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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

232. Freitagsbrief (vom Februar 2011, aus dem Armenischen von Prof. Dr.schot Hayruni).

Sewak Hajrapetjan
Dorf Schacki
Bezirk Sisian
Armenien.

(…) Der Bitte der Leitung unseres Vereins entsprechend, schicke ich Ihnen einige Notizen zu meiner Kriegsgefangenschaft. Im Laufe der Zeit war es mir immer ein inniger Wunsch, diesen Teil meiner Geschichte unwiderruflich zu vergessen. Jetzt aber, wo ich wirklich vieles vergessen habe, bedauere ich das zum ersten Mal …

Ich bin 1921 in Sisian geboren. Im November 1940 wurde ich in die Armee einberufen. Im Juni 1941 befand sich unser Regiment in einem Sommerlager bei der Stadt Logas, nicht weit von Leningrad, als der Krieg ausbrach. Schon am 22. Juni fuhren wir mit einem Zug schnellst möglich nach Ostrow, das im Bezirk von Pskow liegt. Dort gruben wir auf einem Weizenfeld Schützengräben, als wir von deutschen Flugzeugen beschossen wurden. Die Luftangriffe wiederholten sich mehrere Male. Wir konnten mit unseren einfachen Gewehren unmöglich einen ernsthaften Widerstand leisten. Nach wenigen Tagen wurden wir eingekesselt. Wir versuchten, gemeinsam in eine bestimmte Richtung anzugreifen und zu schießen, indem wir hofften, dadurch die Belagerung durchzubrechen. Das gelang uns endlich, aber bald wurden wir im Bezirk von Luga, an der in Richtung Leningrad gelegenen Ortschaft Talmatschow wieder eingekesselt.

Es war der November 1941. Einige Tage hatten wir nichts gegessen. Bald sahen wir ein verendetes Pferd, und wir waren eifrig dabei, sein Fleisch zu essen, als die Deutschen vor uns standen. Sie brachten uns an einen Ort, wo mehrere Tausend Kriegsgefangene versammelt waren. Von dort wurden wir mit Lastautos zum Bahnhof gefahren, und anschließend schicke man uns mit einem Güterzug nach Ostpreußen, zum Lager der Stadt Ebenrode [Stalag IA]. Das Lager bestand aus einer Reihe von Schweineställen. Es gab zweistöckige Bettstellen, aber die unteren „Betten“ hatten keine Bretter, so dass man auf dem Boden schlief. Man gab uns täglich etwas Balanda [*] zum Essen, während wir über 15 Stunden arbeiten mussten. Dem Hunger und den Epidemien fielen täglich hunderte von uns zum Opfer. Es gab dort keine Menschen, sondern nur Skelette. Wir waren verlaust. Ich erkrankte dort an Ruhr. Die Abortgrube entleerten wir zum Teil mit Handwagen und zum Teil mit Fässern, indem wir sie zu den Grundstücken der Bauern brachten und ihren Inhalt dort ausschütteten. Es stank stark. Einmal, als ich mich mit der Entleerung der Grube befassen musste, konnte ich den Befehl, allein das Fass vom Rand der Grube zu entfernen, nicht erfüllen, weil ich krank und allzu schwach war. Da schlug mir der bewachende Polizist so stark auf den Rücken, dass ich in die Grube fiel. Ich versank unter dem Lachen der Deutschen und Polizisten bis zu meinen Schultern darin, und erst nach mehreren Minuten, als meinen Kameraden erlaubt wurde, mich herauszuholen, kam ich wieder nach oben.

Ich blieb in diesem Lager bis zum Frühjahr 1942. Dann brachte man mich in ein Lager in Weiden [Stalag XIIIB], wo die Verhältnisse einigermaßen erträglicher waren. Dort leisteten wir ebenso verschiedene Arbeiten, aber man gab uns pro Tag etwas mehr zum Essen, so dass wir unsere Existenz leichter verlängern konnten. Als ich 1945 befreit wurde, erwies sich mein Gesundheitszustand als ungeeignet zum weiteren Dienst in der Armee, und ich kam nach den Verhören in den Filtrationslagern wieder nach Armenien zurück. Dort erfuhr ich von meinen Familienangehörigen, dass ich seit längerem aufgrund einer offiziellen Ankündigung (meine Angehörigen hatten das so genannte „Schwarze Papier“ erhalten) für gefallen gehalten worden war. (…)

Mit herzlichen Grüssen

Sewak Hajrapetjan.

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[*] Balanda: „Gefängnissuppe“, wässrige Brühe aus Gemüseresten.

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