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KONTAKTE-KOHTAKTbI

Verein für Kontakte zu Ländern der ehemaligen Sowjetunion.

225. Freitagsbrief (vom Oktober 2010, aus dem Russischen von Valerie Engler).

Radion Jakowlewitsch Schaporew
Russland
Staroalejskoje
Region Altaj.

(…) Als ich Ihren Brief bekam, habe ich ihn unter Tränen immer wieder gelesen. (…) Nun möchte ich ein wenig von mir schreiben – d.h. was mir noch im Gedächtnis geblieben ist, das nicht mehr das Beste ist. Von meinem Armeedienst vor der Gefangenschaft werde ich nicht schreiben, ich habe gekämpft wie alle anderen auch, für den schnellen Sieg und für das Ende des Krieges. Kurz zur Gefangenschaft. Am 28.3.1944 bekam ich beim Rückzug unserer Einheit den Befehl, einen verwundeten Offizier, der in einem Schuppen lag, herauszubringen. Die Deutschen waren schon sehr nah, ich war nur etwa 500 Meter von ihnen entfernt, so schaffte ich es nur zu sagen: „Genosse Hauptmann, wir müssen so schnell wie möglich weg“, als plötzlich das Geschoss einer Kanone in das Dach des Schuppens einschlug. Sofort stand alles in Flammen und das Dach stürzte auf uns herunter. Etwas traf mich am Kopf und ich verlor das Bewusstsein. Wie lange ich bewusstlos war, weiß ich nicht. Als ich zu mir kam, sah ich bzw. hörte ich, dass neben mir deutsche Soldaten standen und miteinander sprachen. Ich konnte nicht selbst aufstehen, sie zogen mich hoch und führten mich zu einem Panzer, der in der Nähe stand. Aus ihren Gesprächen und Gesten verstand ich, dass sie überlegten, was sie mit mir tun sollten: erschießen oder mit dem Panzer ins Hinterland bringen. Anscheinend hatte ich Glück und sie wollten mich noch ein Weilchen am Leben lassen. Die deutschen Soldaten beförderten mich in den Panzer und brachten mich zum Führungsstab. Ein Dolmetscher sagte, dass sie von mir nichts bräuchten, sie wüssten schon alles. Noch am gleichen Tag wurde ich weiter ins Hinterland gebracht, wo viele gefangene russische Soldaten waren. Einen Tag später wurden wir in Eisenbahnwaggons verfrachtet, wie die „Sardinen in der Büchse“, manche konnten sich nicht einmal hinsetzen. Auch die Verwundeten konnten sich nicht hinlegen, sie saßen oder standen. Wir fuhren zwei oder drei Tage, die Waggons wurden während der Fahrt nicht geöffnet, wir bekamen weder Essen noch Trinken. Unsere Notdurft mussten wir im Waggon verrichten, wo ein Kübel dafür stand. Sie brachten uns ins Konzentrationslager Küstrin [Stalag III C], wo ich zehn Monate ausharren musste. Zu essen bekamen wir die sogenannte „Balanda“ – das waren geschnittene und gekochte Rüben, ich kann mich nicht mehr erinnern, ob auch Kartoffeln dabei waren. Außerdem 150 Gramm Brot am Tag. Manchmal wurden wir ins Waschhaus gebracht, wo unsere Kleidung wegen der Läuse bedampft wurde. Trotzdem zerstachen sie ständig unsere ausgezehrten Körper. Während der ganzen Zeit im Lager haben wir nie die Oberbekleidung gewechselt. Jeden Tag konnte man beobachten, wie die Toten, die an Unterernährung Gestorbenen, aus dem Lager getragen wurden. Manchmal kamen Leute von der Polizaj, suchten eine Gruppe Gefangene zusammen und brachten sie weg – sie kamen nie wieder zurück. Dank meines kräftigen Organismus, den ich mir bis heute erhalten habe, blieb ich am Leben. Das wäre in Kürze das Wichtigste über meine Zeit in der Gefangenschaft.

Am 30.1.1945 wurde das Lager von sowjetischen Truppen befreit. Nach der Überprüfung durch die entsprechende Stelle beim KGB kam ich sofort wieder zur Armee und musste meinen Armeedienst fortsetzen. (…) Der Dienst verlief normal und ging bis zum April 1949. Alles zusammen war ich sechseinhalb Jahre bei der Sowjetischen Armee.

Dann begann das bürgerliche Leben in der Heimat. Im Fernstudium schloss ich die Fachschule für Finanzen ab und arbeitete dann bis zur Rente im Finanzwesen. Ich war immer auch ehrenamtlich engagiert, zuerst in der Gewerkschaft zum Schutz der Rechte der Werktätigen, und als ich in Rente ging, begann ich mich um die Veteranen und Rentner zu kümmern und war achtzehn Jahre lang Vorsitzender des regionalen Veteranenrates. Ich habe oft Schulen und Jugendverbände besucht, vom Krieg erzählt und vom Wiederaufbau der Volkswirtschaft. Am 23. November 2010 werde ich 85 Jahre alt, ein rundes Datum. Im Großen und Ganzen fühle ich mich gut, nur sehe ich leider schlecht und weiß nicht, was ich tun kann, damit ich das Augenlicht nicht ganz verliere. (…) Ich würde gerne an diese Orte in Deutschland fahren, in die Vergangenheit eintauchen, mich an vieles zurück erinnern: an meine Freunde und Landsleute und an alle diejenigen, mit denen ich den Sieg errungen und die mit mir in Stendal waren. Ich würde gerne sehen, ob das Lager noch steht, der Ort meiner Leiden, und natürlich würde ich gerne Berlin sehen, wo ich auch war, wenn auch nicht für lange. Aber natürlich würde ich vor allem Sie gerne treffen, die Sie so an meinem Schicksal Anteil nehmen, und Ihnen persönlich für alles danken.

Meine Frau ist vor zwei Jahren gestorben. Ich lebe mit meiner Tochter und meinen zwei Enkeln zusammen. Ich habe eine große Familie: zwei Söhne, eine Tochter, sechs Enkel und sechs Urenkel. Kommen Sie mich im fernen Sibirien besuchen, ich würde mich sehr freuen. Ich schicke Ihnen ein Foto mit, es ist eine Aufnahme vom 64. Jahrestag des Sieges. Ich stehe ganz rechts, habe eine weiße Mütze auf.

Alles Gute für Sie, auf Wiedersehen.

Schaporew.

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Der Brief ist leicht gekürzt. Den vollständigen Text senden wir auf Nachfrage. Den Leserinnen und Lesern der Freitagsbriefe wünscht das KOHTAKTbI-Team alles Gute im neuen Jahr.

Eberhard Radczuweit.

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