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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

226. Freitagsbrief (vom August 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Stepan Stepanowitsch Gubenin
Russland
Petrowsk-Sabajkalskij.

(…) Am 21.8.2010 habe ich Ihren Brief bekommen. Ich fing an, ihn zu lesen. Nach einigen Zeilen traten mir Tränen in die Augen, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Ich konnte nicht weiter lesen, war zu traurig. Nach ein paar Stunden hatte ich mich wieder beruhigt und machte mich daran, Ihren unerwarteten und für mich sehr wichtigen Brief zu lesen. Warum ist er für mich so wichtig? Weil Sie im fernen Deutschland, unabhängig von Ihrer Regierung, als privater Verein, sich an mich, Stepan Stepanowitsch Gubenin im rauen Transbaikalien, erinnert haben. Ich wurde 1917 im Dorf Kuli, Gebiet Tschita geboren, als gesunder, kräftiger Junge. Mit fünfzehn Jahren arbeitete ich schon auf dem Feld, führte den Pferdepflug zusammen mit meinem Vater. Ich war gut in der Schule. Dann besuchte ich die pädagogische Fachschule in Petrowsk-Sabajkalskij und wurde Lehrer. Ich arbeitete ein Jahr, bis dann 1941 unerwartet und ungerechterweise der Krieg begann. Ich wurde 1941 in die Armee eingezogen und kam zur Ausbildung in der Infanterieschule. Ich schloss sie aber nicht ab, sondern kam als einfacher Soldat an die 2. Ukrainische Front.

Ich nahm an drei schweren Gefechten teil, wo ich mit ansehen musste, wie Köpfe, Beine und weitere Körperteile unserer Soldaten durch die Luft flogen und auf der Erde landeten – es war ein schrecklicher Anblick. Ich werde ihn niemals vergessen. Während eines schweren Straßenkampfes lag ich neben einem Gebäude und vernichtete deutsche Soldaten. Dann flogen deutsche Flugzeuge heran und bombardierten unsere Truppen. Eine Bombe traf das Haus und ich wurde mit einigen anderen Soldaten von Teilen des Hauses verschüttet. Das Gefecht war sehr schwer für unsere Soldaten, unsere Truppen rückten ab und schafften es nicht mehr, uns mitzunehmen.

In der Nacht kamen deutsche Truppen, unter denen viele italienische Soldaten waren, und nahmen uns gefangen. Sie behandelten die Gefangenen sehr schlecht: Sie nannten uns immer nur Schweine. Wir mussten zwölf Stunden am Tag arbeiten. Wir hoben Schützengräben für die Deutschen aus und schleppten Steine zum Befestigen. Wenn ein Gefangener irgendetwas falsch machte, verprügelten sie ihn fürchterlich und traten ihn. Die Verpflegung war schlecht. Wir bekamen am Tag nur einen kleinen Laib Brot für zwei Personen. Die Suppe wurde aus verschiedenen Rüben gekocht (Futterrüben, Kohlrüben etc.).

Als die Deutschen wegen der Angriffe unserer Truppen den Rückzug antraten, trieben sie uns Gefangene nach Ostpreußen. Dort arbeiteten wir Tag und Nacht, ver- und entluden schwere Geschosse. Die wütenden deutschen Soldaten schlugen uns, wenn ein Gefangener ein Geschoss nicht heben konnte. In Ostpreußen wurden wir Gefangene dann von unseren sowjetischen Truppen befreit. Die ehemaligen Gefangenen konnten sich kaum auf den Beinen halten. In der Sowjetunion wurden wir innerhalb von zwei Wochen wieder auf die Beine gestellt. Dann konnten wir uns in der Banja waschen, bekamen neue Uniformen und es ging wieder in den Kampf , um die Überreste der deutschen Truppen und der Wlassow-Armee zu zerschlagen.

Am 9. Mai 1945 war der Krieg zu Ende. Was für eine Freude! Die Menschen fielen sich in die Arme, küssten sich, tanzten. Siegessalut wurden abgegeben etc. Ende 1945 wurde ich aus dem Armeedienst entlassen, da ich untauglich war. Ich durfte nach Hause, mit Geschenken für meine Familie. Am 6.1.1946 kam ich zu Hause an. Zu Hause empfingen mich meine Mutter und meine Schwester Katja. Ihre Freude lässt sich kaum beschreiben. Sie begutachteten meine Wunden. Meine Mutter sagte: „Die Füße kaputt, keine Zähne mehr, nur noch ein Auge: Stepan, du bist Schwerstinvalide, und du warst doch ein gesunder, kräftiger Bursche. Was haben die verfluchten Deutschen mit dir gemacht?“

Einen Monat lang blieb ich zu Hause und erholte mich, dann ging ich in der Schule arbeiten. Als meine Sehkraft nachließ, kam ich in eine Schule für blinde Kinder, später wurde ich in eine Schule für Sehbehinderte versetzt. 1980 bin ich in Rente gegangen. Ich bin Invalide des Großen Vaterländischen Krieges ersten Grades. Außerdem bin ich Mitglied des Allunionsverbands der Blinden (WOS).

Ich lebe in einer gut ausgestatteten Wohnung, zahle 50 % der Nebenkosten für die Wohnung. Vor zwei Jahren habe ich ein kostenloses Auto bekommen. Ich bekomme zwei Renten, eine Arbeitsrente und eine Invalidenrente. Das ist gut.

Bitte entschuldigen Sie, dass ich schlecht schreibe. Ich habe so gut geschrieben, wie ich konnte. Ich mache eine ähnliche Arbeit wie Sie. Ich trete in Schulen und bei Versammlungen auf, erzähle vom Krieg, von dem Leid usw.

Viele Grüße von Stepan Gubenin

Ich schicke Ihnen die Einladung zum Sanatoriumsaufenthalt mit, die ich nicht annehmen konnte. Ich war damals 90 Jahre und konnte nicht alleine fahren. Ich hätte eine Begleitperson gebraucht. Also habe ich die Kur nicht angetreten und darum gebeten, mir statt dessen das Geld auszubezahlen. Darauf habe ich keine Antwort bekommen, von der Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“, Moskau a/ja 893, FPU. [*] Diese Sache müsste geklärt werden.

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[*] Wir antworteten Herrn Gubenin, dass die deutsche Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, deren Partnerorganisation die russische Stiftung „Verständigung und Aussöhnung“ war, auf Grund einer vom Bundestag beschlossenen Bestimmung keine finanziellen Leistungen an ehemalige sowjetische Kriegsgefangene übermitteln durfte. Stattdessen wurden Mittel bereitgestellt, um den Aufenthalt in Sanatorien zu ermöglichen. Die russische Stiftung durfte keinen Geldersatz für nicht angetretene Kuren auszahlen. (KONTAKTE-KOHTAKTbI e.V. rief das Bürger-Engagement für vergessene NS-Opfer ins Leben und konnte bisher an über 7000 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene Spenden von insgesamt 2,5 Mio. Euro übermitteln als Geste der Anerkennung erlittenen Unrechts.)

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