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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

227. Freitagsbrief (vom 30. Dezember 2010, aus dem Armenischen von Prof. Dr. Aschot Hayruni).

Asat Tomasjan
Talin
Bezirk Aragazota
Armenien.

(…) Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Spende und Ihren lieben Weihnachtsbrief, die ich über die Leitung unseres Vereins bekam. Ich finde keine Worte, um meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen … Es ist mir eine unbeschreibliche Freude, dass meiner und meiner Schicksalsgenossen in Deutschland noch immer gedacht wird, und dass aus Deutschland ein so herzliches Mitleid und Anteilnahme zu mir und allen herkommt, die den furchtbaren Weg der Kriegsgefangenschaft während des Zweiten Weltkriegs haben durchmachen müssen.

Ich bin im Jahr 1914 in Westarmenien, der Stadt Kars geboren. Während des Genozids an den Armeniern in der Türkei hatten die türkischen Gendarmen meinen Vater, meine drei älteren Brüder und zwei Schwestern im Sommer 1915 erschlagen, und meine dritte, jüngste Schwester war von ihnen entführt worden. Meine Mutter hatte es geschafft, sich mit mir bei einer griechischen Freundin zu verstecken. Im Jahr 1920, als die türkische Regierung die kleinen Reste des armenischen Volkes, die den Völkermord überstandenen hatten, aus ihrer Heimat zwangsweise auswandern ließ, bin ich als Sechsjähriger mit meiner Mutter nach Ostarmenien gekommen. Im Juni 1941, nach dem Überfall der Deutschen auf die Sowjetunion, wurde ich in die Armee einberufen. Dort diente ich in der Artilleriedivision Nr. 511. Mitte Mai 1942 kämpfte unsere Division auf der Krim. Wir gerieten im Juni am Asowschen Meer in die Belagerung und wurden gefangen genommen. Man brachte uns in die Ukraine, wo wir einige Tage im Kriegsgefangenenlager zu Simferopol blieben, und dann wurden wir in das Lager in Shitomir [Stalag 358] geschickt. Ende Juli schickte man uns nach Polen, in das Lager zu Sahanok [Stalag 327 Szebnie bei Sanok]. Es war ein sehr großes Lager, wo die Gefangenen besonders grausam behandelt wurden. Wir leisteten täglich über 15 bis 16 Stunden schwere Zwangsarbeit. Mit einfachen Spaten zementierten wir dort die Straßen, bauten Flugplätze, errichteten Mauern, wofür wir die schweren Steine mit bloßen Händen zur Baustelle tragen mussten. Und dafür erhielten wir pro Tag 200 Gramm Brot. Dem Hunger und der schweren Arbeit fielen täglich Hunderte von uns zum Opfer. Es war unmöglich, diese Situation länger zu überstehen, und es scheint mir immer noch ein Wunder zu sein, dass ich am Leben blieb. Zu unserem Alltag gehörten auch die schweren Demütigungen, die Schläge und Folterungen, die Strafen jeder Art sowie die Erschießungen. Jeder, der die Arbeit nicht mehr überstehen konnte, wurde an Ort und Stelle erschossen. Einmal, als wir uns nach der Arbeit in die Kolonne aufstellen mussten, um zum Lager zurückzukommen, konnte einer meiner Freunde nicht mehr aufstehen. Als ich ihm zu Hilfe eilte, und, da ich darum bemüht war, ihm beim Aufstehen zu helfen und mich deswegen nicht rechtzeitig in die Reihe stellen konnte, wurde ich von zwei „Polizisten“ mit einem Stock schwer geschlagen, während mein Freund, namens Stanislaw, erschossen wurde. Nach den Schlägen wurde mir befohlen, selbst aufzustehen, was ich, mit blutendem Gesicht, mit großer Anstrengung machen konnte. Wenn ich nicht hätte aufstehen können, wäre ich ebenso erschossen worden … Im November 1942 brachte man mich und meine noch arbeitsfähigen Kameraden in das Lager der polnischen Stadt Deblin [Stalag 307, Deblin-Irena]. Etwas später, im Dezember, schickte man uns in ein Lager bei Warschau, wo wir ebenso Zwangsarbeit unterschiedlicher Art leisteten. Wir mussten Waggons be- und entladen, mit unseren Händen und Schultern trugen wir Baumaterialien nach verschiedenen Orten. Wir rissen dabei mit einfachen Stangen verschiedene Bauten oder ihre Fundamente ab usw… Hier sind wir bis Ende März geblieben, wonach die Deutschen mich mit mehreren Kameraden wieder in die Ukraine, in das Arbeitslager in Lwow schickten. Dort blieben wir bis zum April 1944, wobei wir wieder allerlei Zwangsarbeiten leisteten: Be- und Entladen von Waggons, Straßenbau, Niederreißen von halb zerstörten, nicht mehr tauglichen Gebäuden usw.. Im April 1944 schickte man uns nach Deutschland, wo wir eine Zeit lang in einem Waldlager, dann in ein Lager nicht weit von Dortmund blieben. Von hier wurde ich mit einigen Kameraden oft für mehrere Tage oder Wochen zu einem Großgrundbesitzer bei Essen geschickt, wo wir uns mit landwirtschaftlicher Arbeit befassten. Nach meiner Befreiung, die von den amerikanischen Truppen erfolgte, wurde ich in ein anderes Lager gebracht, wo nun die befreiten Kriegsgefangenen versammelt waren, und kurz danach übergab man mich den sowjetischen Truppen. Dann habe ich weiter neun Monate in der sowjetischen Armee gedient, bis ich im Frühjahr 1946 wieder nach Armenien zurückkam, wo ich Familie bildete und seitdem im Bezirk Aragazotn (Stadt Talin) wohne.

Mit herzlichsten Grüssen
und den besten Wünschen für das Neue Jahr.

Asat Tomasjan.

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