Direkt zum Navigationsmenü.


KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

230. Freitagsbrief (vom November 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Semjon Jewdokimowitsch Iwtschenko
Ukraine
Poltawa.

(…) Ich, Semjon Jewdokimowitsch Iwtschenko, wurde am 17.2.1922 geboren. Ich habe im Zweiten Weltkrieg vom ersten bis zum letzten Tag der Kriegshandlungen gekämpft. Als unsere Armee eingekesselt wurde, kam ich ins Konzentrationslager in Millerowo und Ostrogorsk [Dulags]. Deshalb haben Ihr Brief und Ihre Anteilnahme mich direkt ins Herz getroffen. Ihr Brief beinhaltet sowohl die Bitte um Verzeihung als auch Verständnis dafür, was diejenigen, die in den Nazi-Kzs waren, durchmachen mussten.

Auch ein großer Teil Ihres Volkes hat durch diesen Krieg viel Leid erfahren. „Für das Unrecht auf der Welt müssen meist die Jungen zahlen“. [Zitat aus einem sowjet. Lied]. Wir müssen den Frieden bewahren, damit wir nie wieder so eine Zeit der Wirren erleben müssen, wie wir es in unserer Jugend erfahren haben. Die Wunden schmerzen, und die Seele hat so viel erlitten - all das lässt sich nie wieder vergessen.

Im Kampf ist man Soldat, in der Gefangenschaft ein Sklave. Dieses physische und psychische Leid, alles, was wir dort sehen mussten - das kann man nie wieder vergessen. Es gelang mir, aus dem KZ zu fliehen; danach zog ich wieder in den Kampf und wurde schwer verwundet. Als meine Wunden noch nicht einmal richtig verheilt waren, wurde ich in den Krieg gegen Japan geschickt. Als der Krieg zu Ende war, wurde mir Invalidität bescheinigt.

Als wir die Stadt Poltawa befreiten, sahen wir im Park einen Berg Leichen - es waren Zivilisten, Frauen und Kinder. Unser Land war vom Krieg zerstört worden und wer sollte nun Mitleid mit uns im Krieg Verwundeten haben und denen, die in der Gefangenschaft gewesen waren? Wer überlebt hatte, der war vom Leid der Kriegsjahre geprägt, von Hunger und Kälte; Mütter, die ihre Kinder verloren hatten, voller Kummer. Die Städte waren zerstört, wir alle mussten viele Jahre schwer arbeiten.

Es gelingt mir nicht, all das in Worte zu fassen, was ich in diesen langen Jahren durchleben musste. Ich kann die Gräben nicht vergessen, in die die Gefangenen geworfen wurden, die nicht arbeiten konnten, die keine Kraft zum Gehen mehr hatten, sie wurden von den Nazis erschossen.

Ich danke Ihnen und den Menschen in Ihrem Land, die nicht vergessen haben, welche Gräuel in den Lagern herrschten.

Trotz allem, was ich erlebt habe, habe ich nie Groll gegen das deutsche Volk gehegt. Als der Krieg zu Ende war, empfand ich keinen Hass gegen die ganze Nation, sondern gegen das grausame und unbarmherzige Nazi-Regime. Nach dem Krieg stießen wir, die Frontsoldaten und vor allem die ehemaligen Kriegsgefangenen, in unserem Land lange Jahre weder auf Mitgefühl noch Verständnis für das, was wir hatten durchmachen müssen. Wegen der Kriegsgefangenschaft waren nicht nur ich, sondern auch meine Brüder und meine Kinder Repressalien ausgesetzt; überall musste man angeben, ob jemand aus der Familie in der Kriegsgefangenschaft gewesen war oder ob man in den von den Deutschen besetzten Gebieten gewesen war. Das war wie ein Schandmal, und nicht nur ich, sondern auch meine Familie war davon betroffen, z.B. gab es Einschränkungen beim Studium bzw. bei der Wahl der Hochschule etc. Erst Jahre später änderte sich das alles und man begriff, dass niemand auf eigenen Wunsch in den besetzten Gebieten gewesen war oder freiwillig in Gefangenschaft ging, wenn man in einen Kessel geraten war. Ich bin viermal aus der Gefangenschaft geflohen, aber wie konnte ich das alles durchstehen - um in der Hölle des KZs wie durch ein Wunder am Leben zu bleiben, aus dem Lager zu fliehen, bis zum Ende des Krieges durchhalten und dabei trotzdem ein Patriot meines Landes zu bleiben, musste ich eine Rechtfertigung finden für diejenigen, die nicht verstanden, was vor sich ging. Deshalb gibt es folgende Zeile in einem unserer Lieder: „Gebe Gott, dass Dein Land Dir keinen Riesen-Stiefeltritt versetzt!“

Es besitzt doppelten Wert für mich, dass es in Ihrem Brief auch Entschuldigungen von Seiten ehemaliger Soldaten gibt. Ich glaube, dass diese Menschen so denken wie ich.

Sie haben nach meinen Leben gefragt. Ich hatte kein leichtes Leben, aber ich lebe immer noch. Meine alten Wunden bereiten mir Schmerzen, das Alter und ein großer Kummer. In diesem Jahr haben wir am 16.7. unseren Sohn verloren. Er war Katastrophenhelfer beim Reaktorunglück in Tschernobyl, in der Folge hat er Lungenkrebs bekommen. Ich habe den Krieg überlebt, Verwundung und Gefangenschaft, mein Sohn dagegen ist in wenigen Wochen an der Krankheit zugrunde gegangen. Das ist wohl das Schlimmste, was einem im Leben passieren kann: dass wir unsere Kinder überleben. Es fällt mir schwer, weiter zu schreiben. Und ich sehe schlecht.

Ich danke Ihnen sehr für Ihr Verständnis und Ihre Anteilnahme.

Mit freundlichen Grüßen,

Semjon Iwtschenko.

Zum Seitenanfang


Zurück zum Seitenanfang.