtungsvoll – der ehemalige Kriegsgefangene, Schwerbehinderter der Einstufungsgruppe II.

Iwan Moros.

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[*] Gemeint ist das sogenannte „Russenbrot“, die offizielle Rezeptur: 50% Roggenschrot, je 20% Zuckerrübenschnipsel und Zellmehl, 10% Strohmehl oder Laub.

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