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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

233. Freitagsbrief (vom März 2009, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Fjodor Jewstafjewitsch Usanow
Russland
Gebiet Rjasan.

Vom russischen Bürger Fjodor Jewstafjewitsch Usanow, ehemaliger Kriegsgefangener, an den deutschen Verein „Kontakte“. Ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich Ihren Brief und die humanitäre Hilfe in Höhe von 300 Euro bekommen habe, wofür ich Ihnen danken möchte, vielen herzlichen Dank. Ich lebe mit meiner Frau Vera Petrowna zusammen, wir haben zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter, sie leben in Rjasan.

Ich werde Ihnen schreiben, wie alles angefangen und wie es geendet hat. Der Krieg begann (Ich bin Jahrgang 1924), 1942 wurde ich in die Armee eingezogen, kam zur Offiziersschule und beendete sie sechs Monate später als Unterleutnant. Die gesamte Offiziersschule kam an die Front. Im Mai kämpften wir in den Truppen an der Ukrainischen Front, das war kurz vor der Schlacht bei Kursk. Als die Schlacht begann, wurde ich zum Kommandeur eines MG-Zuges ernannt. Die Schlacht am Kursker Bogen endete am 12.9.1943. Ich war schwer verwundet und geriet in deutsche Gefangenschaft. Es war seltsam, aber die Deutschen gingen daran, die Verwundeten aufzulesen und sie gesund zu pflegen. Sie brauchten Arbeitskräfte im Hinterland. Sie pflegten uns gesund und schon hatten sie kostenlose Arbeiter.

Ich hatte eine Verwundung durch Granatsplitter, bis heute sitzt das deutsche Metall in meinem Körper, ich habe 4–5 Splitter in der Lunge. Das erste Lazarett, in das ich kam, war in Gomel [Dulag 220] in Belarus, wo es viele verwundete sowjetische Soldaten gab. Ich war dort nicht lange, wir wurden dann nach Kaunas in Litauen überführt [Stalag 336] und später nach Valka [Stalag 351 Walk] in Estland. Ich wurde zehn Monate lang behandelt. Dann war ich gesund und wurde ins Arbeitslager Valka gebracht. Als die Befreiung des Baltikums näher rückte, wurden wir in Waggons verladen und nach Deutschland gebracht. Im August 1944 trafen wir in Berlin ein. Das erste Lager war in Staaken [Stalag IIID/Z], danach bin ich noch in weiteren Lagern in Berlin gewesen, von denen ich die Namen nicht mehr weiß. Unsere erste Arbeit bestand darin, die Kanalisation der Stadt Berlin zu reparieren. Berlin wurde bombardiert und wenn eine Bombe an der Stelle einschlug, an der die Kanalisation verlief, waren die Keramikrohre kaputt. Wir mussten die Stelle freilegen und ein deutscher Arbeiter reparierte dann das Rohr. Danach mussten wir noch verschiedene andere Arbeiten machen. Wir fuhren mit der S-Bahn und mit der U-Bahn zur Arbeit.

Dann rückte unsere Befreiung immer näher. Im April 1945 näherten sich unsere Truppen Berlin. Zu dieser Zeit war unser Lager am Stadtrand von Berlin. Am 15. April wurden wir aus der Gefangenschaft befreit. Die Armee brauchte Nachschub, deshalb bekamen wir innerhalb von drei Tagen neue Uniformen und wurden dann der Armee der 1. Weißrussischen Front zugeteilt und begannen den Sturm auf Berlin. Am 2. Mai ergaben sich die Deutschen und wir ehemalige Kriegsgefangene brachten nun deutsche Gefangene zu den Sammelstellen. Wir kamen bis zum Reichstag, auf dessen Kuppel die Siegesfahne wehte. Alle, die beim Sturm auf Berlin gekämpft hatten, wurden mit der Medaille „Für die Einnahme Berlins“ ausgezeichnet.

Eine interessante Episode: Auf dem Platz vor dem Reichstag fanden unsere Soldaten eine Kiste mit Schweizer Uhren – viele Soldaten ergatterten damals eine Uhr. Eine von ihnen landete bei mir, und mit dieser Kriegsbeute kehrte ich später nach Hause zurück. Noch viele Jahre hat die Uhr mir gute Dienste geleistet.

Der Krieg war zu Ende und es begann die Demobilisierung der Truppen nach dem Alter der Soldaten. Ich diente noch bis 1947 in den Besatzungstruppen, dann wurde ich aus dem Armeedienst entlassen. Zu Hause warteten mein Vater, meine Mutter und meine Schwester auf mich, mein Bruder (Jahrgang 1922) war im Krieg gefallen. Ich arbeitete dann als Holzfäller. 1953 heiratete ich. Ich konnte nicht lange arbeiten, die Kriegsverletzungen machten sich bemerkbar. […]

Ich habe verschiedene militärische Auszeichnungen bekommen: Den Orden „Roter Stern“, den Orden des Vaterländischen Krieges und die Medaille „Für die Einnahme Berlins“.

Das wäre wohl alles, was ich Ihnen schreiben kann.

Nochmals Vielen Dank für die humanitäre Hilfe.

Mit freundlichen Grüßen,

Usanow.

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