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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

228. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

N. S. Jerementschuk
Russland
Selentschukskaja
Republik Karatschajewo-Tscherkessien
[Es schreibt die Tochter Tatjana Nikolajewna Jerementschuk].

Guten Tag, sehr geehrte Damen und Herren, Mein Vater hat Ihren Brief bekommen, aber er kann leider nicht selbst antworten, da er krank ist und schlecht sehen und sprechen kann, seitdem er einen Schlaganfall hatte. Als ich ihm Ihren Brief vorgelesen habe, hat er geweint. Es waren bittere Tränen der schmerzhaften Erinnerung, zugleich aber auch Tränen der Dankbarkeit, dafür, dass er nicht vergessen ist, für die Unterstützung (…).

Mein Vater ist 85 Jahre alt. Er hat in seinem Leben viel Leid erfahren müssen. Mit siebzehn Jahren wurde er in die Armee einberufen und mit achtzehn Jahren kam er an die Front. Er war Aufklärer. Er kämpfte bei der Befreiung Weißrusslands und in Polen. Bei einem der Gefechte um den Brückenkopf von Narwa geriet Vater unter Artilleriebeschuss. Er wurde verwundet und verlor das Bewusstsein, so fanden ihn deutsche Soldaten. Auf diese Weise geriet er in Gefangenschaft und kam in ein Konzentrationslager in der Nähe der Stadt Mlawa. [Evtl. Stalag 324 Ostrow Mosowiecka] Das Lager war in einer alten Ziegelfabrik, die von Stacheldraht umzäunt war. Gefangene schliefen in den Öfen, in denen die Polen Ziegel gebrannt hatten. Kälte, Dunkelheit, Ruß – zum Essen Lebensmittelabfälle. Dann wurden die Gefangenen in ein anderes Lager gebracht, dann wieder in ein anderes und so weiter … Vater hat erzählt, dass in einem der Lager einige Gefangene fliehen wollten und einen Tunnel gruben – die Erde trugen sie in den Taschen ihrer Kleidung hinaus. In der Silvesternacht flohen fünf Gefangene aus dem Lager, aber sie wurden gefasst und getötet (die Deutschen erstachen sie mit dem Bajonett). Zur Strafe für die anderen musste das ganze Lager zum Appell antreten und einen Tag lang bei Minustemperaturen auf dem Platz stehen. Vor Kälte und Hunger fielen die Menschen tot um. Mein Vater hat sich damals die Füße abgefroren, da die Gefangenen Holzschuhe trugen. Der Krieg hat schreckliches Leid und Kummer über die Menschen gebracht. Vater sprach immer äußerst verbittert über seine Zeit in der Gefangenschaft und man kann ihn verstehen.

Er ist dann doch noch aus dem Konzentrationslager geflohen, aber das war schon in der Tschechoslowakei. Nach dem Sieg kehrte er in die Heimat zurück, wo andere schwere Zeiten auf ihn warteten.

Nach dem Krieg hat Vater gearbeitet und geheiratet, er hat zwei Kinder und drei Enkel, die ihren Großvater sehr lieben, ihn oft besuchen und ihm unter die Arme greifen. Vater bat mich, Ihnen und Ihrem Verein seinen Dank auszurichten für die Arbeit, die Sie tun. Wir müssen wissen, wie viel Kummer und Leid der Krieg gebracht hat, und dürfen es nicht vergessen, damit wir in Zukunft keine solchen furchtbaren Fehler mehr begehen. Vielen Dank für die finanzielle Unterstützung.

Mit den besten Grüßen und Wünschen,

Tatjana Nikolajewna Jerementschuk.

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